Die letzte Party endete tragisch

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Stasi-Zentrale in Lichtenberg : Die Nachmieter des Erich Mielke
Die Wende. Am 15. Januar 1990, zwei Monate nach dem Mauerfall, stürmten Demonstranten den Sitz des verhassten Geheimdienstes.
Die Wende. Am 15. Januar 1990, zwei Monate nach dem Mauerfall, stürmten Demonstranten den Sitz des verhassten Geheimdienstes.Foto: imago/Rolf Zöllner


Doch es kam nie zu einer Einigung, das Gebäudekonvolut blieb zusammen. Die Bahn tat sich schwer mit der Vermarktung, nicht zuletzt, weil beim Bau der Häuser ökonomische oder energetische Belange keine Rolle gespielt hatten, weshalb die Bewirtschaftung heute teuer käme. Und so ging die Entwicklung im Bezirk an diesem so lange schon abgeschnittenen Ort vorbei. 2010 schließlich wurde die Stasi-Stadt als Sanierungsinsel in die Pläne von Stattbau einbezogen, die Gesellschaft von der öffentlichen Hand mit dem „Stadtumbau Frankfurter Allee Nord“ beauftragt. Studenten, Architekten und Stadtplaner entwarfen Lösungen, am Ende wurde ein Konzept favorisiert, das einen weitgehenden Erhalt des Bestandes vorsah. Nebengebäude aber sollten abgerissen, Freiflächen entsiegelt werden. Wohnraum war nicht geplant, die lokale Infrastruktur wäre damit überfordert, es fehlte und fehlen Schulen und Kindergärten. Stattdessen sollte Gewerbe und Kultur einziehen.

Ein überraschender Deal

Heute wird das HVA-Haus 15 an der Ecke Frankfurter Allee / Ruschestraße noch immer vom Bahn-Signet gekrönt, nur dass es jetzt unter einer grauen Plane verschwunden ist. Denn mitten in die Pläne der Stattbau platzte eine Überraschung: Im März 2011 verkaufte die Deutsche Bahn ihren gesamten Besitz in der Stasi-Stadt an die Aris, eine Immobilienfirma, geführt von einem Berliner Abrissunternehmer – und zwar wenige Tage, bevor das Areal Sanierungsgebiet wurde, danach hätte der Deal gar nicht mehr in dieser Form stattfinden können. Über den Preis bewahrt der Käufer Stillschweigen. Aus verschiedenen Quellen heißt es, es habe sich um einen Euro gehandelt. Auf die Frage, warum sie denn das Gelände so preiswert abgegeben habe, schreibt die Bahn, dazu könne sie leider keine Mitteilung machen, „da der Vorgang schon sechs Jahre zurückliegt und für die DB abgeschlossen ist“.

Seitdem, seit 2011, geschah auf dem einstigen Bahn- und jetzigen Aris-Besitz so gut wie nichts mehr. Gelegentlich veranstaltete der temporäre Club Rabumms in Haus 18 Partys. Eine endete im Januar 2014 tragisch, als ein junger Mann ins Treppenhaus stürzte und starb. Heute ist das Gebäude verschlossen und wirkt von außen desolat. Sven Kubal, Geschäftsführer der Berliner Gesellschaft für Vermögensverwaltung, die die Immobilie für die Aris betreut, erklärt auf Anfrage, es gebe derzeit keine Verhandlungen über eine Nutzung.

Haus 22, die alte Offizierskantine, ist die einzige Ausnahme im allgemeinen Stillstand. Der Bund erwarb im März 2016 den „Feldherrenhügel“ im Zentrum des Areals einschließlich des Freigeländes davor. Für Roland Jahn war das ein Erfolg. Der Bau mit seinem Kongresssaal könnte zum Herzstück des Campus für Demokratie werden, ohne das Freigelände hätte es auch keine Ausstellung der Havemann-Gesellschaft gegeben. Für die Aris dürfte es auch ein Glückstag gewesen sein. Zwar wird über den Kaufpreis Stillschweigen bewahrt, aber man munkelt, es habe sich um anderthalb Millionen Euro gehandelt.

