• Lehrermangel in der Hauptstadt: Sogar Lehrer ohne Abitur unterrichten jetzt Berlins Schüler

Lehrermangel in der Hauptstadt : Sogar Lehrer ohne Abitur unterrichten jetzt Berlins Schüler

Zum neuen Schuljahr fehlen nach Einschätzung des Gesamtpersonalrats noch 600 Lehrkräfte. Die Zahl der Lehrer ohne volle Ausbildung steigt.

Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel.
Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel.Foto: dpa

Zum neuen Schuljahr fehlen in Berlin nach Einschätzung des Gesamtpersonalrats noch mindestens 600 Vollzeitlehrkräfte. Dieter Haase, der Vizevorsitzende des Gesamtpersonalrats, rechnet damit, dass diese Stellen vor allem mit Lehrern ohne volle Lehrbefähigung – den sogenannten Lovls – und Quereinsteigern gedeckt werden. Er sieht es mit Sorge, dass die Zahl der Lehrkräfte ohne klassische Ausbildung stetig zunimmt.

Einige Lovls haben keine universitäre Ausbildung

Schon jetzt gebe es rund 1000 dieser Lovls im Schulsystem. Allein im vergangenen Jahr wurden rund 900 von ihnen eingestellt. Unter diesen bereits unterrichtenden Lovls sei eine „Anzahl im hohen zweistelligen Bereich“, die keine universitäre Ausbildung hätten. Einige wenige sogar nicht mal Abitur.

Manche hätten ein Lehramtsstudium nach den ersten Semestern abgebrochen, manche den Abschluss des Referendariats nicht geschafft. Haase nennt als Beispiel einen Gymnastiklehrer, der nur einen Schulabschluss der zehnten Klasse habe, und eine Reisekauffrau, die Geografie unterrichtet.

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Die Senatsbildungsverwaltung teilt dazu mit, dass nach einer „sorgfältigen Einzelfallprüfung“ Personen eingestellt werden können, wenn sie sich über einen längeren Zeitraum an einer Berliner Schule bewährt hätten. In der Regel hätten diese Lehrkräfte einen Hochschulabschluss.

Schulen bevorzugen Lovls vor Quereinsteigern

„Es gibt eine ganz große Bandbreite bei den Lovls“, sagt Haase. Es seien viele hochmotivierte Menschen dabei, die oft schon lange als Vertretungslehrer gearbeitet hätten. Auch pensionierte Lehrkräfte, die zurückkehren, werden zu den Lovls gezählt, ebenso wie Studierende, die im Rahmen des Programms „Unterrichten statt kellnern“ arbeiten.

Aus Schulen höre er mitunter, dass diese lieber Lovls als Quereinsteiger nehmen, weil sie die Lovls schon als Vertretungskräfte kennen und weil diese mehr Stunden arbeiten können als Quereinsteiger, die ja Zeit für das berufsbegleitende Referendariat und etwaige Begleitstudien benötigen.

Ob die noch offenen Stellen vor allem mit Lovls oder mit Quereinsteigern besetzt werden, ist noch nicht ganz klar. Denn es gebe noch rund 400 Quereinsteiger auf einer Nachrückerliste, sagt Haase. Zudem plane die Bildungsverwaltung eine weitere Ausschreibung, auf die sich Quereinsteiger für Mangelfächer bewerben sollen.

Ab 2023 könnte sich die Situation entspannen

"Die gute Nachricht ist, dass es der Senatsbildungsverwaltung wahrscheinlich wieder gelingen wird, bis zum Schuljahresbeginn noch genügend Personen an Bord zu bekommen“, sagte Haase. Das Problem, dass immer mehr Menschen ohne volle Ausbildung an Berliner Schulen arbeiten, könne sich aber verstetigen. Denn nach seinen Informationen plane die Bildungsbehörde die Verträge der Lovls, die derzeit befristet seien, zu entfristen.

Das könne problematisch werden, wenn es wieder genügend Lehramtsabsolventen gebe und die Stellen dann blockiert seien. Er rechnet damit, dass sich die Situation ab dem Jahr 2023 entspanne. Der Gesamtpersonalrat fordert deshalb, dass die Lovls entweder nur befristet eingestellt werden oder berufsbegleitend ausgebildet werden.

Bedarf in Spandau, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf

Die Senatsbildungsverwaltung nennt zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Zahlen zur Einstellungssituation, bestätigte aber, dass die Größenordnung bei einem Bedarf von rund 2200 bis 2300 Vollzeitstellen in diesem Kalenderjahr liege, auf Personen gerechnet wären das rund 3000. Haase hat selbst recherchiert und schlüsselt die Zahlen genauer auf: Zum ersten Halbjahr wurden 965 Personen eingestellt, davon waren 280 Quereinsteiger und 145 Lovls.

Zum Anfang des neuen Schuljahrs im August seien bisher rund 750 Laufbahnbewerber, also klassisch ausgebildete Kräfte, eingestellt worden. Außerdem seien rund 450 Quereinsteiger im Einstellungsverfahren. Rechnet man diese Personen auf Vollzeitstellen um, seien bisher rund 1600 Stellen abgedeckt. Damit gibt es noch eine Lücke von rund 600 Vollzeitkräften.

Auch zu einigen Bezirken hat Haase Informationen. Neukölln benötigt demnach 227 Vollzeitkräfte. Bisher seien erst 165 Stellen abgedeckt. Auf Personen bezogen seien 226 Lehrkräfte einstellt worden. Darunter seien 60 Laufbahnbewerber, 75 Quereinsteiger und 91 Lovls. Großen Bedarf gebe zudem in Spandau, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf. Kaum Probleme gebe es hingegen in Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick.

Schulleiterin: Quereinsteiger gerechter verteilen

Auch Astrid-Sabine Busse, die Vorsitzende des Interessenverbands Berliner Schulleitungen (IBS), sieht es kritisch, dass zunehmend Quereinsteiger und Lovls an den Schulen arbeiten. Im Moment gehe es nicht anders, weil es nicht genügend Laufbahnbewerber gebe, aber man müsse aufpassen, dass die Verteilung an den Schulen gerechter werde.

Außerdem müssten die Quereinsteiger und Lovls gut betreut werden. „Wenn es zehn Prozent des Kollegiums sind, kann man das gut schaffen“, sagt Busse. Aber wenn es die Hälfte des Kollegiums ist, könne es ihrer Meinung nach nicht gutgehen. „Ich achte genau darauf, wen ich einstelle“, sagt Busse.

„Wenn ich eine Lovl-Kraft einstelle, dann möglichst erstmal nur mit wenigen Stunden und erst, nachdem sie hospitiert hat.“ Gerade in der ersten Klasse sollten nur voll ausgebildete Lehrer arbeiten, sagt sie. Denn gerade dann, wenn die Grundlagen für Mathe und Deutsch gelegt werden, komme es immens auf eine gute Pädagogik an: „Das ist die Königsklasse, da muss man ganz viel können.“

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