"Tiny House"-Projekt in Berlin-Lichtenberg : Acht Quadratmeter zum Wohnen

Wie in kleinen Häusern begrenzter Raum kreativ genutzt werden kann, zeigt das Tiny House Ville in Lichtenberg - ab Sonnabend zu besichtigen.

Oben schlafen, unten essen. Joschka Härdtner, Projektleiter des Tiny House Ville.
Oben schlafen, unten essen. Joschka Härdtner, Projektleiter des Tiny House Ville.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Was braucht der Mensch zum Wohnen wirklich? Was zum Leben, wie viel Platz zum Wohlfühlen? Minimalismus ist ein Mega-Trend, rund um den Globus begeistert die japanische Aufräum-Strategin Marie Kondo Menschen. In Berlin kommt der sich stetig verschärfende Mangel an Wohnraum hinzu – und so ist die Frage, was auf wenigen Quadratmetern realisiert werden kann, so aktuell wie selten. In Lichtenberg kann darüber ab dem heutigen Sonnabend sinniert werden. Und zwar nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch, beim Erforschen und Entdecken einer im doppelten Sinne kleinen Siedlung.

Ein Kiosk, eine Bibliothek, ein Kompostklo, eine Wohnung mit Küche und Bettnische – und das alles auf acht Quadratmetern. Der Tiny Temple erinnert von außen an das Brandenburger Tor und ist von innen ein kleines Häuschen mit großem Potenzial.

Zusammen mit fünf weiteren kleinen Gebäuden auf Anhängern steht der Tiny Temple auf dem Parkplatz des Ikea in Lichtenberg. Die Initiative „Tiny Foundation“ richtet hier in Kooperation mit der Möbelhausfiliale ein Mini-Dorf mit dem Namen Tiny House Ville (THV) ein. „Ikea hatte Lust auf ein Experiment mit diesen Raumplastiken“, erzählt Joschka Härdtner von der Tiny Foundation. Zusammen mit den Anwohnern und anderen Interessierten will Härdtner dieses Experiment wagen. „Raum ist eine knappe Ressource“, betont er. Das Tiny House Ville solle ein Beitrag sein zur Diskussion um Städteboom, Migration und Obdachlosigkeit. Aber auch, wo die Probleme sich um Landflucht drehten und die Menschen sich abgehängt fühlten, könnten die mobilen Häuser zum Beispiel mit fahrbaren Jugendzentren Austausch und Kreativität der Menschen fördern.

„Besitz ist nicht alles“

Acht Quadratmeter zum Wohnen oder 1,4 Quadratmeter für einen Kiosk, das klingt nach einem sehr begrenzten Raum. Das Projekt zeigt jedoch, wie auch kleine Flächen mit großen Ideen genutzt werden können. Neben dem Allzweck-Tempel, der bereits Obdachlosen als Quartier gedient hat, steht hier auch die Wohnmaschine, eine Version des Bauhaus-Gebäudes in Dessau, die auf einen Anhänger passt und auch Bauhaus-Bus genannt wird. In seiner Nachbarschaft parkt das New Work Studio, ein weißes Tiny House zum Arbeiten mit einer großen Glasfront, Loungebereich, Fernseher und Kaffeemaschine. Und daneben stehen drei weitere Häuschen, die auf unterschiedliche Weise dazu anregen, über das Thema Wohnen nachzudenken.

New Work. Arbeiten hinter einer Glasfront, mit Loungebereich, Fernseher und Kaffeemaschine.
New Work. Arbeiten hinter einer Glasfront, mit Loungebereich, Fernseher und Kaffeemaschine.Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Besitz ist nicht alles“, sagt Joschka Härdtner beim Kaffee in der Wohnmaschine. „Er kann Besitzer mehr belasten, als er sie befreit.“ Die Tiny Houses laden dazu ein, über die eigenen Besitztümer nachzudenken und zu überlegen, welche Gegenstände wirklich relevant für das eigene Wohlbefinden sind. Denn auch wenn zum Beispiel das Häuschen „Tiny 100“ auf zehn Quadratmetern eine Couchecke, eine Küchenzeile, Dusche und Toilette sowie in einer Etage darüber Bettnische und Arbeitsbereich bietet, ist Stauraum doch begrenzt. Dafür würde laut Härdtner die Miete aufgrund der geringen Größe nur 100 Euro pro Monat kosten. Das erste serielle Reihenhaus Deutschlands kann mehrfach aneinandergereiht werden und zu einem größeren Raum verschmelzen. Zudem können mehrere solche Module zu einem Haus mit mehreren Wohnungen zusammengefügt werden.

