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Stromausfall in Berlin : Köpenick wartet auf Strom

Kabelschaden im Berliner Bezirk Köpenick: Seit Dienstagnachmittag haben 31.000 Haushalte keinen Strom. Die Reparatur soll mindestens bis Mittwochabend dauern.

Eingangstür einer Schule in Köpenick
Eingangstür einer Schule in KöpenickFoto: dpa/Julian Stähle

Die Berliner Feuerwehr geht inzwischen davon aus, dass der Strom nicht vor 21.30 Uhr zurück ist. Bleiben Sie mit unserem Newsblog auf dem aktuellen Stand.

Plötzlich waren weite Teile Köpenicks ohne Strom: Am frühen Dienstagnachmittag gegen 14.10 Uhr gingen in rund 31.000 Haushalten und bei 2.000 Gewerbetreibenden vor allem in Wendenschloss, Grünau und Müggelheim die Lichter und alle elektrisch betriebenen Geräte aus. Um 19:30 Uhr war klar: die Behebung des Schadens wird mehr als 24 Stunden brauchen und nicht vor 15 Uhr am Mittwoch erfolgen.

Am späten Dienstagabend wurde der Katastrophenschutz alarmiert. Einsatzleiter Patrik Lange erklärte gegen 23 Uhr in einem Video auf Twitter, dass sich die Einsatzkräfte der Berliner Malteser aktuell zur Unterstützung bereit machten. Genauere Angaben zur Einsatzdauer und den Aufgaben konnte er noch nicht machen. Voraussichtlich werde der Einsatz aber bis in den morgigen Tag reichen. Derzeit ist die Berliner Feuerwehr mit ca. 200 Kräften im Einsatz. Zusätzlich sind Hilfsorganisationen mit 80 und das Technische Hilfswerk (THW) mit 45 Kräften vor Ort.

Das Bezirksamt Treptow-Köpenick hat ein Bürgertelefon eingerichtet. Unter 0151-16253780 oder 0151-16253782 lassen sich Fragen zum Stromausfall stellen.

Aufgrund des Stromausfalls werden etliche Schulen am Mittwoch geschlossen bleiben. Das teilte die Senatsverwaltung für Bildung am Dienstagabend nach 23 Uhr mit Verweis auf das Bezirksamt Treptow-Köpenick mit und veröffentliche eine Liste der Schulen.

Ursache war nach Mitteilung des Netzbetreibers Vattenfall eine fehlerhafte "horizontale Bohrung" an der Salvador-Allende-Brücke, die bei Alt-Köpenick über die Müggelspree führt. Die marode Brücke wird seit Anfang Januar saniert. Ein Bauunternehmen habe bei der Bohrung exakt zwei jeweils 110.000 Volt führenden Großkabel getroffen und zerstört. Durch diese Leitungen schicken das Blockheizkraftwerk Köpenick an der Wendenschlossallee und das Blockheizkraftwerk Friedrichshagen den erzeugten Strom in die nun vom Ausfall betroffenen Gebiete.

Auch die Erzeugung der Fernwärme in beiden Kraftwerken war durch die Mega-Panne betroffen. Die elektrisch gesteuert Gasbefeuerung der dampfgetriebenen Turbinen fiel gleichfalls aus, sodass tausende am Fernwärmenetz hängende Wohnungen langsam auskühlten. Allerdings ist man bei Vattenfall optimistisch, "dass die Wärme bald wieder fließt", so der Sprecher des Unternehmens Olaf Weidner. Die Gasbefeuerung werde man in Kürze durch eine elektrische Initialzündung wieder in Gang bringen, dann würden die Kraftwerke zumindest wieder arbeiten und heizen. Sie könnten aber wegen der zerstörten Kabel noch keinen Strom verschicken.

Die Reparatur der Kabel sei äußerst aufwändig, erklärten Spezialisten nach einer ersten Erkundung des Bohrlochs. Man müsse bei Tiefbauarbeiten erstmal alles aufgraben, um überhaupt an die Schadensstelle heranzukommen. Danach sei aber auch die Ausbesserung der Kabel selbst extrem kompliziert. Olaf Weidner: „Sorry, es tut uns sehr leid. Wir tun unser Bestes, doch rascher geht es nicht.“

Mindestens bis 15 Uhr am Mittwoch werde man noch Zeit brauchen, eventuell dauerten die Arbeiten aber noch länger, sagte Weidner kurz nach 19 Uhr. Die Nacht zu Mittwoch werde durchgearbeitet. Auf Twitter verwies Vattenfall nochmal ausdrücklich auf das Kundenversprechen des Unternehmens: Bei einem Ausfall von über drei Stunden steht jedem betroffenen Haushalt eine Einmalzahlung von zwanzig Euro zu. Dies erfolge "aus Kulanz und ohne Anerkennung einer Rechtspflicht". Berechtigt seien alle Haushaltskunden, die an das Elektrizitätsverteilungsnetz von Stromnetz Berlin angeschlossen sind.