Das sehr viel größere Haus 15 blieb indes ungenutzt – bis es im November 2015 auf Grundlage des Allgemeinen Gesetzes zum Schutz von Sicherheit und Ordnung in Berlin (Asog) beschlagnahmt wurde. Das Deutsche Rote Kreuz richtete hier eine Notunterkunft für 1300 Flüchtlinge ein. Nachts sieht man an den Lichtern, dass immer noch kaum ein Drittel des Komplexes belegt ist. Für die Aris war die Beschlagnahme kein schlechtes Geschäft. Ohne investieren zu müssen, bezieht sie nun Miete für das bislang leerstehende Gebäude. Wie viel, mag Sven Kubal nicht sagen. Bei den geltenden Tagessätzen pro Bewohner dürften es grob geschätzt mindestens 360 000 Euro im Monat sein.

Im Büro von Markus Wolf

Drinnen bestätigt sich der Eindruck, dass weite Teile des Gebäudes ungenutzt sind, darunter der gesamte Flügel, der ins Innere des Geländes weist. Hier hatte Markus Wolf sein Quartier, in Zimmer 982 des neunten Stocks. Das Büro ist groß, größer als das von Mielke, aber vollkommen leer. Die Scheiben des Barschranks sind kaputt, der Stahlschrank für die Akten trägt noch das Signet vom VEB Haldensleben. Rüdiger Kunz, Sprecher beim DRK, das das Haus bewirtschaftet, träumt davon, hier einmal eine Kita für die Flüchtlingskinder einzurichten, Platz genug zum Herumtollen wäre ja. Doch dazu müsste ein dauerhafter Vertrag geschlossen und das bisherige Notquartier in eine Gemeinschaftsunterkunft umgewandelt werden. Voraussetzung wären Sanitärräume und Küchen, deren Einbau das Land Berlin bezahlen müsste.

Im zweiten, dritten und vierten Stock sind die Räume nicht ganz so leer. Da liegen Akten, achtlos auf dem Boden verteilt, so wie man es von alten Bildern nach dem Sturm auf die Stasi-Verwaltungen kennt. Natürlich sind es keine Stasi-Akten, sondern Unterlagen der Bahn, zum Beispiel Elektrifizierungspläne der Strecke Leipzig-Dresden, Kopien von Kreditkarten aus dem Fuhrpark, Strafzettel, Korrespondenzen. Die älteren stammen aus den frühen 2000er Jahren, die neuesten vom Oktober 2010. Einmal mehr sieht es nach überstürztem Auszug aus.

Gegenseitige Blockade

Birgit Möhring, Geschäftsführerin der Berliner Immobilienmanagement, führt für das Land Berlin die Verhandlungen mit der Aris. Die gegenwärtige Nutzung als Flüchtlingsnotunterkunft ist befristet, sie muss alle paar Monate verlängert werden. Ungefähr im April läuft die nächste Frist ab. Frau Möhring zufolge würde das Land nur investieren und damit eine dauerhafte Nutzung als Gemeinschaftsunterkunft ermöglichen, wenn die Aris ein Ankaufsrecht einräumt. Ansonsten würde man das Haus räumen.

Sven Kubal entgegnet für die Aris, seine Gesellschaft habe das Gebäude ja nicht weiter entwickeln können, solange die Flüchtlinge darin lebten. Ein Ankaufsrecht würde man der Stadt auf keinen Fall gewähren. Stattdessen rechne man damit, dass die Notunterkunft noch in diesem Jahr geräumt werde. Und man dann die eigenen Pläne wieder verfolge – was bedeutet, dass die ehemalige Geheimdienstimmobilie zu 60 Prozent in Wohnungen und zu 40 Prozent in Gewerbe umgewandelt würde. Wenn denn mal irgendetwas passierte.

Diese Vorhaben wären freilich nach dem gegenwärtig geltenden Sanierungsrahmenplan gar nicht genehmigungsfähig. Ohne Zustimmung des Bezirks und des Landes läuft demnach nichts. Ohne die der Aris, die auch zwei von drei Zufahrten auf das Gelände besitzt, geht allerdings auch nicht viel. Die Pattsituation, die nun ins sechste Jahr geht, bleibt bis auf Weiteres bestehen.

Es sieht also so aus, als ob sich vor Christian Booß’ Balkon so bald nicht viel verändern wird.

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