Neben der Frage, wie viel ein Mensch zu Leben braucht, regt das THV auch dazu an, sich über die Mindestanforderungen eines menschenwürdigen Lebens Gedanken zu machen. Inmitten der modernen hellen Bauten steht das „Haus der Würde des Menschen“, das der Künstler Thomas Pollhammer errichtet hat. Er war im Januar von den Berliner Forsten dazu aufgefordert worden, den improvisierten Bau aus dem Plänterwald zu entfernen, wo er acht Jahre lang gelebt hatte, erst in Zelten, dann in dem dunkelrot gestrichenen Häuschen.

Mit den weißen Plastiken des Künstlers, kleinen Löchern in der Fassade und den unterschiedlichen Baumaterialien wirkt die Hütte ein wenig fehl am Platz, weniger modern und durchgeplant. Sie ist jedoch eine wichtige Ergänzung, erinnert sie doch daran, dass das Thema Wohnungsnot viele Menschen betrifft. „Die Tiny Houses machen unterschiedliche Vorschläge, wie wir menschenwürdig, sozial und bezahlbar leben können“, sagt Joschka Härdtner.

Bitte mitmachen. Es werden noch Interessenten gesucht, die an einem Haus mitwerkeln und es später als Käufer übernehmen.
Bitte mitmachen. Es werden noch Interessenten gesucht, die an einem Haus mitwerkeln und es später als Käufer übernehmen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Indes müssen alle im Tiny House Ville die Nutzungsauflagen erfüllen, die für Parkplätze gelten. Das bedeutet, dass Thomas Pollhammer nun nicht mehr im Haus der Würde des Menschen wohnen kann, denn dafür darf der Platz nicht genutzt werden. Im April wollen die Organisatoren des THV zusammen mit dem Bezirk über mögliche Lösungen sprechen. Man halte sich an die Nutzungsauflagen, betont Joschka Härdtner. Jetzt wolle man erst einmal den Dialog mit dem Bezirk führen und das THV eröffnen.

„In diesem Gebäude kann alles passieren“

Ab dem heutigen Sonnabend können sich Interessierte die kleinen Häuser ansehen, es soll Führungen, Diskussionen und eine Ausstellung geben. In Workshops lernen die Besucher, wie sie selbst Möbel und sogar ein Tiny House bauen können. Für ein Tiny Town House, sagt Joschka Härdtner, brauche es 11 000 Euro, zwei Workshop-Leiter, drei bis vier Helfer der Hausbauer und rund zwei Wochen Zeit. Die Teilnehmer lernen alles von der Isolation bis zum Einsetzen der Fenster, den Innenausbau müssen sie dann aber selbst übernehmen.

„In diesem Gebäude kann alles passieren“, erzählt Joschka Härdtner: ein Yogastudio, ein Büro, eine kleine Geschäftsfiliale – alles sei denkbar. Für das Haus, das ab dem 13. April gebaut werden soll, sucht die Tiny Foundation noch Käufer, die erst mitwerkeln und das Gebäude dann behalten.

Kunst und Leben. Zu sehen ist auf dem Ikea-Parkplatz auch das „Haus der Würde des Menschen“.
Kunst und Leben. Zu sehen ist auf dem Ikea-Parkplatz auch das „Haus der Würde des Menschen“.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Auf dem Parkplatz sind momentan 15 Plätze für das THV reserviert, zu den bestehenden sechs könnten noch sieben oder acht weitere Minibauten hinzukommen. Selbst dann, sagt Projektmanager Härdtner, wäre aber noch Platz für Workshops sowie für eine lange Tafel, an der Bewohner und Interessenten essen, diskutieren und gemeinsam Zeit verbringen könnten.

Voraussichtlich bis zum 12. Mai können die Gebäude auf dem Gelände bleiben, wobei Joschka Härdtner betont, dass man hier im Dialog mit Ikea sei. Für die Zukunft suchen sich die Organisatoren des THV allerdings ein Grundstück, auf dem sie das kleine Dorf mit Wasser und Strom versorgen können – aktuell läuft alles über Batterien und Gaskocher. Auf einem Parkplatz sind die Nutzungsmöglichkeiten eingeschränkt, das Übernachten ist laut Härdtner eine rechtliche Grauzone, Wohnen hingegen untersagt – für Ideen wie ein Probewohnen ein Hindernis.

Die Eröffnung des THV findet am 13. April von 12 bis 21 Uhr statt. Das Tiny House Ville befindet sich auf dem Parkplatz der Ikea-Filiale in Lichtenberg, Landsberger Allee 364.

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