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Nach Unterrichtsausfall durch Corona-Pandemie : So sieht der Plan für Berlins Sommerschulen aus

Die Bildungssenatorin will Lernlücken schließen, indem sie Sommerschulen anbietet – allerdings freiwillig und nur für benachteiligte Schüler. Der Opposition geht das nicht weit genug.

Gerade bei Schülern aus sozial schwachen Familien könnten in der Pandemie Lernlücken entstanden sein, fürchtet die Verwaltung.
Gerade bei Schülern aus sozial schwachen Familien könnten in der Pandemie Lernlücken entstanden sein, fürchtet die Verwaltung.Foto: Florian Schuh/dpa

Seit gut zwei Monaten waren manche Berliner Schüler nicht in der Schule, nur einige Stufen sind bislang zurückgekehrt und auch für sie ist – Stichwort „Schichtbetrieb“ – wegen der weiterhin einzuhaltenden Hygiene- und Abstandsregeln im Rahmen der Coronakrise kaum an normalen Unterricht zu denken.

Um Lernlücken zu schließen, plant Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) Sommerschulen während der großen Ferien. Auch in den Herbstferien sollen diese stattfinden. Gezwungen werden soll niemand, es handele sich um ein Angebot auf „freiwilliger Basis“, teilte die Bildungsverwaltung mit. Ein „höherer einstelliger Millionenbetrag“ soll dafür eingesetzt werden.

Laut dem Konzept, das dem Tagesspiegel vorliegt, richtet sich das Angebot an „Schülerinnen und Schüler, die in Armut aufwachsen oder wenig Unterstützung durch erwachsene Bezugspersonen erfahren“. Sie könnten „weniger gut vom Lernen zu Hause profitieren als andere Kinder“. Grund dafür seien beengte Wohnverhältnisse, mangelnde digitale Ausstattung und Hilfe etwa durch Eltern. 

Es sei ein Schwerpunkt ihrer Arbeit während der Coronakrise, „dass wir Lernrückstände unserer Schülerinnen und Schüler, die durch die teilweisen Schulschließungen entstanden sind, so klein wie möglich halten“, sagte Scheeres.

Die Sommerschulen seien „ein Angebot“ für Kinder, die von der Zahlung des Eigenanteils bei Lernmitteln befreit und Anspruchsberechtigte nach dem Bildungs- und Teilhabegesetz seien, außerdem müssten sie von Lehrern vorgeschlagen werden. Zugewanderte Kinder und Jugendliche sollen dem Papier nach besonders berücksichtigt werden.

Unterrichten sollen pensionierte Lehrer und Lehramtsstudierende

Die Verwaltung rechnet mit insgesamt 45.350 Schülern, die für das Programm infrage kommen, etwa 12.500 von ihnen würden vermutlich von Lehrern vorgeschlagen.

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Umsetzen soll das Konzept ein freier Träger, der noch nicht benannt ist. Unterrichten würden demnach etwa pensionierte Lehrkräfte und Lehramtsstudierende auf Honorarbasis.

Maximal acht Kinder sollen bis zu 15 Stunden pro Woche unterrichtet werden

In die Sommerschulen, die es bislang schon an einigen wenigen Berliner Brennpunktschulen gab, könnten ab Ende Juni Erst- und Zweitklässer, vor allem aber Schüler der Stufen 7, 8 und 9 gehen. Im Konzept sind Gruppengrößen von maximal acht Kindern vorgesehen, die bis zu 15 Stunden pro Woche unterrichtet werden, vor allem in Mathe, Deutsch und Englisch.

Für die Kinder der Klassen 1 und 2 gehe es vornehmlich um die Alphabetisierung, die Lese- und Schreibförderung sowie um den Erwerb mathematischer Grundkompetenzen. Auch an beruflichen Schulen und Oberstufenzentren sollen Sommerschulen eingerichtet werden.

Auch die Reinigung in den Ferien müsse bedacht werden

Für Jugendliche sollen die Sommerschulen mindestens zwei Wochen lang in den Sommerferien und eine oder zwei Wochen in den Herbstferien angeboten werden. Die Erst- und Zweitklässler sollen in den Ferien möglichst in ihrer Stammgrundschule oder einer Nachbarschule lernen.

