Surrealistischer Berlin-Roman : Geschichten aus dem Anti-Coworking-Space

Wie durchgeknallt ist Berlin? Selbst die Fantasieversion in Chrizzi Heinens Großstadtroman „Am Schwarzen Loch“ scheint realistisch.

Die Autorin mit Photoshop-Schildkröte – gar nicht so unrealistisch in Berlin.
Die Autorin mit Photoshop-Schildkröte – gar nicht so unrealistisch in Berlin.Foto: privat

Ein Grünflächenamt, das Baumscheiben rodet, Fahrradstreifen im Zickzackkurs und Kinder, die – wie gerade aus Marzahn-Hellersdorf zu hören war – Drogen zum Taschengeldpreis kaufen. Zu absurd? Nicht in Berlin. Nun hat die Autorin Chrizzi Heinen das passende Buch veröffentlicht, den surrealistischen Großstadtroman „Am Schwarzen Loch“ (einen Auszug finden Sie weiter unten). Berlin, oder vielmehr ein Zerrbild davon, ist der Hintergrund der Geschichte um die passiv in den Tag hineinschlunzende Hildi und ihre beiden Freunde Bodo und Gregor.

„Sie machen viel Quatsch, aber sie machen ihn zusammen, das ist das Wichtigste“, sagt Heinen, die vor ihrem Erstling Hörspiele produzierte, zeichnete, Musik machte und an der Universität in Oldenburg arbeitete. Die Stadtforscherin und Ethnologin in ihr liest man aus dem Buch heraus – und den Spaß daran, nicht wissenschaftlich arbeiten zu müssen, sondern herumspinnen zu dürfen. Wobei die Übertreibungen erstaunlich nah an den realen Berliner Begebenheiten sind.

Da wird aus einer Bankfiliale ein Ein-Euro-Laden, in dem man zum schmalen Taler für ein paar Stunden einfach mal nichts muss, es ist sogar verboten. „Ein Anti-Coworking-Space“, erklärt die Autorin. „So unwahrscheinlich ist das doch nicht, die Leute laden sich ja auch Apps runter, um mal offline zu gehen, oder besuchen Meditationsseminare.“

Als Bodos Club vor dem Ende steht, weil ein Investor dort eine Saunalandschaft eröffnen will, schlagen ihm Stadtplaner vor, in die Räume des Ein-Euro-Ladens zu ziehen – was wiederum das Ende der kleinen Oase des süßen Nichtstuns wäre.

Touristen, die blieben und gegen Zweckentfremdung kämpfen

Der Stoff, aus dem Gentrifizierung gemacht ist? Chrizzi Heinen windet sich, es geht ihr nicht zuerst um Kritik, vielmehr um Beobachtung. „In einer Stadt wie Berlin passiert so viel Widersprüchliches, das interessiert mich.“ Schließlich hat die Hausverwaltung Mitleid mit dem Club, er darf bleiben – und weiter kleine Bands ausbeuten, obwohl die Kasse klingelt.

Heinen, ursprünglich aus Köln, lebt seit 2005 in Berlin, erst in Neukölln, nun in Friedrichshain. „Ich hatte nicht geplant, dass die Stadt im Buch eine so große Rolle spielen wird“, sagt sie. „Aber meine Umgebung hat mich natürlich geprägt, das merkt man dann beim Schreiben.“ Aus dem Frankfurter Tor wurde das Krankmorter Tor, die Petersburger Straße ist die Paulsberger Allee. Hildi ist, wie die Autorin, begeisterte Schwimmerin und besucht die „Lange Nacht der offenen Bäder“.

Bodo und Gregor ernten, was die Stadt hergibt, und machen daraus Geld: Aus Bordsteinritzen zupfen sie Löwenzahn, der in Form von Biosirup auf dem Yuppinski-Wochenmarkt verkauft wird. Im Park sammeln die Freunde Hagebutten für einen umweltverträglichen Baustoff. Die Ordnungsamtsmitarbeiter sind Touristen, die geblieben sind und nun gegen Zweckentfremdung vorgehen.

Derweil kämpft Hildi mit einem schwarzen Loch in ihrer Wohnung, das droht, das Haus, vielleicht sogar die ganze Stadt zu verschlucken. Ein düsteres Ende droht. Aber es ist ja nur Fantasie.

Chrizzi Heinen: "Am Schwarzen Loch". Satyr Verlag, Berlin. 304 Seiten, 18,90 Euro. Am Sonnabend, dem 12. Juli, präsentiert die Autorin ihr Buch in der Z-Bar, Bergstraße 2, 20.30 Uhr, Eintritt 6 Euro, ermäßigt 5 Euro.

