• Sprachfolge Französisch, Latein, Englisch: Berliner Brennpunkt-Gymnasium bekommt neue fünfte Klasse

Sprachfolge Französisch, Latein, Englisch : Berliner Brennpunkt-Gymnasium bekommt neue fünfte Klasse

Unerwartetes Zugeständnis der Senatorin: Eine besondere Sprachenfolge und ein vorgezogener Einstieg sollen dem Diesterweg-Gymnasium auf die Sprünge helfen.

Das Diesterweg-Gymnasium in Gesundbrunnen gilt als Brennpunkt-Gymnasium.
Das Diesterweg-Gymnasium in Gesundbrunnen gilt als Brennpunkt-Gymnasium.Foto: Doris-Spiekermann-Klaas

Das hätten sich die Alliierten gewiss nicht träumen lassen: Nach über 70 Jahren gibt es in Berlin noch immer Kämpfe, um Ausnahmen von der Regel der von ihnen eingeführten sechsjährigen Grundschule durchzusetzen.

Jetzt ist es einem Brennpunkt-Gymnasium wider Erwarten gelungen, die Zusage der Verwaltung von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) für eine neue fünfte Klasse zu bekommen. Das bedeutet: Die betreffenden Schüler verlassen ihre Grundschule schon nach der vierten Klasse in Richtung Gymnasium. Im Sommer 2021 geht es los. Aufgenommen werden zunächst Schülerinnen und Schüler mit Französisch als erster Fremdsprache, nachrangig auch mit Englisch.

Erkämpft wurde dieses überraschende Zugeständnis vom Diesterweg-Gymnasium in Gesundbrunnen. Der, so Schulleiter Volker Lehmann, „seit Jahren gehegte Wunsch“ geht in Erfüllung, weil die Schule ein sehr besonderes Konzept erdacht hat: die berlinweit singuläre Sprachenfolge mit Französisch-Latein-Englisch.

Der anspruchsvolle Ansatz für den auf zehn Jahre angelegten Schulversuch „Altsprachlicher Zug mit erster Fremdsprache Französisch“ wird sogar von der sprach- und literaturwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität wissenschaftlich begleitet.

Dabei soll etwa die Frage beantwortet werden, ob die „sprachbildende Wirkung“ des Lateinischen positive Effekte auf die Fertigkeiten im Deutschen habe: ein wichtiger Punkt angesichts der Tatsache, dass – zumindest unter der aktuellen Schülerschaft – 90 Prozent zu Hause kein Deutsch sprechen. Darüber hinaus soll erprobt werden, ob dank Latein die Leistungen in anderen Fächern steigen.

Der Schulversuch ist auf zehn Jahre angelegt

Herausfinden will die Schule zudem, ob die neue Sprachenfolge die Attraktivität für bildungsinteressierte Familien erhöht, denn ein erfolgreicher Schulversuch, der leistungsfähigere Schüler an die Schule bringt, könnte auch dazu führen, dass mehr leistungsfähige Schüler als bisher zur siebten Klasse kommen.

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Letztgenanntes Ziel führt regelmäßig dazu, dass Gymnasien, vereinzelt auch Sekundarschulen, versuchen, Ausnahmegenehmigungen zu erwirken und bereits mit Klasse 5 starten zu können. In den vergangenen Jahren hatten sie damit aber keinen Erfolg, sodass die Zahl der sogenannten grundständigen Klassen seit Langem bei 70 stagniert, was rund zehn Prozent eines Jahrgangs entspricht. Mehr sollten es nicht werden, um der sechsjährigen Grundschule nicht noch mehr lernwillige Kinder zu entziehen.

Das Ziel: Die kulturelle Segregation durchbrechen

Die Bildungsverwaltung begründet die Ausnahme nicht nur mit der Sprachenfolge. Sie erhofft sich, „dem Problem sich verfestigender (inter-)kultureller Konflikte entgegenzuwirken“. Was sich hinter der Formulierung verbirgt: Die kulturelle Segregation am Diesterweg-Gymnasium soll durchbrochen werden: Schule und Verwaltung hoffen, mittels des Angebots davon wegzukommen, dass es kaum noch Schüler mit Deutsch als Muttersprache gibt.

[Informationsabend am Diesterweg-Gymnasium für interessierte Eltern: 25. November, 19 Uhr, Tag der offenen Tür für die 5. Klasse: 9. 1., 9–12 Uhr]

Allerdings hat die Zusage an das Diesterweg in Pankow Fassungslosigkeit bewirkt: Dort sind nämlich mehrere Grund- und Oberschulen seit 2017 damit befasst, das Französische zu stärken. Im Mittelpunkt steht das Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums, das - nach einer mehrjährigen Pause - wieder das französische und deutsche Abitur parallel anbieten will ("Abibac"), wie der Französischlehrerverband mitteilte.

Konkurrenz um die schwindenden Französischschüler

Um dieses anspruchsvolle Ziel zu erreichen, hatte die Schule darauf gehofft, ebenfalls ab Klasse 5 starten zu können - so, wie die anderen Gymnasien, die zum "Abibac" führen. Dem Vernehmen nach waren aus der Bildungsverwaltung aber stets Signale gekommen, dass dieses Ansinnen keinerlei Aussicht auf Erfolg habe. Umso größer jetzt die Empörung, dass dem Diesterweg-Gymnasium etwas zugestanden wurde, für das man selbst jahrelang vergebens gekämpft hatte - zumal die Nachfrage nach einem früheren Einstieg ins Gymnasium nirgendwo so groß ist wie im bürgerlichen Pankow.

Rund um das von der englisch-spanischen Konkurrenz in Bedrängnis geratende Französisch gibt es aber aktuell noch mehr Sorgen: Schöneberger Eltern berichten, dass es auch in ihrem Bezirk punktuell zu wenig Nachfrage nach Französischangeboten gebe, weshalb eine Schule dort ihre Französischvertiefung zugunsten einer Abibac-Schule aufgeben soll.

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