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"Based in Berlin": Ein Kurator kennt keine Feiertage

Es gibt keine Regeln dafür, was in der zeitgenössischen Kunst wichtig ist. Kuratoren entscheiden das. Der gefragteste weltweit ist Hans Ulrich Obrist. Er will alles wissen, und die Kunst soll ihm helfen.

Von Barbara Nolte

Ins Büro läuft Hans Ulrich Obrist durch Kensington Gardens. Eine Hand steckt in der Hosentasche. Über seiner Schulter hängt eine billige Plastiktasche. Ein schneidender Wind treibt Wolkenfetzen über den Londoner Himmel. Auf den Wiesen spielen die Menschen Fußball. In England ist Feiertag: Frühlingsfeiertag.

Von Sonntagen und Feiertagen, sagt Obrist, lasse er sich nicht von der Arbeit abhalten. Er fahre auch nicht in Ferien. „Nä.“ Er habe, wie er es ausdrückt, die „Obsession“, alles wissen zu wollen. Die treibe ihn an. Jetzt lacht er. Seine Stimme ist hell. Seine Lache kippt ins Kichern. Obrist spricht mit Schweizer Akzent und in rasendem Tempo. Dazu boxt er mit den Händen in die Luft, als er erklärt, dass er Ideen im Minutentakt habe. Er beschäftigt eigens drei Praktikanten, die seine Ideen ausrecherchieren.

Ein bisschen wirkt Obrist wie ein Angestellter. Sein Äußeres ist unscheinbar. Das Haar schütter, der Anzug grau, die Brille aus durchsichtigem Plastik. Nur gestikuliert er zu wild. Es dauert nicht lange, da bemerkt man, dass er diese Irrsinnshektik absichtlich verbreitet. Dass er sich stilisiert, als rastloser Sammler von Originellem und Originärem, um es in Ausstellungen zu zeigen. Er ist Kurator, der zurzeit wohl gefragteste der Welt.

Was braucht Berlin? Kunst, die unter den Schuhsolen knirscht

In diesen Wochen arbeitet er gleich an drei Ausstellungen. Eine stellt er für die Serpentine Gallery zusammen, bei der er angestellt ist. Freiberuflich arbeitet er außerdem für eine Schau in Manchester, und hinter „Based in Berlin“, dem vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit initiierten 1,7 Millionen Euro teuren Großprojekt, steht er auch. Zu Hans Ulrich Obrists täglichem Pensum zählt außerdem die Lektüre seines Lieblingsdichters Glissant, schon seit Jahren zur morgendlichen Erbauung früh um fünf. Anschließend arbeitet er sich drei Stunden durch Zeitungen und Bücher, die ihn mit den philosophischen, literarischen und wissenschaftlichen Bezügen versorgen, von denen Gespräche mit ihm nur so wimmeln. Er ist unermüdlich. Früher, erzählt er, habe er alle drei Stunden für 15 Minuten geschlafen. Er nennt es „meinen da-Vinci-Rhythmus“. Offenbar hielt es der italienische Maler genauso. Der Wecker, den Obrist immer bei sich trug, war so wichtig wie heute sein Blackberry.

Doch der so offenkundig eigensinnige junge Mann, der sich überall, wo er hinkam, erstmal nach einem geeigneten Schlafplatz umsehen musste, hatte das Talent, spektakuläre Ausstellungen zu inszenieren. Den sonst oft so abweisenden Maler Gerhard Richter gewann er beispielsweise dafür, von ihm übermalte Fotos von Berggipfeln in einem Haus im Schweizer Bergdorf Sils Maria auszustellen, in dem Nietzsche „Also sprach Zarathustra“ geschrieben hatte. Der Coup gelang Hans Ulrich Obrist mit gerade mal 24 Jahren, Student der Wirtschaft in St. Gallen war er damals.

Heute steht Gerhard Richter als teuerster deutscher Maler auf Platz 55 der viel zitierten Rangliste der hundert einflussreichsten Sammler, Galeristen, Museumsdirektoren und Künstler des britischen Kunstmagazins „Art Review“. Hans Ulrich Obrist liegt auf Rang zwei. Vergangenes Jahr führte er die Liste sogar an. Die Kräfteverhältnisse in der Kunst müssen sich verschoben haben.

Kuratoren wie Obrist wählen aus, was in die Museen kommt und was nicht. Sie bestimmen, wer mitspielen darf. Diese Auswahl zu treffen ist in der Kunst, in der es keine Regeln dafür gibt, zwangsläufig eine Anmaßung. Zu rechtfertigen höchstens durch größtmöglichen Einsatz und umfangreiches Wissen, was auch Hans Ulrich Obrists Selbstinszenierung des Besessenen erklärt.

