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Nachtleben in Berlin: Magische Momente in der Bar 25

Carolin Saage hat beobachtet, fotografiert und miterlebt, was sich in der Bar 25 abspielte. Als Hausfotografin der Bar war sie die Einzige, die hier Bilder machen durfte. Drei Jahre nach der Schließung erscheint nun ihr Fotobuch mit Bildern, die Augenblicke eines Erwachsenenspielplatzes einfangen.

Manchmal hatte sie Schürfwunden am Hals. Vom Gurt ihrer Kamera, die sie praktisch nie ablegte. Jede Sekunde konnte wieder einer dieser Zaubermomente passieren: Wenn das glitzernde Konfetti auf die tanzende Menge regnete. Wenn das Licht im perfekten Winkel auf die vom Feiern Erschöpften fiel, die sich auf den Sofas unterm Bretterverschlag ausruhten. Oder wenn sich nackte Körper miteinander im Schlamm wälzten, als könnten sie fliegen. Bar-25-Momente eben.

"25/7" - sieben Jahre in 200 Bilder reingepresst

Sieben Jahre lang hat die Fotografin Carolin Saage das bunte Treiben in dem legendären, seit 2010 geschlossenen Feiertempel an der Holzmarktstraße mit der Kamera begleitet. Nun erscheint ihr Fotobuch „25/7“ mit rund 200 Bildern, so ganz genau weiß es Carolin Saage selbst nicht, „jedenfalls sind es viel zu wenige, um da die ganzen sieben Jahre reinzupressen“. Bis Ende August sind sie auch in der Galerie „Contributed“ in Friedrichshain zu sehen. Allen anderen war das Fotografieren des magischen Ortes streng verboten, Carolin Saage durfte, ja sollte sogar: Die Betreiber kannte sie schon vor dem Entstehen der Bar 25; „die Jungs“, wie sie sie liebevoll nennt, hatten sie gebeten, die Entwicklung auf dem Gelände zu dokumentieren.

„Da war ja erst mal nur eine Hütte. Es war toll, zu beobachten, wie das immer weiterging: Toilettenhäuschen, Duschen, Restaurant, Pool.“

Carolin Saage hat über sieben Jahre fast jedes Wochenende in der Bar 25 verbracht.

© Björn Kietzmann

Aus der reinen Dokumentation wurde schnell etwas ganz eigenes: Die Partys wurden von Jahr zu Jahr größer, die Schlangen am Einlass länger, die Verkleidungen der Leute verrückter.

Ein Erwachsenenspielplatz voller schöner Menschen, die verrückte Dinge taten

Von 2003 bis 2010 hat die mittlerweile 36-Jährige im Sommer fast jedes Wochenende auf dem Areal an der Holzmarktstraße verbracht, 2005 hat sie dort sogar für einen Sommer im VW-Bus ihr Lager aufgeschlagen, um ganz nah dran zu sein.

Klar sei es anstrengend gewesen, dort zu arbeiten, wo andere feiern. Aber meistens habe es einfach riesigen Spaß gemacht, auf diesem Erwachsenenspielplatz voller schöner Menschen, die verrückte Dinge taten. Schön meint dabei nicht in erster Linie makellos und modelmäßig, im Gegenteil: „Auch wenn jemand völlig fertig in der Ecke lag, habe ich versucht, der Szene etwas Charmantes zu geben“, sagt die gebürtige Sächsin, die seit zehn Jahren in Berlin lebt. Da passt Carolin Saage, blonder Lockenkopf, schwarzes kurzes Kleid, rauchige Stimme, kehliges Lachen, irgendwie auch besser hin als in die sächsische Provinz oder den kühlen Norden, wo sie einst Fotografie studierte.