Ein kurzer Auszug aus dem Roman:

Ich besuchte zu diesem Zeitpunkt »Die lange Nacht der offenen Bäder«, in der alle städtischen Schwimmbäder vom Abend bis zum frühen Morgen ihre Pforten öffnen. Da Schlafen für mich leider nie eine Lösung gewesen ist, schätze ich das Konzept der langen Nächte, das auch in anderen Einrichtungen in der Stadt in wechselnden Abständen stattfindet, sehr.

»Die lange Nacht der offenen Supermärkte« findet in ausgewählten Filialen täglich statt, das wird dann aber nicht von der Stadt organisiert. Supermärkte nach 23 Uhr sind einfach liebenswert: Sie sind wie Kneipen vor 11 Uhr; kein Mensch ist mehr richtig konzentriert, alle haben einen euphorischen Zustand tiefer Müdigkeit erreicht. Man döst den Einkaufswagen mit irgendwelchen Sachen voll, die man tagsüber nie kaufen würde.

Dabei meine ich gar nicht Bier oder andere Abendgetränke, ich denke an eigenartige Lebensmittel: überteuerte rote Kartoffeln aus Frankreich oder blaue Bohnen, die man zwei Stunden kochen muss, damit sie bekömmlich werden, oder abgepackten italienischen Biskuitkuchen, der in Regenbogenfarben eingefärbt ist. Jede Farbe schmeckt gleich langweilig nach Rührteig mit zu viel Ei. och einmal habe ich so eine Torta Arcobaleno an einem frühen Morgen gegen 4 Uhr gekauft und kann das Glück kaum beschreiben, das ich empfand, als das bunte Ding in meine grüne Umhängetasche plumpste.

Nach 23 Uhr ist im Supermarkt Love in the Air, vielleicht etwas übertrieben, aber es herrscht allgemeines Wohlwollen, man schaut Leuten auch mal direkt ins Gesicht, taucht mit ihnen kopfüber in tiefe Kühltheken ein wie in Aquarien, wühlt mit geschlossenen Augen darin herum und greift nach irgendeinem Überraschungsprodukt. Selbst das junge Kassenpersonal, das für diese späten Schichten eingesetzt wird, kommt rüber wie entspannte Barkeeper in Chill-out-Zones. Störend ist immer das grelle Licht, dafür kostet Supermarkt keinen Eintritt, anders als das Schwimmbad.

»Sieben Euro fünfzig, dafür gibt’s noch ’nen Sekt gratis dazu.« Die Frau an der Schwimmbadkasse ist luftdicht hinter einer Glasscheibe eingeschlossen, ich höre ihre durch das Kassenmikrofon verzerrte Stimme deutlich, obwohl der Geräuschpegel in der gut besuchten Eingangshalle immer weiter zunimmt. »Ich zahl hier sons’ 4 Euro für zwei Stunden Schwimmen. Geht auch ohne Sekt?« Ich bin wohl nicht die Erste, die das fragt. »Nein! Sekt für alle!« Es klingt wie eine Drohung. »Nacht der offenen Bäder! Oder sind Sie Schülerin oder Studentin?«

An der Uni bin ich immer noch in Physik und Mathe eingeschrieben, auf Lehramt. Das waren die beiden Fächer, derentwegen ich in der Schule in der neunten und zehnten Klasse bei- nahe hängen geblieben wäre, weshalb ich Physik und Mathe in der elften dann abwählte. Aber warum sollte ich etwas studieren, was ich schon konnte? Die Fortführung meiner Schulzeit sollte das Studium nicht werden. Und als ich die Unterlagen für die Immatrikulation in die Lehramtsfächer Mathematik und Physik abschickte, fühlte sich das so an, als hätte ich eine Abenteuerreise gebucht.

Teilweise war das Studium auch inspirierend: Jedes Semester beendete ich mit einem weiteren Collegeblock voller lustiger Kugelschreiberzeichnungen. Die ersten beiden Semester in Hörsälen, in denen von Dingen geredet wurde, von denen ich nichts verstand, vergingen deshalb wie im Flug. Aber nach drei Semestern, also vor zwei Jahren, bin ich nicht mehr zur Uni gegangen.

Den Studierendenausweis bekomme ich immer noch, trage ihn auch immer noch im Portemonnaie mit mir rum. In der Öffentlichkeit würde ich nie behaupten, dass ich jemals studiert habe, aber ohne mein vorgebliches Physikstudium hätte meine Schweizer Verwandtschaft nie den Kontakt zu mir aufgenommen, und ich hätte nie von der Erbschaft erfahren, die heute Nacht geliefert wird.

»Abendgymnasium«, lüge ich, mit der rechten Hand klopfe ich auf meine grüne Ledertasche, in der sich mein Schwimmzeug befindet. Gleichgültig reicht sie mir mein Ticket durch den Drehschlitz. Ich stecke das Kärtchen in einen Kasten am Drehkreuz, und nach einem grellen Piepton passiere ich die Sperre.

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