„Kunst muss unerwartet sein. Sie kann den Anstoß geben, dass wir die Art und Weise, die Welt zu sehen, verändern“, so erklärt er, was für ihn ein gutes Kunstwerk ausmacht. Kunst als Erkenntnisinstrument. Auch bei seinen Ausstellungen wolle er keinesfalls den eigenen Geschmack protegieren. Ihn treibe vielmehr um, was „dringend“ sei, dass die Welt es sehe. „Was braucht London? Was braucht Berlin?“ Große Fragen.

Der Kurator als Genie, das die Themen der Zeit auf den Punkt bringt, sie erfahrbar macht in einer Ausstellung, niemand verkörpert diesen Typus des Weltendeuters zurzeit so überzeugend wie Obrist.

Was braucht Berlin? Er sagt: in diesem Jahr eine Übersicht darüber, woran die Künstler, die Ateliers in der Stadt bezogen haben, arbeiten.

Zusammen mit Klaus Biesenbach, der im Museum of Modern Art in New York Chefkurator der Medienabteilung ist, und Christine Macel vom Centre Pompidou hat er das so entschieden. Obrist und Biesenbach kennen sich seit Anfang der 90er Jahre. Im Nachtzug nach Venedig hatten sie zufällig Betten im selben Abteil gebucht. „Daraus ist ein sehr, sehr langer Dialog entstanden, der niemals abgerissen ist“, sagt Obrist, und man fragt sich, ob die beiden bildungsbeflissenen Männer tatsächlich auch miteinander in diesen sperrigen Worten reden, die normalerweise in Kunstkatalogen stehen.

Auf der nächsten Seite erfahren Sie, wie Hans Ulrich Obrist schon als Schüler anfing selbst zu den Künstlern zu reisen.

Schon als Schüler hat Hans Ulrich Obrist mit diesen Nachtzugreisen begonnen. Damals lebte er in einer Schweizer Kleinstadt. Die Mutter war Lehrerin, der Vater Finanzbeamter. Sie hatten keine Ahnung von Kunst, ließen den Sohn gewähren, der allein in den Ferien zum Künstler Christian Boltanski nach Paris aufbrach oder zu Ed Kienholz nach Berlin. Es wurde sein Antrieb, die Künstler selbst aufzusuchen und kennenzulernen, statt sich mit ihren Werken in einem Museum zu begnügen. Über zehntausend Werkräume hat Obrist in den Jahren gesehen.

Seit fünf Jahren hat er eine Wohnung in der Nähe der Berliner Charité. Ein Wochenende im Monat verbringt er dort, sofern ihm das seine Reisen erlauben. In der vergangenen Woche ist er erst 10 000 Kilometer nach Osten geflogen, nach Hongkong, wo er eine Kunstmesse besuchte. Nach einem Zwischenstopp in London ging es 10 000 Kilometer nach Westen, nach Brasilien, wo er den Architekten Oscar Niemeyer interviewte.

Kuratoren sind Vielflieger. Und Obrist sitzt fast immer in der Touristenklasse. Das mache ihm nichts aus, versichert er, weil der enge Sitzabstand ihm den Schlaf verwehre. Somit könne er arbeiten. Seine materielle Bescheidenheit fällt auf. Sein Londoner Büro misst etwa 15 neonbeleuchtete Quadratmeter, die er sich an Werktagen mit seiner Sekretärin und den drei Praktikanten teilt.

Da sitzt er nun an einem runden, mit Tonbändern und Papierstapeln überladenen Tisch und kritzelt die minütlichen Einfälle, die er auch während des Gesprächs hat, wenn auch etwas seltener, auf gelbe Merkzettel. Was davon seiner nächtlichen Durchsicht standhält, muss morgen der Praktikant abarbeiten. Einmal hat er ihm aufgetragen herauszufinden, wie sich der Gebrauch des Wortes „Kuratieren“ über die Jahre verändert hat. Der hat schließlich eine Kurve ausgedruckt, die exponenziell nach oben zeigt. Kuratieren ist eine aufsteigende Kulturtechnik. Mittlerweile gibt es sogar eigene Studiengänge, die diese Kunst lehren. Oder ist es doch mehr eine Form der Kommunikation?

