Mehr Geld vom Senat : So sollen Berlins Bäder ausgebaut werden

Schluss mit Stillstand – es wird konkret mit Berlins Spaßbädern: Es geht um Kletterfelsen und Sauna-Anlagen. Ein erster Blick in die 200 Seiten starke Studie.

Finanzspritze für Berlins Bäder?
Finanzspritze für Berlins Bäder?Foto: Getty Images/iStockphoto

Darf’s ein Schwimmbecken mehr sein? Kein Problem! Die landeseigenen Berliner Bäderbetriebe, die einen Sanierungsstau von 227 Millionen Euro vor sich herschieben, könnten künftig mehr Geld bekommen. „Die sollen seriös aufschreiben, was sie brauchen und wir kümmern uns“, hört man von den Haushältern der rot-rot-grünen Koalition. Die neue Großzügigkeit wird zuerst den Sport- und Freizeitbädern in Pankow und Mariendorf zugute kommen, für deren Bau bisher 60 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Aber das wird keinesfalls reichen. Am Ende werden es wohl mindestens 80 Millionen Euro sein. Als der Senat vor vier Jahren ein neues Bäderkonzept vorbereitete, wurde noch über vier Standorte für „multifunktionale Kombibäder“ diskutiert, die 365 Tage im Jahr geöffnet sein sollten. Aber dann beschränkten sich die damals regierenden Sozial- und Christdemokraten aus finanziellen Gründen auf jeweils ein „Spaßbad“ im Osten und Westen der Stadt. Die interne Kostenschätzung lag zunächst bei 38 Millionen Euro je Neubau, aber dann stellte der Senat für eine abgespeckte Variante nur insgesamt 60 Millionen Euro zur Verfügung.

Das Geld liegt immer noch ungenutzt im „Sondervermögen Infrastruktur der wachsenden Stadt“ (Siwana), denn Planung und Bau der Schwimmbäder kommen seit drei Jahren nicht voran. Jetzt aber versuchen die Bäderbetriebe einen Befreiungsschlag. In Pankow und Mariendorf soll, sobald die zuständigen Bezirke den jeweils notwendigen Bebauungsplan aufgestellt haben, ein privater Generalübernehmer zum Festpreis die beiden Großprojekte stemmen. Verbunden mit der Verpflichtung, in den ersten 15 Jahren nach der Eröffnung die Instandhaltung der Kombibäder auf eigene Kosten zu übernehmen. Der Betrieb bleibt aber in öffentlicher Hand.

Abgeordnetenhaus muss höherem Kostenrahmen zustimmen

Voraussetzung ist, dass der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses der Einschaltung eines Generalübernehmers, der von den Bäderbetrieben derzeit gesucht wird, und einem höheren Kostenrahmen zustimmt. In der Sitzung am 10. Oktober erwarten die Haushälter der Koalition ein plausibles Konzept, zu dem auch eine konkrete Auflistung des zusätzlichen Bedarfs gehört. Dabei geht es mindestens um ein großes Außenbecken in Mariendorf sowie ein weiteres Hallenbecken für Vereine und Schulen sowie die Sanierung einer baufälligen Sonnenterrasse im Freibad Pankow.

Klotzen, nicht kleckern, haben sich die Regierungsfraktionen SPD, Linke und Grüne nun also vorgenommen. Das viele Geld, in dem Berlin wegen der hohen Jahresüberschüsse im Haushalt seit Jahren schwimmt, müsse für die Bevölkerung endlich positiv spürbar ausgegeben werden, heißt es koalitionsintern. Allerdings sind die Finanzexperten im Parlament nicht mehr bereit, weitere Verzögerungen bei Planung und Baubeginn der beiden Multifunktionsbäder hinzunehmen.

Das Multifunktionsbad Mariendorf soll im Frühjahr 2024 eröffnet werden und ganzjährig in Betrieb sein. Am Ankogelweg 95 in Tempelhof-Schöneberg stehen für den Neubau 7,2 Hektar zur Verfügung. Es fehlt noch der Bebauungsplan. Das alte Hallen- und Sommerbad an diesem Standort wird abgerissen. Wer nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß anreist, kann 162 Auto- und 105 Fahrradstellplätze nutzen. Die vorhandenen Sport- und Liegeflächen draußen werden schick gemacht und ein ganzjährig nutzbares Außenbecken gebaut. Geplant ist ein dreigeschossiges Gebäude mit Kunst am Bau, architektonische Entwürfe gibt es noch nicht.

