Nutztierhaltung in Berlin : Hühner sind das neue Urban Gardening

Eier von eigenen Hühnern – diesen Traum verwirklichen sich auch Großstädter gern. Die Tiere kann man sogar mieten. Was es mit dem neuen Trend auf sich hat.

Anja Sokolow
Im Garten der Berlinerin Vanessa Janßen scharren und picken seit Sommer 2019 sechs Hybridhennen.
Im Garten der Berlinerin Vanessa Janßen scharren und picken seit Sommer 2019 sechs Hybridhennen.Foto: Britta Pedersen/dpa

Hähne krähen, Hühner gackern und das manchmal mitten in der Stadt. Tierische Geräusche von Federvieh sind längst nicht mehr nur Landbewohnern vertraut. Auch Großstädter mögen Eier von eigenen Hühnern zum Frühstück. „Nach dem Urban Gardening kommt das Urban Livestock Farming“, sagt Astrid Masson, Betriebsleiterin der Domäne Dahlem.

In dem Arche-Hof werden gefährdete Haustierrassen gehalten, darunter auch Deutsche Sperber, eine seltene Hühnerrasse. Masson gibt auch Seminare für Hühnerhalter. „Die Nachfrage nach diesen Kursen ist in den vergangenen Jahren sehr gestiegen“, sagt die Landwirtschaftsexpertin.

Es habe ein Generationenwechsel stattgefunden. „Viele jüngere Menschen ab 30 interessieren sich nun dafür“, sagt Masson. Auch im Internet tauschen sich inzwischen Hühnerfans in Facebook-Gruppen aus oder posten Bilder ihrer gefiederten Freunde in allen Lebenslagen bei Instagram.

Auch Petra Saballus, die seit 27 Jahren in Schöneiche bei Berlin hauptsächlich an Kunden aus Berlin und Brandenburg Hühner verkauft, registriert den Trend. „Es sind viele junge Familien unter den Kunden“, sagt sie. Die Corona-Zeit habe die Nachfrage in ihrem Geschäft noch einmal befeuert. „Wir haben etwa 30 Prozent mehr Hühner verkauft als sonst.“

„Mit dem Dioxinskandal vor etwa zehn Jahren ging es los. Und der Bio-Trend sorgt auch dafür, dass das Interesse an eigenen Hühnern steigt“, sagt der Präsident des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter, Christoph Günzel. In Sachsen werde die Hühnerhaltung gar gefördert.

Sechs Hennen versorgen eine fünfköpfige Familie

Im Garten von Vanessa Janßen aus Rudow picken seit Sommer 2019 keine Rassehühner, sondern sechs Hybridhennen, Kreuzungen verschiedener Rassen mit guter Legeleistung. Das Regiment führt ein Federfüßiger Zwerghahn. „Seitdem wir Hühner haben, brauchten wir für unsere fünfköpfige Familie keine Eier mehr zu kaufen“, sagt die gelernte Tierpflegerin und Ergotherapeutin.

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Hühner sind Experten zufolge als Einstieg in die Nutztierhaltung gut geeignet. Aber: „Die Haltung ist nicht unaufwendig. Einfach Tiere kaufen und mit ihnen in das Thema hineinwachsen ist nicht gerade tierfreundlich“, sagt etwa Antje Feldmann, Geschäftsführerin der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH).

Hühnerhalterin Vanessa Janßen aus Berlin-Rudow füttert ihre Hühner.
Hühnerhalterin Vanessa Janßen aus Berlin-Rudow füttert ihre Hühner.Foto: Britta Pedersen/dpa

Sie rät, sich gründlich zu informieren – und mit den Nachbarn zu klären, ob sie mit dem tierischen Lärm leben können. Der sei längst nicht so akzeptiert wie der Lärm von Autos, Laubbläsern und Rasenmähern. „Hähne krähen, aber darauf warten nun mal nicht alle Nachbarn“, sagt Feldmann.

In jedem Hühnerstall ein Hahn – zur Miete?

Sie plädiert dafür, Hühner immer mit Hähnen zu halten. Alles andere sei nicht artgerecht. „Hähne geben eine Herdenstruktur vor und warnen die Hennen auch vor Gefahren.“ Mit einer Gefahr musste auch schon Vanessa Janßen Bekanntschaft machen. „Ein Fuchs spaziert regelmäßig durch unseren Garten.“

Hühner kann man zunächst mieten. Anbieter sind zum Beispiel auf der Internetseite www.mieteeinhuhn.de zu finden, unter ihnen auch Matthias Schmidt aus Schulzendorf in Brandenburg. Seine drei Teams mit je vier Hennen plus Stall, Voliere und Zubehör vermietet er vor allem an Berliner und Brandenburger mit eigenen Gärten. „Aber auch in Hinterhöfen werden Hühner gehalten“, so Schmidt.

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Tierschützer sehen die Vermietung aber kritisch. „Tiere sind keine Gegenstände, die man ständig herumreichen kann, sie wollen eine gewisse Kontinuität“, sagt Beate Kaminski vom Berliner Tierheim. Die Haltung in der Stadt sieht sie zwiegespalten. Es seien sicher viele Halter, die alles richtig machten, so Kaminski.

Doch es gebe auch andere Fälle: So habe das Tierheim erst vor wenigen Wochen fünf Hühner aufgenommen, die in Kartons auf einem Hochhausbalkon gehalten wurden und sich vor Stress gegenseitig verletzten. (dpa)

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