Anne Garréta im Interview : „Mütterlich, väterlich? Egal!“

Sprache, Macht und Gender: ein Gespräch mit der französischen Schriftstellerin Anne Garréta, deren Debütroman einen Liebesgeschichte ohne Gender erzählt.

Die französische Schriftstellerin und Literaturdozentin Anne Garréta.
Die französische Schriftstellerin und Literaturdozentin Anne Garréta.Foto: Isabelle Boccon-Gibod/Opale/Leemage

Madame Garréta, was hat Sie Mitte der Achtziger motiviert, den vor zwei Jahren erstmals ins Deutsche übersetzten Liebesroman „Sphinx“ zu schreiben, in dem das Geschlecht der Liebenden ungenannt bleibt?

Das war eine Reaktion auf den Differenz-Feminismus. Dieser behauptet, dass es natürliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Ihnen wurden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Damit war ich überhaupt nicht einverstanden. Außerdem fand ich, ein Buch müsse ambitioniert und radikal sein. Also machte ich mich an ein radikales Experiment – und es hat funktioniert. Ich habe bewiesen, dass bestimmte Kategorien, die stets als absolut unverzichtbar angesehen werden – Dinge wie Mann, Frau, hetero,– oder homosexuell – aufgelöst werden können. Und zwar ohne Sinn einzubüßen.

Ist Ihnen selbst das auch gelungen, während Sie an dem Buch geschrieben haben? Hatten die Figuren in Ihrer Vorstellung kein Geschlecht?
Ja, und das war ja der Punkt.

Bei mir war es anfangs so, dass ich mir das erzählende Ich als eine androgyne Frau vorgestellt habe und die zweite Figur als Trans-Frau. Doch irgendwann ist das verschwommen und ich habe nicht mehr nach Hinweisen auf ihr Geschlecht gesucht.
Es ist okay, nach Anhaltspunkten zu suchen, doch sie sind nie konsistent genug, um tatsächlich eine Zuordnung vornehmen zu können. Es ist eine anti-aristotelische Perspektive: Man kann nicht endgültig wissen, wer wer oder was was ist.

Letztlich sind solche Hinweise auch nur Klischees.
Darum geht es bei Gender: Es ist eine Ansammlung von Klischees, die wir verfestigen und an die wir glauben.

Heute wirkt Ihr Roman sehr modern. Doch in den Achtzigern hatte höchstens eine Minderheit schon von Genderfluidität oder nicht-binären Menschen gehört.
Aber in der Pop-Musik gab es damals schon zahlreiche Experimente in Genderfluidität. Denken Sie an New Wave oder David Bowie. Auch die Mode der späten Siebziger und frühen Achtziger löste die Geschlechtergrenzen auf. Ich habe diese Impulse lediglich radikalisiert.

Wie waren damals die Reaktion auf Ihr Buch?
Es war nicht leicht. Manche Verlage lehnten die Publikation ab. Sie fanden, es sei ein perverses Experiment, weil damit ein fundamentaler Glauben erschüttert wird. Einige waren auch abgestoßen vom virtuosen Umgang mit der Grammatik, sie fanden den Text angeberisch.

Die Widmung lautet „To The Third“. Was ist für Sie dieses Dritte?
Zunächst die Dritte Person, die im Französischen mit den meisten Gendermerkmalen aufgeladen ist. Außerdem bezieht es sich auf das Dritte Geschlecht, das sich außerhalb der Binarität befindet, sie überschreitet. Es war aber auch eine Anfeuerung für mich selbst: Ich hatte vorher bereits einen Roman geschrieben, aber keinem Verlag angeboten. „Sphinx“ war also eigentlich mein zweites Buch und nicht mein Debüt. Und ich fürchtete damals, dass ich es nie schaffen würde, ein drittes zu schreiben.

Zur Person

Anne Garréta kam 1962 in Paris zur Welt. Ihr Romandebüt „Sphinx“ erschien 1986 auf Französisch und 2016 auf Deutsch. Seither hat sie fünf weitere Romane geschrieben, zuletzt "Éros Mélancolique" (mit Jaques Roubaud). Anne Garréta arbeitet als Literaturdozentin in Rennes und North Carolina.

Wie sehen Sie sich eigentlich selbst? Als non-binär?
Ich bezeichne mich ganz klar als Frau, aber nicht als Standard-Frau. Allerdings auch nicht als sonderlich maskuline Frau. Ich will die Dinge, die ich denke und tue, nicht aufgrund von Gender einschränken. Ich betreibe Martial Arts und ich liebe es, zu Kochen. Außerdem habe ich Kinder, die ich sehr liebe und um die ich mich auf eine sehr mütterliche Weise kümmere, aber man könnte auch väterlich Weise sagen. Letztlich ist das egal, denn all diese Unterteilungen sind Unsinn.

Viele junge Leute lehnen es ab, sich einordnen zu lassen. Sie sagen, sie sind genderfluid, pansexuell oder lieben einfach Menschen. Doch manche Gruppen sind weiterhin benachteiligt. Um Frauen fördern zu können, muss man sie bezeichnen. Queere Menschen müssen sichtbar sein, um für ihre Rechte eintreten zu können.
Das stimmt. Und ich habe mich deshalb öffentlich auch schon sehr früh als nicht-heterosexuell bezeichnet. Das heißt aber nicht, dass ich mich in meinen Gefühlen und Handlungen in irgendeiner Form festlegen oder behindern lassen möchte. Mir geht es darum, Normen durcheinanderzubringen und sie zu bekämpfen, wenn sie unterdrückend sind.