Kombibad für 390.000 Besucher jährlich

Das neue Kombibad hat Platz für 390.000 Besucher jährlich. Als Eintrittspreise werden 6 Euro (Sportschwimmer), 17 Euro (plus Freizeitbaden) und 25 Euro (plus Sauna) anvisiert. Ermäßigungen, etwa für Kinder oder Kurzzeitschwimmer, soll es geben. Das entspräche den Preisen für vergleichbare Bäder im Umland, steht in einem 219 Seiten starken Bericht der Sportverwaltung des Senats, der dem Tagesspiegel vorliegt. Öffnungszeiten von 6.30 Uhr bis 22 Uhr sind geplant. Das Bad wird auch Schulen und Vereinen zur Verfügung stehen.

Zum Repertoire gehört ein 50-Meter-Sportbecken, außerdem ein Sprungbecken mit einer besonderen Attraktion: An einer Kletterwand kann man freihändig nach oben klimmen, um sich ins Wasser fallen zu lassen. Dann gibt es noch ein Lehrschwimmbecken und einen Freizeitbereich mit Rutschenturm, Erlebnisbecken für Kinder und ganzjährig nutzbarem Außenbecken zuzüglich großer Liegewiese. Zum Spaßbereich gehören ein Strömungskanal, Wasserkanonen, Unterwassermassage und Geysire. 140 Liegestühle soll es drinnen geben und 100 Plätze in der Gastronomie, zudem ein Ruhebereich. Geplant ist auch eine Saunalandschaft mit großem Garten, Kaminraum, Schwallregenduschen und 140 Ruheplätzen, die „den Ansprüchen einer gehobenen Premiumsauna genügt“.

In Pankow wird an der Wolfshagener Straße neben dem bestehenden Sommerbad auf insgesamt 90.000 Quadratmetern ein zweites Multifunktionsbad entstehen. Auch hier fehlt noch ein Bebauungsplan, die Lage ist verzwickt. Denn gleich nebenan ist ein Schulneubau vorgesehen. Das muss der Bezirk alles unter einen Hut bekommen. Auch hier: Großzügige Auto- und Radstellplätze, die Sport- und Liegeflächen des Sommerbads werden generalüberholt, ein ganzjährig nutzbares Außenbecken wird gebaut und es entsteht eine schöne Saunalandschaft. Platz soll dann sein für 404.000 Besucher jährlich, das Preisniveau wird sich von Mariendorf nicht unterscheiden. Auch die Öffnungszeiten sind ähnlich.

Abgetrennter Bereich für Schul- und Frühschwimmer

Ein Teil der neuen Pankower Schwimmhalle soll für das Schulschwimmen abgetrennt werden, der auch Frühschwimmern zur Verfügung steht – und am Wochenende und nach 16 Uhr allen Besuchern. Der Vereinssport bleibt außen vor, dafür ist die sanierte Schwimmhalle in der Thomas-Mann-Straße da. Der Freizeitbereich des neuen Schwimmbads wird ähnlich aufwändig gestaltet wie in Mariendorf. Das ebenfalls dreigeschossige Gebäude des Kombibads soll einen gemeinsamen Zugangsbereich mit dem Sommerbad haben. Dessen marode Sonnenterrassen werden saniert. Eröffnet werden soll der Neubau im Juni 2025.

Nach Berechnungen der Bäderbetriebe werden die Betriebskosten der neuen Kombibäder deutlich niedriger sein als in den alten Bädern. In Koalitionskreisen ist sogar zu hören, dass in Marzahn-Hellersdorf mittelfristig ein drittes Sport- und Freizeitbad entstehen könnte. Aber jetzt will man erst einmal Erfahrungen sammeln mit dem privaten Generalübernehmer, der gerade gesucht wird. Bundesweit gebe es mit solchen Bauherrenmodellen positive, aber auch schlechte Erfahrungen, räumen die Bäderbetriebe ein.

Ob der landeseigene Betrieb in der jetzigen Struktur den gewachsenen Anforderungen noch gerecht werden kann, wird von Fachleuten der Koalitions- und Oppositionsfraktionen bezweifelt. In München beispielsweise haben die Bäderbetriebe mit den dortigen Stadtwerken einen starken Partner. In Berlin gab es auch schon Überlegungen, die Bäderbetriebe in die Obhut der Berliner Wasserbetriebe zu geben. Erst einmal muss Innen- und Sportsenator Andreas Geisel (SPD) einen Nachfolger für den Bäderchef Andreas Scholz-Fleischmann suchen, der im April 2019 ausscheidet.

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