Neue Doku von Lothar Lambert : So schmutzig war West-Berlin

Seit den Siebzigern streift Underground-Filmer Lothar Lambert durch seine Stadt. In „Verdammt noch mal Berlin – Fucking City revisited“ besucht er die einstigen Schmuddelecken.

Kuckuck. Regisseur Lambert, 74, blickt in die Vergangenheit - durch einen Mauerrest.
Kuckuck. Regisseur Lambert, 74, blickt in die Vergangenheit - durch einen Mauerrest.Foto: Lothar Lambert

Auch schon wieder vier Jahre her, dass Lothar Lambert groß seinen 70. gefeiert hat. Mit den Kinofilmen „Ritter der Risikorunde“, der Erika-Rabau-Hommage „Erika, mein Superstar“ und einer Ausstellung im Schwulen Museum. Nun macht das Underground-Unikum seine dort geäußerte Drohung wahr und bringt seinen 39. und (nicht doch, Lothar!) womöglich letzten Film heraus.

„Verdammt noch mal Berlin – Fucking City revisited“ ist eine typische Lambert-Doku. Skizzenhaft und assoziativ arbeitet der 1944 geborene No-Budget-Filmemacher an zwei Denkmälern – am eigenen und an dem des alten West-Berlins. Mit Kamera und Gehstock macht er sich auf, die Orte der einstigen filmischen Schandtaten zu begutachten. Und findet, wen wundert’s, statt der ollen Schmuddelecken, die seinen Laiendarstellern samt befreundeten Größen wie Rainer Werner Fassbinder, Ingrid Caven und Klaus Nomi als Tummelplatz der Lüste und Früste dienten, das frisch sanierte (West-)Berlin von heute vor.

Archäologische Trümmer einer kaputten Stadt

Die hinein montierten Ausschnitte aus Lambert-Klassikern wie „Die Alptraumfrau“, „1 Berlin-Harlem“ oder „Fucking City“, einer rund um den ehemaligen Türkischen Basar im U-Bahnhof Bülowstraße angesiedelten Liebestragödie, wirken wie archäologische Trümmer einer grobkörnigen, kaputten Stadt.

„So schmutzig ist West-Berlin“, kommentiert die „B.Z.“ einmal einen Lambert-Dreh, in der sich in Folie eingehüllte Nackige in der Pathologie eines maroden Krankenhauses verlustieren und der Regisseur dazu krakeelt „Nee, das ist doch keine Kunst hier“. Meine Güte, sind die Siebziger und Achtziger lange her!

Und Lambert wäre nicht der Egomane, der er ist, wenn er das nicht selber wüsste. Zu Beginn seines mit 112 Minuten längsten filmischen Streifzugs überhaupt, steht er oben auf dem Funkturm, blickt über seine Stadt und sinniert „Extreme darf’s in meinen Filmen geben, aber nicht in meinem Leben.“ Da hat sich der notorische Single zwar in jungen Jahren gerne im Tiergarten ausgetobt, gleichzeitig aber stets mit den Mitgliedern seiner Lambert-Family eine bürgerlich-biedere Kränzchenkultur gepflegt.

Eine Werkeinführung für die unerschrockene Jugend

Und weil Leben und Kunst bei ihm eins sind, erzählt der langjährige Filmkritiker, der in Lichterfelde aufgewachsen ist, in der Doku auch gleich noch die eine oder andere mit Privatfotos illustrierte biografische Begebenheit. Als Stichwortgeber und Verehrer dienen Freunde und Weggefährten, darunter Filmjournalist Jan Gympel und Frank Schoppmeier vom Kreuzberger Kinomuseum.

So taugt „Verdammt nochmal Berlin“ der staunenden Jugend als Einführung in das Lambertsche Werk und den nostalgischen Alten als – Achtung! – unsentimentale Zeitreise.

Brotfabrik Kino, Premiere: Do 17.5., 19 Uhr, 18.-23. Mai,tgl. 18 Uhr; ab 24.4. Tilsiter Lichtspiele

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