Stadtspaziergang mit Axel Ranisch : Wie man in Fennpfuhl berühmt wird

Axel Ranisch ist Filmemacher, Schauspieler, Opernregisseur. Im Lichtenberger Ortsteil Fennpfuhl ist er aufgewachsen – und lebt nun wieder dort.

Filmemacher und Autor Axel Ranisch zeigt beim Spaziergang durch seinen Heimatkiez Lichtenberg seine Lieblingsplätze.
Filmemacher und Autor Axel Ranisch zeigt beim Spaziergang durch seinen Heimatkiez Lichtenberg seine Lieblingsplätze.Foto: Paul Zinken

Hinter der Ringbahn, wo Altbau-Friedrichshain aufgehört hat und Plattenbau-Lichtenberg gerade anfängt, wohnt er. Axel Ranisch. Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Schauspieler, Opernregisseur, seit diesem Jahr auch Romanautor und Theatermann, bald Hörspielmacher. Und eben Fennpfuhler, denn: „Lichtenberg ist nicht gleich Lichtenberg. Der Fennpfuhl ist ein spezieller Ortsteil.“ Vor gut 45 Jahren errichtete die DDR hier eine ihrer ersten Großsiedlungen, WBS 70 so weit das Auge reicht. Grob begrenzt durch Landsberger Allee, Storkower Straße, Vulkanstraße. Rund zwei Quadratkilometer, darauf um die 33.000 Einwohner. „Fast wie Monaco“, witzelt Ranisch.

Nun öffnet dieser Koloss von einem Mann, der aus seinem Honigkuchengesicht heraus wie ein kleiner Junge lacht, die Tür zu einem Aufgang in der Rudolf-Seiffert-Straße und bittet in den Hof. „Ich kenne hier jeden Quadratmeter.“ Ranisch wurde vor 35 Jahren in Lichtenberg geboren, in diesem Haus ist er aufgewachsen und lebt nach einem Zwischenstopp in Friedrichshain wieder in der Wohnung, in der er mit zwei älteren Schwestern aufwuchs. Seine Eltern hatten vor ein paar Jahren beschlossen, in eine andere Fennpfuhl-Platte zu ziehen. „Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass niemand mehr von uns in dieser Wohnung lebt.“

Eine Leidenschaft für Klassik

Die nunmehr knallbunt eingerichteten 90 Quadratmeter, die sein Mann und er mit DVDs, CDs, Platten und Büchern vollgestopft haben, sind sein Rückzugsort. Ranisch ist viel unterwegs. Südafrika, Hamburg, Stuttgart, demnächst Moskau. Gerade ist er aus München wiedergekommen, da hat er zum dritten Mal an der Bayerischen Staatsoper inszeniert, diesmal Haydns „Orlando Paladino“. Die Klassik ist neben Low-Budget-Filmen Ranischs große Leidenschaft.

In seinem soeben erschienenen Roman „Nackt über Berlin“ dienen vor allem Tschaikowskis Melodien als Soundtrack zum Teenagerleben von Jannik, den seine Mitschüler Fetti nennen. Ranisch findet, dass die Klassik der beste Weg sei, um zu rebellieren. Wer verbietet einem Jugendlichen schon Tschaikowski?

Rebellion – das Wort scheint nicht recht zu ihm zu passen, der so zärtlich über seine Eltern und vor allem über die Oma spricht, die mit Mitte 80 nochmal eine Karriere als Schauspielerin begann. Auf zehn Produktionen hat sie es schon gebracht, meistens unter der Ägide des Enkels, zuletzt im Ludwigshafen-Tatort. Familie ist auch der rote Faden in Ranischs Werk, der in Potsdam bei Rosa von Praunheim Regie studierte. Im anrührenden Indie-Streifen „Ich fühl mich Disco” ist es Florian, der – gebeutelt von Pubertät und der eigenen, noch unklaren Sexualität – Halt bei seiner Mutter und in der Plattenbauwohnung findet. Hier ist der geschützte Raum, wo man sein darf, wie man will – so lange der strenge Vater nicht zu Hause ist. Draußen: Mobbing, dumme Blicke.