Sprachliche Normen wie das generische Maskulinum werden im Deutschen etwa mit dem Genderstar oder in Frankreich mit einem Punkt zwischen männlicher und weiblicher Form infrage gestellt. Was halten Sie davon, benutzen Sie den Punkt?
Manchmal benutze ich ihn. Etwa wenn ich ausdrücken möchte, wie sehr ich die französische Sprach-Regulierung und Normdurchsetzung ablehne, die von der Académie française ausgeht. Diese Institution hätte meiner Meinung nach von der Französischen Revolution abgeschafft werden sollen. Das ist ein Haufen von Reaktionären, der ohne jegliche Legitimation über Sprache entscheidet. Es gibt dort nicht mal Linguisten oder Linguistinnen. Was die Akademie tut, ist reine Ideologie. Wenn ich über sie schreibe, benutze ich alles, was es gibt, um sie zu verärgern.

Weshalb wird die Debatte um Sprache und Geschlecht derart emotional geführt?
Weil es darum geht, die Körper von Individuen und ganze Gesellschaften zu beherrschen. Was absurd ist und meistens auch sehr repressiv. Die französischen materialistischen Feministinnen haben bereits in den Siebzigern die politische Ökonomie von Geschlecht und Sexualität erkannt, durch die die männliche Dominanz organisiert wird. Davon profitieren die meisten Männer und einige Frauen.

Und das spiegelt sich in der Sprache?
Im Diskurs, nicht in der Sprache. Mit ihr kann man sehr viel machen wie man an „Sphinx“ sehen kann. Was sie verdreht und verfälscht, ist das Sprechen. Die Klischees, Regeln, Normen. Sprache an sich ist frei und kreativ. Doch alle unsere Systeme dienen dazu, sie zu hemmen. Es ist wie mit Kindern: Bevor sie in die Schule kommen, sind sie neugierig und experimentierfreudig. Das wird dann abgetötet, man schiebt sie auf bestimmte Schienen. So wird auch die natürliche Kreativität der Sprache von verschiedenen Systemen der Macht wegreguliert. Sie wird zu einem Werkzeug der Dominanz. Literatur kann sich dem widersetzen.

Ihre Literatur tut das. Ihr Band „Pas un jour“ ist ein schillerndes Erinnerungsexperiment, in dem Sie über Frauen geschrieben haben, die Sie einst begehrt haben oder von denen Sie begehrt wurden. Ihre Landsleute Didier Eribon und Édouard Louis erwähnen immer wieder die Scham, mit der ihre Homosexualität für sie verbunden ist. Geht oder ging es Ihnen ähnlich?
Nein, überhaupt nicht. Scham ist kein Gefühl, das ich mit Sexualität oder Begehren verbinde. Es ist auch kein produktives Gefühl. Eribon und Louis beschweren sich ständig, die Opfer von diesem oder jenem zu sein. Man kann das einmal sagen, aber nicht dauernd. Es wird zum Klischee. Sie kreieren sich selbst diesen Scham-und-Schuld-Rahmen. Aber mir ging es in „Sphinx“ und „Pas un jour“ darum kompromiss- und schamlos zu sein. Ich will kein Opfer sein. Ich kämpfe gegen etwas und sterbe lieber, als mich zum Opfer machen zu lassen.

Ist der Kampf erfolgreich?
Auf jeden Fall! Dass ich schon so lange dabei bin, zeigt, dass ich etwas erreicht habe. Ich kann das Leben führen, das ich will. Dazu gehört auch, kleine Gemeinschaften bilden zu können. Um mich herum sehe ich Menschen, denen dieser Kampf etwas bedeutet und die dadurch bestärkt werden.

Gerade die queere Community kann Unterstützung gebrauchen.
Ja, der momentane Backlash produziert Unsicherheit. Etwa durch die von rechtsextremer Seite propagierten Männlichkeitskonstrukte, für die Heterosexualität ein wesentlicher Bestandteil ist. Es wird zwar nicht versucht, die Homos zurück in den Schrank zu schieben, aber sehr wohl darum, dass viele Leute um ihre Rechte fürchten müssen.

Macht Ihnen das Angst?
Ja, denn man sieht das überall. Manches ist brutal. Ein Grund, warum ich für die Ehe für alle war, ist sehr einfach: Ich habe Kinder. Sie sind in Amerika auf die Welt gekommen. Sie sind also amerikanisch und ich bin französisch. Das bedeutet, dass der Staat mir jederzeit meine Rechte als Elternteil verwehren, mich von meinen Kindern trennen kann. In den USA geschieht das derzeit mit Familien aus Mittelamerika. Diese Art von Gewalt kann der Staat gegenüber jeder Minderheit ausüben.

Minderheiten werden zudem immer mehr gegeneinander ausgespielt. So wählen etwa in Frankreich viele Homosexuelle aus Islamophobie den Front National.
Ein klassischer Fall von falscher Opposition nach dem Muster: Man kreiert „die Anderen“ und dämonisiert sie. Leider sind manche Leute auch sehr gut darin, die Rolle dieses Anderen zu spielen. Es ist ein selbstverstärkender Prozess: Je stärker man Gruppen marginalisiert, desto stärker marginalisieren sie sich auch selbst. Hinzu kommen fanatische Elemente – auf beiden Seiten –, die gewalttätig werden und alles verschlimmern. Wir tanzen auf einem Vulkan, haben wir immer getan.

Anne Garréta spricht im Rahmen des Festivals "Pugs in Love" am 24.6., 20.30 Uhr im Studio Я des Maxim Gorki Theaters mit dem Schriftsteller Deniz Utlu.

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