• Matthias Platzeck über die Oderflut 1997: „Die Leute hatten Angst, schon wieder alles zu verlieren“

"Die Initialzündung für unser künftiges Katastrophenmanagement."

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Matthias Platzeck über die Oderflut 1997 : „Die Leute hatten Angst, schon wieder alles zu verlieren“

Gab es einen schönsten Moment?

Das war ganz zweifellos der, als wir diesen Menschen, die meistens in Turnhallen campierten, sagen konnten: „Die Gefahr ist gebannt. Ihr könnt zurück zu Haus und Hof.“ Gerade weil wir wussten, wie viel Herzblut und wie viel Tränen geflossen waren, als die Leute glaubten, dass sie all das nicht wiedersehen. Es war sehr bewegend.

Matthias Platzeck lebt seit seinem politischen Rückzug in der Uckermark.
Matthias Platzeck lebt seit seinem politischen Rückzug in der Uckermark.Foto: dpa

Und der traurigste Moment?

Das war ebenso zweifellos der Tag, als wir die Ziltendorfer Niederung verloren haben. Als wir die Wucht der Wassermassen spürten. Ich werde diese Szenen niemals vergessen. Hunderte Jahre alte Bäume, die vorher auf dem Deich standen, trieben senkrecht in den Fluten. Tiere verendeten – nicht alle waren rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden. Und zu diesem Zeitpunkt mussten wir ja noch davon ausgehen, dass uns ähnliche Szenarien in Frankfurt und im Oderbruch bevorstanden, dass wir dies alles noch einmal erleben mussten.

Ihr damaliger Weggefährte Matthias Freude nennt die Oderflut noch immer die „Mutter aller Hochwasser“. Stimmen Sie dem zu?

Ja. Zwar waren das Hochwasser 2002 an der Elbe und auch die nachfolgenden 2010 und 2013 an Oder, Elbe, Schwarzer Elster und Spree auch schwierig, aber 1997 war die Feuertaufe. Die Initialzündung für unser künftiges Katastrophenmanagement. Wir haben Strukturen, System und Kontakte – auch über die Grenzen hinweg – aufgebaut. Und wir hatten ja auch Erfolg. Das Wunder von Mühlberg zum Beispiel, wo im Jahr 2002 die Deiche hielten, wäre ohne das nicht möglich gewesen.

Sie sagen eingangs, dass es in Zeiten des Klimawandels keinen hundertprozentigen Schutz gegen Umweltkatastrophen gibt. Liegt das auch daran, dass das Bewusstsein dafür noch immer unentwickelt ist?

Ich würde das nicht so negativ sehen. Bei aller Selbstkritik hat sich unser Umweltbewusstsein doch stark weiterentwickelt, allein was Bauvorschriften und die Erhaltung von Lebensräumen anbelangt. Denken Sie nur an unsere Biosphärenreservate. Um den Nationalpark Unteres Odertal gab es fast noch körperliche Auseinandersetzungen. Den wollten Bauern und sogar ein ehemaliger Landwirtschaftsminister mit Traktoren verhindern. Heute schmückt sich Schwedt mit dem Beinamen „Stadt am Nationalpark“.

Andererseits hält sich die Lernfähigkeit des Menschen in Grenzen. Immer wieder werden in Hochwassergebieten Häuser gebaut – wenn nicht nach 20, dann doch nach 50 Jahren, in denen keine größeren Katastrophen geschehen sind.

Ja, der Mensch vergisst schnell. Wenn wir die Fähigkeit des Vergessens nicht hätten, würden wir auf dieser Welt verrückt werden. Und dennoch lernen wir auch dazu. Nehmen Sie nur das Beispiel der regenerativen Energien. Wenn es entsprechende Speichermöglichkeiten gäbe, könnte sich das Land Brandenburg schon heute weitgehend mit Strom aus Wind, Wasser und Sonne versorgen.

Noch einmal zurück zur Oderflut: Bei aller Dramatik, das Hochwasser hat Sie persönlich – auch durch die mediale Aufmerksamkeit – extrem populär gemacht.

Diese Außenwirkung habe ich in diesen drei, vier Wochen, ehrlich gesagt, überhaupt nicht mitbekommen. Das wurde mir später erst alles klar. In der Zeit an den Deichen haben wir jede Nacht nur drei, vier Stunden geschlafen, dann gab es die nächste Lagebesprechung und zwischendurch hatte man halt auch mal wieder ein Mikrofon vor der Nase.

Denken Sie manchmal darüber nach, dass Ihr Leben ohne das Oder-Hochwasser vielleicht anders verlaufen wäre?

Zufälle spielen in jedem Leben eine Rolle. Mein Leben wäre auch anders verlaufen, wenn ich im November 1989 nicht in der Nähe eines Telefons gewesen wäre und mich die Einladung zum Runden Tisch, an dem Vertreter der DDR-Opposition saßen, nicht erreicht hätte.

Matthias Platzeck, 63, SPD, war während der Oderflut Umweltminister in Brandenburg, anschließend Potsdamer Oberbürgermeister und von 2002 bis 2013 Ministerpräsident.

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