Keine Chronologie; nur Momentaufnahmen, die Augenblicke einfangen

In der Nähe des Hackeschen Markts teilt sie sich mit zwei Designerinnen ein kleines Atelier im fünften Stock, gleich unterm Dach, wo die Mittagssonne trotz runtergelassener Jalousien reinknallt. Das meiste hier gehört den Designerinnen: An der einen Wand hängt ein Bikini mit Goldpailletten, auf der Kleiderstange sind dicht an dicht die neuesten Entwürfe aufgereiht. Das stört Carolin Saage nicht, sie ist beruflich eh viel unterwegs: Dieses Jahr war sie schon in Venedig, Tirol und dreimal in Istanbul, als Nächstes stehen Rumänien, Sardinien und Mexiko im Terminkalender.

Den Traum vom eigenen Buch erfüllt

Erst vergangene Woche ist sie nach Lüdenscheid gefahren, wo sie den Druck des Fotobuches begleitet hat. Endlich. Dass es fast drei Jahre dauern würde, bis die Finanzierung geregelt, ein Verlag gefunden und ihr Traum vom eigenen Buch erfüllt wurde, hätte sie nicht gedacht. „Zum Glück hatte ich viele liebe Menschen, die mir geholfen haben. Ohne die hätte es das Buch wahrscheinlich nie gegeben!“

Auf Texte verzichtet sie ganz, die Fotografien, einige quietschbunt, andere gedämpft, manche schwarz-weiß, sprechen für sich. Eine Chronologie gibt es nicht, vielmehr sind es prächtige Momentaufnahmen, die Augenblicke einfangen, „als würde man einmal durch eine Party rauschen“, sagt Carolin Saage. Viele wollten anfangs nicht aufs Bild, am Ende waren die meisten stolz, auf den Fotos zu sein. Der fröhlichen, offenen und unaufdringlichen Fotografin war es sehr wichtig, die Leute nach ihrem Einverständnis zu fragen – wann immer es möglich war. Meist war das Problem aber eher andersherum: Viele wollten unbedingt aufs Bild und fingen an zu posieren. Dabei wollte Carolin Saage ja gerade das Ungestellte, Authentische. Unzählige Fotos hat sie gemacht, sieben Festplatten voll, jedes Jahr eine, und eine Kamera hat sie verschlissen.

Ein richtiges Lieblingsbild habe sie nicht, während des Aussuchens und der Arbeit an dem Bildband seien ihr alle ans Herz gewachsen. Obwohl, sie überlegt kurz, spielt mit ihrem türkisfarbenen Ring, vielleicht das mit dem Mädchen im Pool, das von hinten von Männerarmen hochgehoben wird; einfach weil sie die Geschichte dazu so gut findet: „Ich habe die beiden beobachtet, wie sie im Pool geschäkert haben, sich näher kamen, während so ein anderer Typ immer nervöser um den Pool gelaufen ist. Irgendwann sprang der in voller Montur ins Wasser. Es stellte sich raus, dass er der Freund des Mädchens war. Das hatte sie wohl kurz vergessen.“ Carolin Saage lacht wieder ihr kerniges Lachen. Solche Geschichten habe nur die Bar 25 geschrieben. Schon schade, dass das vorbei sei. „Aber dafür entsteht ja auch viel Neues, das Gelände wird zurückerobert“, sagt Carolin Saage und meint damit nicht nur das Kater Holzig, den Nachfolger der Bar 25 auf der gegenüberliegenden Spreeseite, sondern auch das Projekt auf dem Holzmarkt-Gelände. Die Initiatoren der Bar 25 planen hier ein Wohndorf, kulturelle Angebote und einen neuen Club. Zeit für neue Geschichten. Und für neue Bilder.

„25/7“, 39,90 Euro, Verlag Seltmann & Söhne, erscheint am 1. August. Buchvorstellung und Ausstellungseröffnung am heutigen Donnerstag, 19 Uhr, in der „Contributed“ Galerie am Strausberger Platz 16, Friedrichshain. Die Bilder sind dort bis zum 27. August zu sehen.

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