Sein Wert als Kurator von "Based in Berlin" wird in Besuchern gemessen

Der Hof der Kunst-Werke in Berlin Mitte. Ein Mann Mitte 20 sitzt über ein schmales, silbernes Laptop gebeugt und raucht. Er ist einer der sogenannten Jung-Kuratoren der Ausstellung „Based in Berlin“. Fredi Fischli heißt er. Er ist der Sohn von Peter Fischli vom berühmten Schweizer Künstlerpaar Fischli & Weiss. Die Ausstellung hat eine ungewöhnliche Aufgabenverteilung. Obrist, Biesenbach und Macel haben fünf junge Kollegen angestellt, um die Berliner Kunstszene zu durchkämmen, was in dieser Stadt, in der mittlerweile angeblich so viele Künstler leben wie in keiner anderen, sehr aufwendig ist.

Obrist nennt sich deshalb Berater. Was sich so äußert, wie Fischli erklärt, dass er ständig SMS aus London bekommt oder aus Venedig, wohin Obrist am Tag nach dem Londoner Treffen weitergereist ist. Vor ein paar Wochen schrieb Obrist: „David Hominal soll in Berlin sein. Er ist ein großartiger Künstler. Wir sollten ihn treffen.“ Fredi Fischli hat also schnell einen Termin gemacht. Gemeinsam sind sie im Taxi zu Hominal in die Potsdamer Straße gefahren. Dort habe Obrist wissen wollen, was Hominals erstes Bild gewesen sei. Da habe Hominal nur das Wort Maradona mit dickem Edding auf die Wand geschrieben. Das gefiel Obrist.

Fischli schildert den erfahrenen Kollegen beim Inspizieren von Hominals Atelier als „eine Mischung aus Detektiv und wandelndem Lexikon“. Ständig etwas notierend oder nachfragend. Eine Frage sei für Obrist zentral. Die stelle er im Grunde immer, sagt Fischli. „What was your Epiphany?“ Epiphanie, Lexikontext: unvermutete Erscheinung oder Selbstoffenbarung einer Gottheit vor den Menschen. Obrist scheut kein Pathos.

David Hominal kommt jetzt über den Hof der Kunst-Werke gehastet. Fredi Fischli soll ihm die Wand zeigen, an dem sein Werk hängen soll. Er muss es noch malen. Und Hominal sagt, dass Obrist gesagt habe, „Deadlines make the world go round“. Hominal lacht. Gemeinsam laufen die beiden Männer die Treppen in den zweiten Stock hinauf. Dort klebt der Künstler Asaf Koriat gerade Schleifen aus Geschenkbändern an die Wand. Die Künstlerin Kitty Kraus hat einen schmalen Rollladen vor einer Aufzugstür aufgehängt. Daneben liegt eine Bohrmaschine, und man weiß nicht, ob die Bohrmaschine zum Kunstwerk gehört oder ob sie noch weggeräumt wird. Die Kunst hat sich weit entfernt vom interesselosen Wohlgefallen, das sich, wie Kant schrieb, bei ihrer Betrachtung einstelle. Bei „Based in Berlin“ knirscht die Kunst unter den Schuhsohlen. Um das alte Atelierhaus im Monbijoupark, dem zentralen Ort der Ausstellung, hat das Künstlerkollektiv Le Balto Industrieschlacke ausgeschüttet.

Tausende Besucher schieben sich am Dienstag, dem Eröffnungsabend, durch die Schau und bleiben an der Bar hängen. Dazwischen Hans Ulrich Obrist mit seinem hellgrauen Anzug und einem Mineralwasser in der Hand, fremd und zufrieden. Er führt noch ein paar Journalisten bei Fiete Stolte vorbei, den er, wie er sagt, besonders schätzt und der mit einem Schlafabdruck vertreten ist: ein Abguss einer Spezialmatratze, auf der Stolte eine Nacht verbracht hat. Obrist sagt, dass ihn an Stolte „das ganz andere Zeitkonzept“ interessiere. Der Tag habe 21 Stunden, und die Woche acht Tage. Das verbinde ihn mit dem jungen Künstler. Er selbst habe viel mit Zeit experimentiert.

Seinen „da-Vinci-Rhythmus“ hat er allerdings schon lange aufgegeben. Er habe sich „als wenig nachhaltig“ erwiesen. Er will nicht näher ausführen, ob er mal zusammengebrochen ist oder einfach nur hundemüde war. „Die fünf Stunden, die ich nun seit Jahren schlafe, haben sich als nachhaltig erwiesen“, sagt er nur, und man hört den Wirtschaftsstudenten durch, der sogar seinen Körper der ökonomischen Logik unterordnet.

Hans Ulrich Obrist geht es vor allem um Produktivität, vielleicht ist das typisch für einen Starkurator wie ihn. Kreativität, für die es einer Muße bedarf, würde ihm sein enges Zeitkorsett nicht erlauben. Als er sich am Morgen nach der Vernissage noch mal meldet, da ist er schon wieder in London. Er hat den ersten Flug genommen.

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