Sterbenskrankes Kind abgewiesen : Charité erklärt sich bereit für externe Untersuchung

Weil Pflegekräfte fehlten, nahm die Uni-Klinik zeitweilig keine krebskranken Kinder auf. Den Vorwurf, deswegen sei ein Kind gestorben, weist die Charité zurück.

Der Virchow-Campus der Charité - hierher hätte das Kind verlegt werden sollen - dies geschah womöglich zu spät.
Der Virchow-Campus der Charité - hierher hätte das Kind verlegt werden sollen - dies geschah womöglich zu spät.Foto: Jürgen Ritter/imago

Der Charité-Vorstand reagiert auf die Vorwürfe, hausinterner Personalmangel habe kranken Kindern geschadet. Wie berichtet, konnte die Kinderkrebsstation 2019 einige Patienten nicht aufnehmen, weil zu wenig Fachkräfte da waren. ARD-Recherchen zufolge starb deswegen womöglich ein an Leukämie erkranktes Kind. Das Kind war aus einer kleineren Klinik nicht auf den Virchow-Campus der Charité verlegt worden, obwohl die dortige Kinderonkologie für diesen Fall die wohl beste gewesen wäre.

"In der aktuellen Berichterstattung wird der schwerwiegende Vorwurf erhoben, dass ein Kind verstorben sei, weil die Charité die Übernahme abgelehnt habe. Nach sorgfältiger interner Prüfung, die bis heute Morgen angedauert hat, stellen wir fest, dass dieser Vorwurf nach allen uns vorliegenden Informationen falsch ist. Die Charité ist jederzeit bereit, dies durch unabhängige Gutachter überprüfen zu lassen", sagte Sprecherin Manuela Zingl für den Klinikvorstand. Die Charité könne sich nicht zum Fall des Leukämie-kranken Kindes äußern, weil keine Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht vorliegt.

Kliniken überweisen komplexe Fälle an die Charité

Dass Patienten von der Charité an andere Krankenhäuser verwiesen werden, ist üblich. Meist handelt es sich um Fälle, die auch außerhalb der spezialisierten Universitätsklinik angemessen versorgt werden. Die Charité wiederum nimmt komplexe Fälle aus anderen Kliniken bei sich auf.

Konkret wurden im Jahr 2019 in der bundesweit bekannten Charité-Pädiatrie in Wedding fast 90.000 Fälle versorgt. Insgesamt wurden 880 Patienten in andere Kliniken verlegt, weil sie vergleichsweise leicht erkrankt waren oder das Personal nicht ausreichte. Allerdings wurden diese Kinder an ebenfalls spezialisierte Kliniken verwiesen - auch im Brandenburger Umland.

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Das ARD-Magazin "Kontraste" berichtete am Donnerstagabend, dass es dem krebskranken Kind in der kleineren Klinik ohne spezielle Onkologie schnell schlecht gegangen sei. Als es am nächsten Tag doch noch in die Charité kam, sei es bald verstorben.

"Man kann es nie wissen, aber vielleicht wäre das Kind noch am Leben, wenn wir es rechtzeitig hätten übernehmen können", zitiert die ARD einen Charité-Arzt anonym.

Dem Tagesspiegel wurde von Klinikmitarbeitern berichtet, dass die Charité-Diensthabenden den Zustand des an Leukämie erkrankten Kindes damals offenbar nicht einschätzen konnten - das erste, kleinere Krankenhaus hatte ihnen demnach Labordaten mitgeteilt, die einen deutlich weniger dramatischen Fall zeichneten. Wäre der Zustand bekannt gewesen, so die Charité-interne Einschätzung, hätte man das Kind sofort auf der Virchow-Station aufgenommen.

Intern ist zudem bekannt, dass dies kein Fall aus dem Dezember 2019 ist, als die Charité-Kinderkrebsstation aus Personalnot für zwei Wochen keine neuen Patienten mehr aufnehmen konnte.

Mindestens 100 Pflegekräfte fehlen derzeit

Unstrittig ist, dass fast alle Kliniken nach Pflegekräften suchen. Die Löhne, jahrzehntelang niedriger als durchschnittlich üblich, sind in den letzten Jahren gestiegen. Doch wegen Schichtdiensten und beklagter mangelnder Wertschätzung wechseln Pflegende oft den Job; zu wenig Jugendliche beginnen eine entsprechende Ausbildung. An den vier Charité-Standorten arbeiten insgesamt 4500 Pflegekräfte, mindestens 100 weitere gebraucht, um Bundesvorgaben und den Haustarifvertrag einzuhalten.

Zur Pflegenot auf Kinderstationen sagte der Wissenschaftsexperte der Berliner CDU-Fraktion, Adrian Grasse: "Wir haben den Senat immer wieder vor dieser Entwicklung gewarnt, denn die Personalnot hat sich lange abgezeichnet." Grasse kritisierte auch, dass die Kinderrettungsstelle am Charité-Campus Benjamin Franklin in Steglitz geschlossen wurde. Wie berichtet, hat es dort allerdings wenige Patienten gegeben. Die medizinische Notfallversorgung der Kinder sei, sagte der CDU-Abgeordnete, unter Rot-Rot-Grün ernsthaft in Frage gestellt.

Externe Gutachter gab es an der Charité schon

"Das deutsche Gesundheitssystem hat ein ernsthaftes Problem", hatte auch Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) vorab dem Tagesspiegel gesagt. Krachs Verwaltung ist für die landeseigene Universitätsklinik zuständig. "Auch die beste Hochschulklinik Deutschlands ist nicht gegen den bundesweit herrschenden Personalmangel immun."

Senatschef Michael Müller (SPD) möchte Berlin zur internationalen Medizinmetropole ausbauen, auch deshalb errichten die ebenfalls landeseigenen Vivantes-Kliniken und die Charité in Spandau eine Schule für Gesundheitsberufe.

Externe Experten werden an Kliniken öfter eingesetzt. Die Charité steht als Europas größte Hochschulklinik unter besonderer Beobachtung: 2012 werden bei Kindern auf dem Virchow-Campus wiederholt Serratien-Keime festgestellt. Fachleute vom Robert-Koch-Institut und aus dem zuständigen Gesundheitsamt untersuchten, ob "Schlamperei" die Ursache gewesen sei.

Im selben Jahr setzte die Charité-Spitze eine externe Kommission unter Leitung der früheren Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) ein, um einem mutmaßlichen Missbrauchsfall an einer Patientin nachzugehen. Die Vorwürfe ließen sich in beiden Fällen nicht erhärten.

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