Schon das Datum ist umstritten : Kampf ums Gedenken an das Kriegsende

Am 8. und 9. Mai wird die Befreiung vom Faschismus vor 74 Jahren gefeiert. Doch Linke und Rechtsextreme, Russen und Ukrainer machen sich Konkurrenz.

Zum „Tag des Sieges“ über das NS-Regime marschiert ein Traditionsverband der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR auf.
Zum „Tag des Sieges“ über das NS-Regime marschiert ein Traditionsverband der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR auf.Foto: imago stock&people

Vor 74 Jahren kapitulierte Nazideutschland. In Berlin wird es in der kommenden Woche zahlreiche Gedenkveranstaltungen geben – zur Erinnerung an die Toten des Krieges sowie an die Befreiung Europas vom Faschismus. Doch aktuelle Konflikte überschatten die Feste in der Stadt. Denn Russen und Ukrainer sind wegen des Krieges in der Ostukraine entzweit. Außerdem mischen sich ausgerechnet Rechtsextremisten und AfDler unter die Gäste, sehr zum Ärger der Linken.

Umstritten ist bereits das Datum. Westeuropäische Staaten feiern traditionell den 8. Mai als „Tag der Befreiung“. Doch unterschrieben wurde die Kapitulationsurkunde 1945 mitten in der Nacht, nach Moskauer Zeit war es da bereits der nächsten Tag. Deshalb wird in Russland und anderen einstigen Sowjetstaaten der 9. Mai als „Tag des Sieges“ gefeiert. In Berlin gibt es an beiden Tagen Gedenkfeiern – aber von sehr verschiedenen Gruppen.

Die größte Veranstaltung findet am 9. Mai statt. Mehr als 10.000 Menschen kommen traditionell zum Sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park. Die meisten sind Russlanddeutsche oder russischsprachige Juden. Viele tragen russische Nationalfahnen, Putin-Shirts. Dennoch sei die Veranstaltung keineswegs ein bloßes Propaganda-Event, sagt der Soziologe und Zeithistoriker Mischa Gabowitsch. Er hat die Feiern im Treptower Park jahrelang beobachtet. Das Gedenken habe große emotionale Bedeutung. Die Menschen kämen aus freien Stücken, nicht durch Zwang oder Propaganda, das Ganze sei auch ein Familienausflug.

Viele Ukrainer möchten nicht mehr mit den Russen feiern

Doch viele Ukrainer möchten wegen des Krieges in der Ostukraine heute nicht mehr gemeinsam mit den Russen in Treptow feiern. Deshalb hält die ukrainische Botschaft seit 2015 eine eigene Gedenkveranstaltung am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten ab – und zwar am 8. Mai. Das Datum ist auch ein Bekenntnis zum Westen. „Der russische Botschafter wird ganz bewusst nicht eingeladen“, sagt der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk. Anwesend sein werden aber Vertreter des Bundes und des Berliner Senats.

Moskau wolle das Gedenken für sich beanspruchen, sagt Melnyk. Als Hitler die Sowjetunion überfiel, sei aber nicht Russland der Hauptkriegsschauplatz gewesen, sondern die Ukraine. Drei Millionen gefallene Rotarmisten waren nach Angaben des Botschafters Ukrainer.

Rechte suchen die Nähe zu Russlanddeutschen

Doch auch für viele nicht-russischsprachige Deutsche sind die Gedenktage wichtig. Traditionell sind das vor allem Menschen aus dem linken Spektrum. Die Linkspartei legt bereits am 8. Mai an verschiedenen Mahnmalen und auf Friedhöfen Kränze nieder. Um 18 Uhr findet eine größere Veranstaltung mit der Landesvorsitzenden Katina Schubert am Treptower Ehrenmal statt. An diesem Ort präsentieren sich auch gerne stalinistische Sekten und DDR-Nostalgiker.

In den letzten Jahren bekommen die Linken aber Konkurrenz von rechts. Denn viele Rechte suchen die Nähe der Russlanddeutschen, die sie für sich gewinnen wollen. 2018 legte der AfD-Bundestagsabgeordnete Robby Schlund einen Kranz in Treptow nieder. Der frühere NVA-Offizier Schlund gilt als Bewunderer Putins und reist regelmäßig nach Russland. Sein Kranz wurde jedoch kurz darauf von Besuchern wieder entfernt.

Linke wollen ihre Gedenktage nicht vereinnahmen lassen

Auch rechtsextreme Reichsbürger verehren den russischen Präsidenten. Einige werden wohl auch dieses Jahr wieder am 9. Mai in Treptow Werbestände aufbauen. Für die Linkspartei sind die Rechtsextremisten ein echtes Problem. „Eine Vereinnahmung“ ihrer Feiern wollen sie nicht zulassen. Da es jedoch keinen offiziellen Veranstalter gibt, kann man unerwünschte Teilnehmer schwer fernhalten.

Die „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten“, die am Rand des Ehrenmals alljährlich am 9. Mai ein separates Fest „als Zeichen gegen heutigen Nationalismus“ organisiert, reagiert dennoch mit harter Hand: Anhänger rechter Gruppen hätten keinen Zutritt. heißt es. 2018 hätten die Ordner einige Reichsbürger hinausgeworfen.

Die Biker-Aktion der "Nachtwölfe" sei eine gezielte russische Staatsoperation

Auch die berüchtigten „Nachtwölfe“ werden sich kommende Woche wieder in Berlin präsentieren. Die russischen Biker sind bereits zu ihrer diesjährigen „Siegestour“ durch Osteuropa gestartet. Dabei handelt es sich aber eher um einen Staffellauf, denn die meisten Rocker fahren gar nicht den ganzen Weg aus Moskau. Sie wechseln einander ab.

Diese Aktion sei keine Privatangelegenheit, sagt der Osteuropa-Historiker Jan Claas Behrends. „Das ist eine russische Staatsoperation.“ Der Auftritt der paramilitärischen Truppe sei eine gezielte Provokation. Die martialischen Nachtwölfe geben aus Behrends Sicht ein treffendes Bild des heutigen Russlands ab.

2015 war das Deutsch-Russische Museum Karlshorst ein Ziel der Biker

Jörg Morré, Direktor des Deutsch-Russischen Museums Karlshorst, hat bereits Erfahrung gemacht mit den Rockern. 2015, bei ihrer ersten Siegestour, posierten sie am Museum auf einem Panzer. Das hat Morré gestört. Ob die Putin-Rocker nun wieder auftauchen, ist ungewiss. Da sein Museum ein „öffentliches Haus“ sei, werde er niemanden abweisen. Fahnen und Parolen seien aber untersagt.

Das Museum in Karlshorst ist dem deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion gewidmet. Pikant: Zum Trägerverein gehören neben der Bundesregierung auch unter anderem die Staatlichen Museen von Moskau und Kiew, außerdem das russische Verteidigungsministerium. Da sind Meinungsverschiedenheiten programmiert.

Jörg Morré versucht den Spagat, reist ständig zwischen den Hauptstädten hin und her, um in der Erinnerungspolitik zu vermitteln. Das sei nicht immer leicht. Aber er gibt sich zuversichtlich, dass auch künftig Kompromisse möglich seien. Ob das gelingt, kann man am kommenden Mittwoch, dem 8. Mai, beobachten. Wie jedes Jahr veranstaltet das Museum ein großes Fest. Bis zu 3000 Besucher werden erwartet.

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