Queer und interkulturell : Ein Liebesbrief in Comicform

Elke Steiner ist bekannt für ihre Comics zu jüdischer Geschichte. In "Love Migration" zeichnet sie ihre eigene queere deutsch-russische Liebesgeschichte.

Comiczeichnerin Elke Steiner hat ihre eigene queere deutsch-russische Liebesgeschichte gezeichnet.
Comiczeichnerin Elke Steiner hat ihre eigene queere deutsch-russische Liebesgeschichte gezeichnet.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Interview soll eigentlich in der „Renate“ stattfinden. Doch die hat gerade geschlossen. „Kein Problem“, sagt Elke Steiner, „ich hab’ einen Schlüssel.“ In der einzigen Comicbibliothek Deutschlands, die sich in der Tucholskystraße in Mitte befindet, gibt sie seit Jahren Zeichenkurse für Erwachsene. Comics unterrichten, zeichnen, besprechen – das ist Elke Steiners Leben.

Die Begeisterung begleitet die gebürtige Bremerin seit ihrer Kindheit. Als ihre älteren Schwestern das Elternhaus verlassen, hält sie Briefkontakt. Immer dann, wenn eine Erfahrung sich nicht in Worten fassen lässt, zeichnet sie Bildsequenzen. „Bis heute lege ich Wert auf einen emotionalen Zugang beim Comiczeichnen“, sagt die Künstlerin.

In den 90ern versucht Steiner, mit ihren Bilderzählungen zunächst in der bildenden Kunst Fuß zu fassen. Im Rahmen ihres Kunststudiums in Münster stößt sie damit jedoch immer wieder auf Widerstände. „Damals stand die Aufwertung von Comics in Form des Graphic-Novel-Booms noch aus“, erzählt Steiner. „Sie wurden als Kunstform noch nicht so ernst genommen, wie das heute der Fall ist.“

Zu einem vielschichtigeren Verständnis trugen Werke wie Art Spiegelmans Ende der 80er Jahre veröffentlichte Reihe „Maus: Die Geschichte eines Überlebenden“. Darin erzählt Spiegelman die Geschichte seiner jüdischen Familie in Zeiten des Holocaust. Hierzulande kam die Graphic-Novel-Welle erst in den nuller Jahren an.

„Ich galt als die Frau ohne Humor“

Und langsam wuchs das Verständnis dafür, dass der vermeintlich Kindern vorbehaltene Comic sich für die Auseinandersetzung mit schwerwiegenden Themen eignet. „Ich war lange eine Außenseiterin im Comicbereich, weil ich als die Frau ohne Humor galt“, schmunzelt Steiner heute.

Seit knapp zwei Jahrzehnten befasst sich Steiner in ihrer Arbeit immer wieder mit deutsch-jüdischer Geschichte. „Ich habe oft zu hören bekommen, dass Juden in Comics nicht gezeigt werden dürfen“, erzählt sie. Obwohl das Missverständnis schmerzt, hält Steiner an ihrer Auseinandersetzung fest.

In der Reihe „Die anderen Mendelssohns“ (Reprodukt-Verlag, 2004 und 2015) nimmt sich die Künstlerin auf Anregung der Jüdischen Volkshochschule und der Jüdischen Kulturtage einiger wenig bekannter Mitglieder der Familie Mendelssohn an. „Rendsburg Prinzessinstrasse“ (Edition Panel, 2001) stellt die Geschichte der gleichnamigen jüdischen Kleinstadtgemeinde dar.

Comics - zwischen persönlichem Erzählen und emotionaler Distanz

Neben ihren eigenen Comics und Illustrationen rezensiert Steiner, die seit 2000 in Berlin lebt, Comics, auch im Tagesspiegel. Außerdem gibt sie Zeichen-Workshops im In- und Ausland. „Das Unterrichten macht mir unheimlich viel Spaß“, erzählt sie. „Comics sind für mich eine Form, persönlich zu erzählen und gleichzeitig emotionale Distanz zu ermöglichen.“

In ihrer jüngsten Veröffentlichung wendet sich Steiner nun erstmals in längerer Form ihrer eigenen Autobiografie zu. „Love Migration“ erzählt auf 48 Seiten und in englischer Sprache von der Beziehung zwischen Steiner und ihrer Frau Mascha Balganova. Kennen lernen sich die beiden bei „Side by Side“, dem internationalen queeren Filmfestival in St. Petersburg. Dort leitet Steiner 2014 einen Comic-Workshop, Mascha arbeitet in der Festival-Organisation.