Ein Sprecher der Senatsverwaltung zufolge wurde hier durch eine Bohrung eine wichtige Stromleitung zerstört.
Ein Sprecher der Senatsverwaltung zufolge wurde hier durch eine Bohrung eine wichtige Stromleitung zerstört.Foto: Julian Stähle/dpa

Unterdessen zeigte sich, wie abhängig Berlins Alltag von der Energie ist. Selbst die Mobilnetze fielen teils aus. Und mit der Dämmerung wurde es zappenduster, manche machten das Beste daraus, die Köpenicker Altstadt wirkte romantisch, vielerorts flackerten Kerzen in den Fenstern.

Polizei und Feuerwehren hatten unterdessen jede Menge zu tun. Weil Alarmanlagen der Strom wegblieb, bewachten Beamte die betroffenen Geschäfte und fuhren verstärkt Streife. Weil Ampelanlagen ausfielen, musste der Verkehr teils per Hand geregelt werden. Die Berufsfeuerwehr alarmierte die freiwilligen Wehren. Die Retter wollten präsent sein, falls es beispielsweise Probleme mit Abwasserpumpen oder Schließanlagen geben sollte.

Die Berliner Feuerwehr hat vorsorglich 14 freiwillige Feuerwehren alarmiert. Die Notfallnummern 110 und 112 sind von Köpenick aus weiterhin erreichbar. Wer kein funktionierendes Telefon hat, dem rät die Feuerwehr, sich an die nächst gelegene Feuer- oder Polizeiwache zu wenden. Zusätzlich sind zwei mobile Anlaufstellen eingerichtet: an der Vetschauer Allee / Lübenauer Weg und an der Pritstabelstraße / Grüne Trift. Die Berliner Polizei soll zudem zusätzliche Anlaufstellen schaffen. Über Lautsprecher geben Einsatzfahrzeuge zusätzliche Hinweise.

Aber nicht nur in Haushalten und Firmen gingen die Lichter aus. Auch das Krankenhaus Köpenick ist ohne öffentliche Stromversorgung. Dort schaltete sich aber sofort das Notstromaggregat ein und sicherte den Betrieb der Intensivstation und der Operationssäle. Nach Auskunft von Romina Rochow, Sprecherin der DRK-Kliniken Berlin, zu denen das Krankenhaus Köpenick gehört, gebe es aber Einschränkungen in anderen Bereichen. Geplante Operationen mussten abgesagt worden. Ferner habe man die Feuerwehr informiert, dass der Standort bis zur Behebung des Schadens keine Notfälle aufnehmen könne.

Während reihenweise Kühlschränke, Heizungen, Aufzüge und Telefonanlagen in Köpenick ausfielen sowie das Telefon-Mobilnetz teils nicht mehr funktionierte, blieben bei der BVG die Straßenbahnen stehen. Die Liste der betroffenen Tramlinien hatte die BVG via Twitter veröffentlicht. Dazu gehörten die Linien 27, 60, 62, 63, 67 und 68. Die Tramlinien 61 und 63 fuhren nach kurzer Zeit wieder, auch wenn es noch Verspätungen geben kann. Auf der Linie 62 ist zwischen den Haltestellen Schloßplatz Köpenick und Wendenschloß ein Ersatzverkehr mit Bussen und Taxen eingerichtet, gab die Verkehrsinformationszentrale Berlin (VIZ) ebenfalls über Twitter bekannt. Auf zwei Strecken wurde am späten Nachmittag der Verkehr wieder aufgenommen. Bei der S-Bahn gab es ebenfalls Schwierigkeiten: Wegen einer Signalstörung in Adlershof rollten die Züge hier mit Verspätung oder endeten wie die Linien S 45 und S 85 bereits in Schöneweide.

Probleme gibt es auch auf den Straßen, weil Ampeln keinen Strom hatten. Die betroffenen Straßen können Sie unter stromnetz.de abrufen. Die Seite wird ständig aktualisiert. Die Verkehrsinformationszentrale meldete Probleme auch aus Teilen des angrenzenden Bezirks Lichtenbergs.

Ob die Köpenicker Geburtshelfer wegen des Stromausfalles in neun Monaten mehr als üblich zu tun haben, ist gemäß verschiedener Studien zu den Folgen langer Stromausfälle umstritten. Die hohen Geburtenraten im September 2008 im niederländischen Landkreis Maasdriel scheinen für einen Baby-Boom zu sprechen. Die Gegend war zum Jahresbeginn drei Tage und Nächte ohne Strom – neun Monate später stieg die Geburtenrate um 44 Prozent an.

Erst vor anderthalb Jahren gab es im Südosten Berlins einen großflächiger Stromausfall. Im Juni 2017 waren 67.000 Haushalte und 4.300 Gewerbebetriebe im Bezirk Treptow-Köpenick stundenlang vom Netz getrennt. Auch in diesem Fall haben Straßenbauarbeiten den Ausfall verursacht.

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