Zu beachten sei, dass die Räume, die für die Sommerschulen genutzt werden, dann auch in den Ferien gereinigt werden müssen – in die Zeit der Sommerferien fällt aber auch die jährliche Grundreinigung der Schulen.

Landesschülersprecher Miguel Góngora bezeichnete das Konzept „im Allgemeinen erfreulich“. Es sei sehr wichtig, dass Schülerinnen und Schüler „besonders nach dem Verlust zahlreicher Unterrichtsstunden eine Präsenzmöglichkeit zum Nachholen des Unterrichtsstoffes“ hätten.

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Er kritisierte allerdings, dass die Senatsbildungsverwaltung bei der Ausarbeitung der Punkte weder die Schüler noch den Landeselternausschuss einbezogen habe.

Und Góngora sieht ein weiteres Problem: „Die Stadträte wurden erst am Freitag informiert“, sagte er und betonte, dass man nun darauf achten müsse, dass die Verwaltung „nicht erneut die gleichen Koordinations- und Organisationsfehler begeht, wie bei der Prüfungsdurchführung oder der Wiederaufnahme des Präsenzunterrichtes“.

Landeselternsprecher begrüßt Pläne

Auch Landeselternsprecher Norman Heise begrüßte die Pläne. Es müsse aber darauf geachtet werden, dass auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler eingegangen werde. Daher müsse zunächst mit einem Diagnoseverfahren herausgefunden werden, in welchen Bereichen genau die Kinder und Jugendlichen einen Förderbedarf hätten. Außerdem müsse darauf geachtet werden, dass es nicht zu Stigmatisierungen komme und den Schülern nicht die Botschaft vermittelt werde, dass sie, nur weil etwa ihre Eltern arm seien, in den Ferien zur Schule müssten.

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In der Opposition zeigt man sich froh über die Sommerschulpläne. Jedoch gehen sie weder CDU noch FDP weit genug – das Programm richte sich an zu wenige Schüler und erreiche nicht alle, die Förderung benötigen. Dirk Stettner, der bildungspolitische Sprecher der CDU, sagte dem Tagesspiegel, er freue sich, „dass die Forderung der CDU, Sommerschulen durchzuführen, endlich aufgegriffen wurde“. Das Angebot sei jedoch „extrem eingeschränkt“ – so blieben etwa ganze Jahrgangsstufen vom Programm ausgeschlossen, das sei unverständlich, sagte Stettner. Kinder, die nicht lernmittelbefreit seien, hätten das Nachsehen. Außerdem bemängelt der CDU-Bildungspolitiker, der Vorschlag käme zu spät, die notwendigen Planungen und Abstimmungen müssten nun sehr kurzfristig erfolgen. Mal wieder entstehe der Eindruck, sagte Stettner, Senatorin Scheeres reagiere nur.

Auch FDP-ler findet Idee „vom Grundsatz her nicht schlecht“

Auch FDP-Bildungspolitiker Paul Fresdorf findet die Idee der Sommerschulen „vom Grundsatz her nicht schlecht“. Doch wie Stettner fordert auch er, dass das Programm ausgeweitet wird: „Es ist ein falscher Ansatz, den Kreis so klein zu halten.“ Insbesondere bemängelt er, dass sich das Angebot explizit ausschließlich an Familien mit geringerem Einkommen richte. Es sei schwierig, Förderbedarf allein am sozialen Status festzumachen, sagte Fresdorf. Kinder aus gut situierten Haushalten, die Schwierigkeiten hätten, würden vom Senat nicht berücksichtigt.

Außerdem seien Kinder aus ärmeren Familien nicht automatisch schlecht in der Schule. „Nur weil jemand etwa ALG II bezieht, heißt das nicht, dass er kein Interesse an der Bildung seiner Kinder hat“, sagte Fresdorf. Das Programm solle allen Schülern offenstehen – auf freiwilliger Basis und auf Vorschlag der Lehrer. Und auch Eltern sollten den Wunsch äußern können, dass ihr Kind in das Sommerprogramm aufgenommen wird.

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