"Love Migration" erzählt eine deutsch-russische queere Liebesgeschichte

Das broschierte Büchlein handelt davon, wie die beiden zunächst zwischen Deutschland und Russland pendeln, um sich schließlich ein gemeinsames Leben in Berlin aufzubauen. Geplant war das nicht. „Eigentlich wollte ich Mascha ein 16-Seiten-Geschenk in Postkartengröße machen“, berichtet Steiner. Mit der Zeit wuchs die Zahl der Seiten jedoch an – und sie entschloss sich, den Comic mit Unterstützung von Quarteera e.V. auf eigene Faust zu veröffentlichen.

„Ich finde es toll, dass dieses Format sich so selbstgemacht anfühlt, fast wie ein Zine“, findet Steiner. „Eigentlich machen Menschen das eher am Beginn ihrer Karriere.“ Alle Exemplare gibt es – kostenlos und handsigniert – lediglich auf ihrer Website zu bestellen.

Der Comic "Love Migration" ist privat und politisch zugleich

„Love Migration“ ist einerseits ein Liebesbrief in Comicform. Doch die Erzählung ist viel mehr als eine private Liebesgeschichte. So thematisiert sie Repressionen, denen queere Personen in Russland ausgesetzt sind. Und sie zeigt das Konflikt- und Lernpotenzial im interkulturellen Beziehungsgefüge.

Etwa, als Steiner auf der letzten Seite zögert, den von ihr als „zu kommerziell“ eingestuften Berliner CSD zu besuchen und daraufhin von ihrer Frau wütend zurecht gewiesen wird: „Weißt du, was für ein Privileg es ist, dass es in deinem eigenen Land einen offiziellen und anerkannten Gay Pride gibt?“ Ein queerer Ost-West-Aushandlungsmoment, der Lust auf mehr macht.

Elke Steiner möchte in Zukunft eventuell "queere und jüdische Inhalte verbinden"

„Diese Szene ist wie eine Ankündigung“, lacht Steiner. Sie sammelt schon Ideen und Bilder für eine mögliche Fortsetzung. Sich der autobiografischen Form ganz zu widmen, kann sie sich jedoch nicht vorstellen. Dazu schätzt sie die Arbeit des Recherchierens und Dokumentierens, das Fachwissen von Experten zu sehr. „Da bin ich sehr von meinem journalistischen Elternhaus geprägt“, erzählt sie. „Mein Anspruch ist es, so redlich wie möglich zu recherchieren und mir genau zu überlegen, wann ich in einer Geschichte einen fiktionalen Sprung wage.“ Denn das ist manchmal notwendig.

Besonders, wenn es um marginalisierte Gruppen geht, von denen nur wenige historische Figuren im kulturellen Gedächtnis verblieben sind. „Ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft einmal queere und jüdische Inhalte zu verbinden“, sagt Steiner.

Elke Steiner: Love Migration, 48 S., gratis bestellbar per E-Mail: lovemigration@steinercomix.de. Buchpräsentation am 12. Mai, Comicinvasion Berlin, Museum für Kommunikation. www.steinercomix.de

Der Comic "Love Migration" von Elke Steiner.
Der Comic "Love Migration" von Elke Steiner.Foto: Elke Steiner

In dieser Woche hat Berlin für Comicfans gleich drei größere Veranstaltungen zu bieten. Sonnabend und Sonntag findet im Museum für Kommunikation (Leipziger Straße 16, Mitte) das Festival Comicinvasion Berlin statt, hier gibt’s das Programm: www.comicinvasionberlin.de. Am Sonnabend wird bundesweit der „Gratis-Comic-Tag“ begangen, bei dem es in zahlreichen Buch- und Comicläden kostenlose Hefte gibt. Mehr über alle Gratis-Titel und beteiligte Händler hier: www.gratiscomictag.de. Und beim Grafik-Festival „Pictoplasma ist einer der Stargäste der Zeichner Luke Pearson, dessen Comic-Adaption „Hilda“ derzeit auf Netflix läuft. Er gibt bei einem Podiumsgespräch am Freitag um 20 Uhr in der Stadtbibliothek am Luisenbad Einblicke in seine Arbeit.

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