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In Guben erinnert ein Gedenkstein an den gewaltsamen Tod des algerischen Asylbewerbers Farid Guendoul.
© picture-alliance/ dpa

Tödliche Hetzjagd auf Farid Guendoul: Rassistische Attacken in Guben wecken schlimme Erinnerungen

Polizei ermittelt nach zwei rassistischen Attacken in der Neißestadt Guben. Dabei hat sich nach der tödlichen Hetzjagd von 1999 vieles zum Guten verändert.

Von Sandra Dassler

Nach zwei kurz hintereinander erfolgten Angriffen auf Geflüchtete in Guben im Landkreis Spree-Neiße ermittelt die Polizei mit Hochdruck. „Wir hatten ja bereits zwei Tatverdächtige, die der Polizei schon bekannt waren, vorläufig festgenommen“, sagte eine Sprecherin der zuständigen Polizeidirektion Süd: „Natürlich geht die Suche nach weiteren Beteiligten und auch nach den Motiven der Angriffe weiter – ich bitte allerdings um Verständnis dafür, dass wir angesichts der laufenden Ermittlungen noch nicht allzu viel sagen können.“

Wie berichtet, waren am vergangenen Freitagabend drei Geflüchtete aus Eritrea, Somalia und Äthiopien, die auf Rädern durch Guben fuhren, mit einem Auto von der Straße gedrängt worden. Dabei kam der Pkw so dicht an die jungen Männer heran, dass einer von ihnen vom Rad springen musste, um nicht zu stürzen. Der Pkw fuhr sich kurz danach auf einer Bordsteinkante fest, die Fahrzeuginsassen flüchteten. 

Die über Notruf verständigte Polizei konnte noch am selben Abend zwei tatverdächtige Deutsche im Alter von 20 und 25 Jahren vorläufig festnehmen. Zumindest einer von ihnen sei der rechten Szene zuzuordnen, hieß es aus Ermittlerkreisen. 

Ob die beiden auch an dem Überfall auf vier Geflüchtete eine knappe Woche zuvor im Gubener Stadtpark beteiligt waren, sei noch unklar. Am späten Abend des 16. Mai hatte eine Gruppe von etwa 15 bis 20 zum teil vermummten Angreifern die vier Bewohner eines Asylbewerberheims zunächst umkreist und rassistisch beschimpft. Laut Polizei hatten zwei der Opfer flüchten können, die anderen beiden – ein 16-jähriger Junge aus Guinea und ein 19-jähriger Marokkaner wurden geschlagen und getreten. Sie mussten beide aufgrund ihrer Verletzungen im Krankenhaus behandelt werden. „Zum Glück nur ambulant“, sagte Gubens Bürgermeister Fred Mahro (CDU) am Montag dem Tagesspiegel: „Die Sorge gilt in erster Linie den Geschädigten, deshalb hat sie unsere Integrationsbeauftragte auch bereits aufgesucht.“ 

Er sei, wie viele andere in Guben, von den offenbar rassistisch motivierten Angriffen überrascht worden, sagte Mahro weiter. Leider werde in Guben wie auch in anderen Städten hin und wieder eine rechte Parole an eine Hauswand geschmiert – „aber dass das jetzt in Gewalt ausartet – dafür gab es keine Anzeichen.“ Die Stadt habe seit einigen Monaten extra einen Streetworker eingestellt, der mit den verschiedenen Jugendgruppen in Guben arbeite, aber auch dieser habe nichts Ungewöhnliches bemerkt. 

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„Ich bin natürlich betroffen und auch einfach wütend“, sagte der Bürgermeister weiter: „Wir haben hier so viel erreicht, um die Stadt lebenswert für die Bewohner und auch attraktiv für Investoren zu machen – und dann passiert so etwas völlig Inakzeptables. Und natürlich wird Guben wegen der schlimmen Ereignisse im Jahr 1999 besonders kritisch betrachtet.“

Tatsächlich war Guben damals international in die Schlagzeilen geraten, nachdem junge Männer den 28-jährigen Flüchtling Farid Guendoul in einer kalten Februarnacht durch die Stadt gehetzt hatten. In Todesangst hatte der Algerier, der sich Omar Bein Noui nannte, weil er in Deutschland um politisches Asyl gebeten hatte und seine Familie zu Hause nicht in Gefahr bringen wollte, die Glastür eines Wohnhauses eingetreten. Er wollte sich dort in Sicherheit bringen, schlitzte sich dabei jedoch die Hauptschlagader auf und verblutete im Treppenhaus.

DIe „Hetzjagd von Guben“

Die „Hetzjagd von Guben“, wie sie fortan in den Medien genannt wurde, erschütterte viele Menschen, auch in der Stadt selbst. Zahlreiche Initiativen gegen Rassismus und rechtsextreme Gewalt bildeten sich, Menschen spendeten Geld für die Familie und für das ungeborene Kind von Farid Guendoul. 

„Da hat sich so viel Positives entwickelt“, sagt Gottfried Hain, der damalige Bürgermeister von Guben: „Das hat man beispielsweise auch während der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 gespürt. Viele haben geholfen, von den Kirchgemeinden bis hin zu einzelnen Einwohnern.“ 

Das halte bis heute an, sagt Hain, der für die Wähler-Initiative „Gubener Bürger“ in der Stadtverordnetenversammlung sitzt. So habe ein Gubenerin Geld gesammelt, damit ein an einer Krankheit verstorbener Asylbewerber in sein Heimatland überführt und dort bestattet werden konnte. Ein anderer Mann habe einer Flüchtlingsfamilie ein Stück seines Gartens überlassen, ein weiterer sein Auto. 

„Aber natürlich gibt es auch noch jene, die aus ihrem Hass auf Menschen, die hier Schutz und Perspektiven suchen, keinen Hehl machen“, sagt Hain. Umso wichtiger sei es, jetzt klare Zeichen gegen diese Angriffe zu setzen. „Möglicherweise“, sagt Gottfried Hain, „fühlen sich ja gerade junge Menschen durch politische Ansichten angestachelt, die in der gegenwärtigen Zeit offenbar wieder populär und lautstark geäußert werden.“

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