Neue Studie : "In der Pflegewirtschaft rollt eine Investitionswelle an"

Innovative Bauten, Sensoren im Boden, Robben als Streichelroboter: Studie der Evangelischen Bank prognostiziert Investitionsschub in der Pflegebranche.

Pflegeroboter Pepper steht der Messe Altenpflege 2018 in Hannover.
Pflegeroboter Pepper steht der Messe Altenpflege 2018 in Hannover.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Berlin gilt als jung, frisch, dynamisch – doch die Menschen werden immer älter. Vor drei Jahren waren noch 170.000 Berliner und Berlinerinnen älter als 80 Jahre, in gut zehn Jahren werden es voraussichtlich fast 265.000 sein. Diese Prognosen schlagen sich auch auf den mit Interesse betrachteten Pflegemarkt nieder.

Laut einer Umfrage der Evangelischen Bank zur Situation der Pflegewirtschaft in Deutschland plant knapp die Hälfte der 300 befragten Geschäftsführer und Leiter von Pflegeheimen in den kommenden beiden Jahren Sanierungen, Modernisierungen sowie Um-, Aus- oder Neubauten, weitere elf Prozent ziehen entsprechende Schritte in Erwägung. 21 Prozent wollen ihre Bettenkapazität erweitern, sieben Prozent denken darüber nach.

„In der Pflegewirtschaft rollt eine Investitionswelle an“, sagt Christian Ferchland, Vorstandsmitglied der Evangelischen Bank, zur Studie. Risiken – aber auch Chancen werden in der Digitalisierung gesehen, etwa durch Sensoren, die Stürze auf den Boden melden, oder durch Kuscheltier-Therapieroboter wie Paro für Demenzkranke.

Eine Seniorin mit einem Kuscheltierroboter in Bayern.
Eine Seniorin mit einem Kuscheltierroboter in Bayern.Foto: Stefan Puchner/dpa

„Allein aufgrund der demografischen Entwicklung erwarten wir im deutschen Pflegemarkt intensives Wachstum. Allerdings werden in Zukunft nicht nur mehr Pflegeheime gebraucht, sondern vor allem auch neue Immobilien- und Betreiberkonzepte“, betont Ferchland. Die Evangelische Bank achte bei der Kreditvergabe etwa darauf, dass im Umkreis genügend Pflegefachkräfte zur Verfügung stehen; der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern erweise sich öfter als limitierender Faktor.

Mehr Intensivpflege und alte Suchtkranke erwartet

Laut der Studie hat ein Viertel der befragten Heimleiter im Zuge der vom Gesetzgeber geförderten Ambulantisierung der Pflege sein Geschäftsmodell geändert oder ausgeweitet. Zu jeweils über 70 Prozent bietet diese Gruppe nun betreutes Wohnen, ambulante Pflege oder teilstationäre Plätze und Tagesbetreuung an. 20 Prozent der Befragten planen einen Ausbau in dieser Richtung.

Nahezu alle Befragten geben an, dass sich neue häusliche Pflege- und Wohnkonzepte durchsetzen werden (91 Prozent). Darüber hinaus kommen ihrer Ansicht nach bis zum Jahr 2030 weitere erhebliche Umwälzungen auf sie zu. So erklären 88 Prozent, dass die Bedeutung von Spezialangeboten wie der Intensivpflege oder der Pflege von Suchtkranken steigen wird. Pflege werde zudem immer stärker nach ökonomischen Gesichtspunkten gestaffelt (ebenfalls 88 Prozent).

Bei der Suche nach einer Bankfinanzierung für ihre Bauprojekte nennen die Einrichtungen mit je 20 Prozent öffentlich-rechtliche Banken und konfessionelle und Spezialbanken als bevorzugte Ansprechpartner.

Weniger Zustimmung (75 Prozent) erhalten die Einschätzungen, dass sich Familienangehörige stärker aus der Pflege zurückziehen werden beziehungsweise, dass Pflegekräfte weniger Zeit für ihre Patienten haben werden (74 Prozent). Positiv in die Zukunft blicken 60 Prozent der Befragten, die erklären, dass der Beruf der Pflegefachkraft künftig deutlich an Attraktivität gewinnen werde.

Ein weiterer deutlicher Trend, den die Heimleiter und Geschäftsführer erkennen, betrifft vor allem Neu- und Erweiterungsbauten. So erklären 83 Prozent von ihnen, dass neue Pflegeheime künftig mit flexiblen Grundrissen und flexiblen Nutzungsmöglichkeiten gebaut werden.

„Auch das kann für die Kreditvergabe ein entscheidender Punkt sein. Schließlich ist es möglich, dass auf längere Sicht etwa die heute vielfach von den Landeheimbauverordnungen der Bundesländer geforderten kostenintensiven Einzelzimmer in günstigere Doppelzimmer umgewandelt werden müssen“, erklärt Christian Schwarzrock, Abteilungsleiter des Finanzmanagements bei der Evangelischen Bank. Laut der Studie hält mehr als jeder zweite Betreiber eine Einzelzimmerquote von unter 90 Prozent für richtig.

Sensoren sollen Stürze von Senioren melden

Die Digitalisierung wird eher skeptisch gesehen. Mit dieser verbinden die Befragten derzeit mit 72 Prozent vor allem negative Auswirkungen wie höhere Betriebskosten durch Wartung, Updates und Schulungen. Eine Entlastung der Pflegekräfte sehen nur 42 Prozent der Befragten.

„Vorbehalte gegen die Digitalisierung hemmen das Fortschreiten neuer Technologien“, befindet wiederum Schwarzrock. Er sieht in der Digitalisierung – vom schnellen WLAN für die Bewohner bis hin zu Sensoren im Boden, die Stürze und ungewöhnliche Bewegungen melden – deutliche Verbesserungen für die Bewohner, die diese auch zunehmend einfordern werden.

Ein positives Szenario sei zudem, dass die Pflegekräfte aufgrund der Zeitersparnis etwa durch digitales Dokumentieren oder den Einsatz von Reinigungs- oder Pflegerobotern besser auf den einzelnen Patienten eingehen könnten. Weniger Pflegekräfte infolge der fortschreitenden Digitalisierung erwarten dagegen lediglich 13 Prozent der befragten Pflegeexperten.

In zehn Jahren, so erklären 43 Prozent von ihnen, werden Pflegeroboter in unterstützender Funktion zum Alltag in den Heimen gehören. Menschliche Zuwendung durch eine Pflegekraft können und sollen sie nicht ersetzen. Bislang gibt es positive Erfahrungen etwa bei der Pflegeroboter-Therapiestreichelrobbe Paro im Einsatz bei Demenzkranken.

An der Umfrage „Situation der Pflegewirtschaft in Deutschland: eine Bestandsaufnahme“ nahmen 301 Geschäftsführer und Verwaltungsleiter von Betreibern und Trägern von Pflegeeinrichtungen teil. Die telefonische Befragung fand von Oktober bis Dezember 2018 statt.

Die Evangelische Bank eG ist als nachhaltiges Kreditinstitut mit einer Bilanzsumme von 7,3 Milliarden Euro die größte Kirchenbank und zählt zu den zehn größten Genossenschaftsinstituten in Deutschland. Sie wirkt als spezialisierter Finanzpartner der Kirchen, Diakonie, Caritas, Freien Wohlfahrtspflege und der Sozialwirtschaft sowie aller privaten Kunden mit christlicher Werteorientierung, 480 Mitarbeiter betreuen bundesweit etwa 19.000 institutionelle Kunden und rund 72.000 private Kunden an 13 Standorten. (mit KNA)
Im Netz: www.eb.de/pflegestudie

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