Route des Stadtspaziergangs durch Pfennfuhl (anklicken zum Vergrößern).
Route des Stadtspaziergangs durch Pfennfuhl (anklicken zum Vergrößern).Grafik: Tsp/Piper-Meyer

Und nun kommt „Familie Lotzmann“ ins Fernsehen. Wieder so ein dysfunktionaler Haufen, der am Ende doch zusammenhält. Innerhalb eines Tages kracht die Welt der Lotzmanns zusammen, jeder geht jedem an die Gurgel: Ego-Papa Hubert gegen seine konsumkritische Tochter Bille, die von allen unterschätzte Mutter Annemarie gegen ihre zickigen Schwestern – und natürlich gibt es auch eine ältliche Nachbarin, die das Treiben fein säuberlich protokolliert. Von dem Moment, als Annemaries Wellensittich im Staubbeutel des „Fuzzbuster 500“ verschwindet bis zu jenem, in dem die Polizei klingelt, entspinnt sich ein phänomenales Chaos. Man meint Axel Ranisch aus dem Off leise kichern zu hören.

Erinnerungen an seine Kindheit

Der Tausendsassa steht im kühlen Schatten des Wohnblocks und wenn in diesem Moment nicht der Rasen gemäht würde, wäre es dörflich still. Ranisch sieht hier nicht nur einen Hof. Er sieht seine Kindheit. „Dort in den Büschen habe ich früher Höhlen gebaut, ich hatte ja nicht so viel Lust mit den anderen Kindern zu spielen. Diesen Baum habe ich mit meiner Mutter gepflanzt, da war ich vielleicht sechs. Und oben im neunten Stock haben wir die Wäsche zum Trocknen aufgehängt, da stand eine riesige Plättmaschine. Auf der Etage sind die Aufgänge noch immer miteinander verbunden…“

So sprudelt es aus ihm heraus, während er zwischen den Häusern, die ein Riese wie Würfel in die Landschaft geworfen haben muss, Richtung Norden läuft. Immer wieder überquert er die Rudolf-Seiffert-Straße, sie breitet sich netzartig aus. Wer kein Handy dabei hat und sich nicht auskennt, hätte sicher Probleme mit der Orientierung.

„Ich hielt mich eine Zeit lang für sehr dumm“

Auch Ranischs alter Kindergarten befindet sich in dieser Straße, ein Flachbau, der allen Ost-Kindergärten gleicht und der sogar noch seine alte Funktion hat. Andere Kindergärten im Kiez beherbergen längst Senioren. Es sind wirklich viele Rentner unterwegs. Manche haben Einkäufe im Rollator. Sie müssen schnell nach Hause, es ist schon 11.15 Uhr, Zeit fürs Mittagessen.

Axel Ranisch kann sich vorstellen hier alt zu werden, in Laufweite zur „Tür des Horrors“, wie er den Eingang zum Kindergarten nennt. Manchmal träumt er von dieser Tür, hinter der er schon wartete, wenn seine Mutter ihn abends abholte. Mit anderen Kindern tat sich der kleine Axel lange schwer. Und später lief es nicht besser. Mehrfach wechselte Ranisch die Schule, er ging aufs Herder-Gymnasium ganz in der Nähe, dann auf eine Schule in Tiergarten. Wieder keine Freunde, wieder schlechte Noten. „Ich hielt mich eine Zeit lang für sehr dumm.“

Alles änderte sich, als Ranisch die Theaterferien im Wannseeforum entdeckte. Endlich etwas, das er konnte und mochte. Endlich Freunde, über die ganze Stadt verteilt. „Vorher war Berlin riesig und unüberschaubar für mich, dann entdeckte ich ganz viele Ecken und ihre Besonderheiten und merkte: Das ist ja alles gar nicht so weit voneinander entfernt.“

Weil Axel Ranisch selbst früh fürs Geschichtenerzählen brannte, verwundert es nicht, dass er seine Premiere als Theaterregisseur in diesem Jahr im nahegelegenen Theater an der Parkaue mit einer Nöstlinger-Geschichte feierte. „Ich wollte das schon ganz lange, in das Theater bin ich früher oft gegangen.“ Er macht gern Sachen für Kinder, hat mehrere „Löwenzahn“-Folgen produziert. „Ich habe ja selbst so ein kindliches Gemüt.“

