• Nirgendwo versorgt ein Arzt in Deutschland so viele Patienten: Ich bin Chirurg, ich muss nach Brandenburg

Nirgendwo versorgt ein Arzt in Deutschland so viele Patienten : Ich bin Chirurg, ich muss nach Brandenburg

Ärzte, Hebammen und Pfleger fehlen – die Herausforderungen sind enorm. Und die Nähe zu Berlin ist nicht immer hilfreich.

Marion Kaufmann
„Der Fachkräftemangel ist flächendeckend vorhanden“, stellt das Instituts für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung (ISW) fest.
„Der Fachkräftemangel ist flächendeckend vorhanden“, stellt das Instituts für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung (ISW) fest.Foto: Felix Kästle/dpa

Beim Thema Gesundheit bricht Brandenburg Rekorde – Negativrekorde. Nirgendwo in Deutschland versorgt ein Arzt so viele Patienten wie in der Mark. Während im Bundesschnitt auf einen niedergelassenen Arzt 680 Einwohner kommen, sind es in Brandenburg 733. Diese Zahlen hat Gesundheitsministerin Susanna Karawanskij (Linke) jüngst veröffentlicht.

Danach steuert Brandenburg in wenigen Jahren auf einen dramatischen Ärztemangel zu, da immer mehr der derzeit rund 10.000 Ärzte das Rentenalter erreichen. Nach Karawanskijs Angaben müssen möglicherweise bis zum Jahr 2025 allein rund 700 Hausärzte und 950 Fachärzte gewonnen werden.

Was bei den Lehrern nicht geklappt hat – sie mit Geld aufs Land zu locken - soll nun bei den Medizinern funktionieren. Gerade wurde ein bundesweit einmaliges Landärzte-Stipendium aufgelegt, mit dem Medizinstudenten monatlich 1000 Euro erhalten können, wenn sie sich für einige Jahre nach dem Studium für eine Tätigkeit in Brandenburg verpflichten.

Frei nach Rainald Grebe: Lassen Sie mich durch, ich bin Chirurg, ich muss nach Brandenburg. In Cottbus soll zudem im Zuge des Strukturwandels um den beschlossenen Ausstieg aus der Braunkohle eine neue Medizinische Hochschule aufgebaut werden, die ab dem Wintersemester 2023/2024 ihre Ausbildung beginnen soll.

45 vakante Arztsitze

Das ist zu spät, um bis 2025 rund 1600 Ärzte für Brandenburg rekrutieren zu können. Derzeit gibt es landesweit 45 vakante Arztsitze. Und die fehlen bislang entgegen häufigen Einschätzungen weniger in Randregionen des Landes, sondern vor allem im Berliner Umland, wo durch steigende Einwohnerzahlen auch der Bedarf wächst. Gefragt sind Hausärzte, Kinderärzte, Augenärzte, Nervenärzte, Urologen und Psychotherapeuten.

Ein Projekt, das Vorbildcharakter für das ganze Land haben soll, entsteht derzeit im Klinikum Templin. Das Krankenhaus in der Uckermark wird im Rahmen eines Modellprojekts zu einem Medizinzentrum umgebaut, das die bisherige Trennung von ambulanter und stationärer Versorgung aufhebt.

Insgesamt – so das Versprechen von Rot-Rot – sollen alle Krankenhausstandorte erhalten bleiben – allerdings ist nicht klar, in welchem Umfang. Auch die Absprachen mit den benachbarten Bundesländern sollen verbessert werden. Eine gemeinsame Krankenhausplanung mit Berlin gibt es bereits.

Die SPD will Kooperationen zwischen klinischen Geburtshilfeabteilungen

Gerade auch für werdende Mütter sind Berliner Kliniken eine Anlaufstelle, nachdem Geburstkliniken – etwa in der Mittelmark-Kreisstadt Bad Belzig – geschlossen wurden. Ebenfalls nicht ausreichend: Die Hebammenversorgung sowohl bei der Geburtsbegleitung als auch bei der Nachsorge nach der Entbindung.

Eine wohnortnahe, flächendeckende Hebammenhilfe versprechen etwa SPD, Linke und Grüne in ihren Wahlprogrammen. Die SPD will Kooperationen zwischen klinischen Geburtshilfeabteilungen und freien Hebammen unterstützen, die Linke setzt etwa auf Zuschüsse für Neugründungen von Hebammenpraxen, die Grünen plädieren für eine bessere Bezahlung der Geburtshelferinnen.

Ähnlich dramatisch wie für die Gesundheitsversorgung sind die Prognosen für die Pflege. Aktuell arbeiten im Land nach Ministeriumsangaben rund 54.000 Beschäftigte und Auszubildende in der Pflege. Wie eine im vergangenen November veröffentlichte Studie im Auftrag des Landtages deutlich machte, wird sich die jetzt schon personell angespannte Situation in der Pflege extrem verschärfen.

„Der Fachkräftemangel ist flächendeckend vorhanden“

Zwischen 2005 und 2015 ist die Zahl der Pflegebedürftigen in Brandenburg bereits um 52 Prozent auf fast 112.000 Menschen gestiegen. Im Jahr 2030, so die Prognose des Instituts für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung (ISW) in Halle (Saale), werden 166.000 Brandenburger auf Hilfe angewiesen sein. Einige der Pflegekräfte, die derzeit in Heimen und bei ambulanten Pflegediensten arbeiten, werden dann selbst in Rente gehen.

Deshalb rechnet das Institut damit, dass Brandenburg bis 2030 fast 44.000 neue Pflegekräfte finden muss. Wesentliche Unterschiede zwischen dem Berliner Umland und den ländlichen Regionen sind dabei nicht festzustellen. „Der Fachkräftemangel ist flächendeckend vorhanden“, heißt es in der Studie. Dabei bereitet auch die Nähe zu Berlin im Brandenburger Pflegesektor Probleme: Weil Pfleger in der Hauptstadt meist mehr verdienen, wandern viele dorthin ab

Doch im vergangenen Jahr wurde wenig über Ärztemangel und Pflegenotstand gesprochen. Ein anderes Thema brachte das Gesundheitsministerium in die Negativschlagzeilen: der Lunapharm-Skandal um gestohlene, mutmaßlich unwirksame Krebsmedikamente, der Kreise nach Berlin und in andere Bundesländer zog, weil auch dort Patienten betroffen waren.

Diana Golze trat als Gesundheitsministerin zurück

Doch während die Berliner Gesundheitsverwaltung schnell versuchte, Betroffene zu informieren, reagierte Brandenburg erst zögerlich. Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke), der auch vom Koalitionspartner SPD hinter den Kulissen schlechtes Krisenmanagement vorgeworfen wurde, trat im August 2018 zurück, als durch einen Expertenbericht offenbar wurde, dass Kontrollmechanismen im ihr unterstehenden Gesundheitsamt versagt hatten.

Eine zuverlässige und strenge Arzneimittelaufsicht, die personell entsprechend ausgestattet wird, steht deshalb auch im Wahlprogramm der SPD, die das Gesundheits- und Sozialministerium – einst das Ressort von SPD-Ikone Regine Hildebrandt – erst vor fünf Jahren an die Linke abgab.

Golze war vor dem Skandal als Spitzenkandidatin ihrer Partei für die Landtagswahl gehandelt worden. Mit der Lunapharm-Affäre hatte sich das erledigt, zu groß war die Angst, dass der der größte Gesundheitsskandal Brandenburgs der vergangenen Jahre den Wahlkampf überschattet hätte.

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