• „Mitarbeiter weinen vor Erschöpfung“: Leasing-Pflegekräfte wehren sich gegen Vorwürfe von Berliner Kliniken

„Mitarbeiter weinen vor Erschöpfung“ : Leasing-Pflegekräfte wehren sich gegen Vorwürfe von Berliner Kliniken

Krankenhausleiter berichten, dass Leih- und Zeitarbeitsfirmen die Covid-19-Stationen aus Angst vor dem Coronavirus mieden. Pflege-Leasingfirmen sind empört.

Aufreibende Arbeit: Ein erschöpfter Krankenhaus-Mitarbeiter in Schutzkleidung gegen eine Corona-Infektion. (Symbolbild)
Aufreibende Arbeit: Ein erschöpfter Krankenhaus-Mitarbeiter in Schutzkleidung gegen eine Corona-Infektion. (Symbolbild)Foto: mauritius images/Westend61

Pflegekräfte aus Leasingfirmen haben den Vorwurf von Berliner Klinikleitern zurückgewiesen, Corona-Einsätze lieber zu meiden. Man sei über den Tenor aus den Krankenhäusern empört, sagten Mitarbeiter von Leih- und Zeitarbeitsfirmen dem Tagesspiegel. Anlass sind dessen Recherchen vom Wochenende, wonach einzelne Leasingfirmen ihr Pflegepersonal in Berlins Kliniken nicht auf Covid-19-Stationen arbeiten lassen möchten.

"Meine Kollegen und Kolleginnen arbeiten seit Monaten auf Covid-19-Stationen", sagt Sven Rösler, Geschäftsführer der Firma "ICC Medical", die Intensivpflegekräfte an Kliniken vermittelt. "Einzelne Mitarbeiter kümmern sich pro Schicht sogar um fünf, sechs, manchmal sieben Covid-19-Patienten." Der Vorwurf, man halte sich im Kampf gegen das Coronavirus zurück, sei falsch.

Insbesondere die landeseigenen Vivantes-Kliniken waren von Leasingfirmen betroffen, die ihr Personal nicht auf Covid-19-Stationen einsetzen lassen wollen. Der Vivantes-Vorstand unterstützt Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD), die Leasing in der Pflege über eine Bundesratsinitiative stoppen lassen möchte.

"Die Pflegekräfte fühlen sich alleingelassen - insbesondere das Leasingpersonal", sagt dagegen Personalvermittler Rösler. So würden die ICC-Leute gerade für Covid-19-Stationen gebucht, erhielten aber nicht in allen Kliniken denselben Schutz wie das Stammpersonal. Rösler verweist darauf, dass oft nur hausinterne Beschäftigte umstandslos getestet würden, in einigen Stationen seien für Zeit- und Leihkräfte auch die Masken knapp.

Leasing-Pflegekräfte bekommen keine Corona-Boni

Etwaige Boni, wie sie die Beschäftigten der landeseigenen Vivantes-Kliniken und der Charité in der ersten Welle erhalten haben, kriegen Leasing-Pflegekräfte nicht. ICC Medical hat mehr als 100 Beschäftigte, 90 davon sind ausgebildete Intensiv-Pflegekräfte. "Wir sind völlig ausgebucht, machen oft noch mehr Überstunden als die Kollegen in den Krankenhäusern."

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Zudem, sagt Rösler, befänden sich zehn Mitarbeiter in Quarantäne, drei seien positiv auf Sars-Cov-2 getestet worden. Andere Mitarbeiter würden nach den Schichten weinend das Hause fahren, berichtet Rösler, vor Erschöpfung, manchmal vor Wut.

Die Personalnot wächst mit der Zahl der Covid-19-Patienten

Der Druck auf die Kliniken, insbesondere die Maximalversorger, ist in den vergangenen Wochen massiv gestiegen. Zur Personalnot kommen immer mehr Covid-19-Patienten, während die Zahl der Unfälle und Alltagsleiden trotz (vorerst weichen) Lockdowns kaum abgenommen hat.

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Nicht nur ICC-Medical-Geschäftsführer Rösler befürchtet: Ein Verbot von Leasing in der Pflege, so wie es Senatorin Kalayci, Krankenhausleiter und einige Fachleute fordern, werde zu noch größerem Pflegenotstand führen. Tatsächlich, das ist weitgehend unstrittig, wechseln Pflegekräfte aus Kliniken und Heimen zu Leasingfirmen, weil sie dort oft besseren Einfluss auf die rigiden Arbeitszeiten haben. Zudem zahlen einige Leasingfirmen höhere Löhne. In den letzten 20 Jahren haben bundesweit mehr als 100.000 ausgebildete Pflegekräfte die Branche jedoch komplett verlassen.

Verschiedenen Quellen zufolge werden zwei Prozent der Pflegekräfte in deutschen Kliniken von Leasingfirmen gestellt, in Berlin dürfte der Anteil höher sein. Einzelne Vivantes-Stationen brauchen Leih- und Zeitarbeitskräfte für mehr als zehn Prozent ihrer Krankenbetten.

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