zum Hauptinhalt
Ankunft in Tegel.
© AP/Steffi Loos

Missstände im Ankunftszentrum Tegel: Sprechverbot als Anweisung „von oben“

Das DRK weist jede Kritik am Ankunftszentrum zurück. Helfer hingegen bestätigen die Missstände. Doch allein dürfen sie mit der Presse nicht sprechen.

Im Ankunftszentrum Tegel sind wochenlang Helfer zur Betreuung ukrainischer Flüchtlinge eingesetzt worden, die weder einen Impfschutz noch ein Führungszeugnis vorweisen mussten. Die betreffenden Mitarbeiter wurden über eine Zeitarbeits-App vermittelt.

Auf eine Nachfrage des Tagesspiegels hin hatte eine Sprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) zunächst jede Verantwortung bestritten und behauptet, der App-Betreiber sei für die Kontrolle von Impfnachweis sowie Führungszeugnis zuständig - es werde sogar der Nachweis eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses verlangt.

Wie sich nun herausstellte, stimmt dies nicht: Dem Tagesspiegel erklärte der App-Betreiber, eine solche Kontrolle sei nie vereinbart worden. Inzwischen hat dies auch das DRK eingeräumt. Jetzt heißt es, ein Impfschutz sei sowieso nicht zwingend nötig.

Die fehlenden Nachweise sind nur einer der Mängel, von denen ein Mitarbeiter im Ankunftszentrum vor drei Wochen anonym im Tagesspiegel berichtet hatte. Das vor Ort tätige DRK reagierte empört und stritt die Vorwürfe ab. Von chaotischen Zuständen könne keine Rede sein.

Angezweifelt wurde etwa ein Vorfall, bei dem eine krebskranke Frau im Rollstuhl über mehrere Stunden in den Zelten warten musste. Obwohl Ärzte ihr bescheinigt hatten, dass sie nicht transportfähig sei und zur medizinischen Behandlung in Berlin bleiben müsse, wurde ihr über Stunden hinweg die Registrierung verweigert, da sie keine sechsmonatige Unterkunft in Berlin vorweisen könne.

Die Antwort bleibt seit drei Wochen aus

Dass es diesen Vorfall gab, sei „sehr unwahrscheinlich“, erklärte DRK-Projektleiter Detlef Cwojdzinski. „Das System, das wir geschaffen haben, schließt das aus.“ Auf den Einwand, dass neben Zeugenaussagen auch Fotos des Vorfalls samt zugehöriger Zeitstempel existieren, entgegnete eine DRK-Sprecherin aufgebracht, wieso der Fall, sollte es ihn geben, denn „so groß“ gemacht werde und ob sich der Tagesspiegel keiner „Gesamtverantwortung“ bewusst sei. Sie versprach, dem Vorwurf nachzugehen und Details in Erfahrung zu bringen.

Eine Rückmeldung hierzu steht seit drei Wochen aus.

Komplett anders als die Hilfsorganisation reagierte die Senatsverwaltung auf die Kritik: Sie sei dankbar für jeden Hinweis, denn nur so könne nachgebessert werden, sagte Sozialsenatorin Katja Kipping (Linke). Die vor Ort tätigen Organisationen bat sie umgehend, alle Vorwürfe Punkt für Punkt durchzugehen - und noch einmal gegenüber allen Ehrenamtlichen zu kommunizieren, dass internes Aufmerksammachen auf Missstände und Vorbringen von Verbesserungsvorschlägen erwünscht sei.

Senatorin Katja Kipping reagierte umgehend

Eine weitere Sofortmaßnahme Kippings: Abgeordnete des zuständigen Fachausschusses Integration, Arbeit und Soziales können das Ankunftszentrum jetzt mit kurzer Voranmeldung jederzeit besuchen. Und eine zusätzliche Sozialdienststelle des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten geht zur Verstärkung der Sozialdienstarbeit der Hilfsorganisationen für eine Weile nach Tegel - mit anschließender Reflexion, was nachgebessert werden muss.

Um sich ein „objektives Bild“ machen zu können, lud das DRK den Tagesspiegel nach Erscheinen der anonymen Vorwürfe zu einem Besuch ein. Wie sich vor Ort herausstellte, war damit jedoch nur eine geführte Tour gemeint. Ein Aufenthalt in den Zelten und Gespräche mit Helfern ohne Anwesenheit der DRK-Pressesprecherin wurde strikt abgelehnt. Ein zweiter, von der Senatsverwaltung initiierter Besuch wurde jäh durch einen Schichtleiter der Johanniter beendet. Dieser sagte, den Mitarbeitern sei strengstens verboten, mit der Presse zu sprechen. Die Anweisung habe er „von oben“. Anschließend kontrollierte er, dass keine weiteren Gesprächsversuche unternommen wurden.

Die Aussagen der Helfer vor Ort widersprechen der Darstellung des DRK teils erheblich: Dass es Probleme mit der Zeltheizung nur in einer einzigen Nacht gegeben habe, treffe nicht zu. Mehrfach hätten Geflüchtete nach Decken gefragt. In einem der drei Zelte sei die Heizung fünf Tage am Stück defekt gewesen.

Dass die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft nicht auf Corona getestet werden - sondern nur jene, die am Ende des Registrierungsprozesses in Berlin bleiben können - hat laut Projektleiter Cwojdzinski einen simplen Grund: „Würden wir all diese Personen auf Corona testen, müssten wir alle Positiven hier isolieren. Die Menschen sind bis hierher gereist, eventuell ohne Masken, ohne Test, ohne alles. Warum sollten wir sie jetzt beim Zwischenstopp testen?“ Stattdessen würden sämtliche Personen in den Zelten, sowohl Flüchtlinge als auch Mitarbeiter, eine FFP2-Maske tragen: „Darauf achten wir.“

Ein Rundgang in den Zelten bestätigt dies nicht.

Inzwischen berichten Helfer von einem weiteren kuriosen Fall: Mitte April fielen im Ankunftszentrum eine 88-jährige Frau und ihr Sohn auf, die zweieinhalb Wochen lang in Tegel lebten und offenbar schlicht vergessen worden waren. Das DRK stellt den Fall anders dar, spricht von einer aufwändigen Suche nach einem geeigneten Heim, das nicht nur für Mutter und Sohn geeignet war, sondern auch die Mitnahme von Hunden erlaubte.

Die Helfer widersprechen vehement: Dass die Version des DRK nicht stimme, könne man schon daran erkennen, dass der Heimplatz keine 24 Stunden nach Entdecken der beiden gefunden wurde - allerdings durch private Vermittlung. Sogar der Krankentransport ins Heim wurde privat finanziert.

Zur Startseite