An den Gleisen der M8 bleibt Ranisch stehen und zeigt auf ein Hochhaus, das weniger glattsaniert aussieht als die anderen Blöcke mit ihren glänzenden, pastellfarbenen Panzern aus den 90er und Nuller Jahren. „Da haben wir ‚Ich fühl mich Disco‘ gedreht, in einer leerstehenden Wohnung.” Im Erdgeschoss ist die Rio Bar rund um die Uhr geöffnet. Und gleich gegenüber erstreckt sich der Fennpfuhl, ein kleiner Park mit Teich und Wasserspiel, einem schönen Standesamt in einer alten Fabrikantenvilla und Skulpturen aus der Zeit des Sozialismus, wuchtige Körper.

„Man kennt mich vor allem als Sohn meiner Mutter“

Eine Figur wird in Ranischs Familie nur „Die dicke Berta“ genannt, irgendjemand hat ihre Betonfingernägel blau angesprüht. Im Schatten der Bäume erholen sich Menschen von der Dauerhitze dieses Sommers, Enten watscheln über das sattgrüne Gras. Der Fennpfuhl ist ein Feuchtgebiet – so feucht, dass das Hochhaus drüben am Anton-Saefkow-Platz angeblich mal drohte einzustürzen. „Ein Hausmeister hat mir erzählt, dass eine Firma aus Schweden kommen musste, um einen stützenden Sockel in den Boden zu lassen.“ Axel Ranisch, der Fennpfuhl-Chronist.

Weiter geht es nun auf den Anton-Saefkow-Platz, der so heißt, weil hier eben fast alle Straßen nach NS-Widerstandskämpfern benannt worden sind. Im Karree sind lauter kleine Läden aneinandergereiht: Cafés, die Tabakquelle, ein Versicherungsbüro, ein Supermarkt und ein Laden, der alles verkauft, Hauptsache billig. In der Mitte haben vietnamesische Händler Marktstände aufgebaut, es gibt Taschen und Latschen.

Die Möhre am Gustavo-Hochhaus in der Franz-Jacob-Straße.
Die Möhre am Gustavo-Hochhaus in der Franz-Jacob-Straße.Foto: Jens Kalaene/dpa

Eine Frau winkt zu Axel Ranisch hinüber. „Ich habe Sie im Fernsehen gesehen!“ Ob ihm das oft passiert, dass die Leute ihn ansprechen? „Man kennt mich vor allem als Sohn meiner Mutter. Die hatte hier 25 Jahre eine Physiotherapiepraxis.“ Auch so kann man in Fennpfuhl berühmt werden.

Vorbei am Blumenbüdchen, in dem Ranisch als kleiner Junge einzelne Rosen kaufte, um sie seiner Oma zu schenken. Zumindest erzählt er das so und irgendwie nimmt man es ihm auch ab, denn: „Wenn meine Mutter Spätdienst hatte, habe ich immer für sie gekocht.“ Ohne Zwang? „Ohne Zwang.“

Schon am Anfang der Franz-Jacob-Straße – noch so ein Widerstandskämpfer – sieht man an ihrem Ende eines der auffälligsten Berliner Hochhäuser aufragen, direkt am S-Bahnhof Storkower Straße. Der mallorquinische Künstler Gustavo hat die Fassade Ende der 90er gestaltet, als Inspiration diente ein Märchen. Eine Figur aus der Geschichte, eine Möhre, prangt nun in gigantischer Größe auf der nach Fennpfuhl gewandten Seite.

In seinem Film „Alki Alki“ habe er sich ein bisschen darüber lustig gemacht, gesteht Axel Ranisch. Da besprechen zwei Architekten in einer Szene die Sanierung eines Plattenbaus, es gibt mehrere Konzepte. „Und dann am Ende heißt es: Na gut, machen wir halt ‘ne Möhre an die Wand.“ Eine kleine Reminiszenz, die nur versteht, wer den Fennpfuhl kennt.

„Familie Lotzmann auf den Barrikaden“, ARD, 28. August, 22.45 Uhr

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