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Tatkräftig. Erwachsene und Kinder aus der Ukraine, die in Berlin vorübergehend Schutz finden, haben bei einer Aktion freiwillig Müll gesammelt.
© Nadiia Kulish

Geflüchtete sagen tatkräftig Danke: Ukrainer starten Putzaktion in Berliner Straßen und Parks

Sie wollen etwas tun – und Danke sagen. Menschen aus der Ukraine verschönern ihre Wahl-Heimat Berlin, nicht nur an einem Tag.

Sonntagmorgen, Warschauer Straße. Vor dem U-Bahnhof versammeln sich rund hundert Menschen mit Eimern und Müllsäcken. Sie kommen aus ganz Berlin – und aus der ganzen Ukraine. Unter ihnen sind Musiker, Konditoren, Lehrer, Rechtsanwälte und Rentner.

Sie alle waren durch den Krieg gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Anastasia Lebedinskaya hat Ukrainer zum Aufräumen aufgerufen, um zu helfen, Berlin sauberer zu machen, und um Deutschland „Danke“ zu sagen, dass sie hier Asyl gefunden haben.

Lebedinskaya ist eine Konditorin aus Gostomel, 28 Jahre alt, jetzt lebt sie in der Kurfürstenstraße. „Berliner haben angefangen, den Eindruck zu bekommen, dass wir hierher gekommen sind und dass wir hier nichts tun, aber alles haben wollen. Ich möchte zeigen, dass wir nicht arrogant oder unverschämt sind, sondern fleißige Menschen, die das tun, was in ihrer Macht steht, um etwas nützliches zu tun für die Stadt und die Menschen. Um den Deutschen, die viel Gutes für uns tun, wenigstens irgendwie zu danken. Nicht nur der Regierung, sondern auch Menschen, die Menschen aufnehmen, die Lebensmittel und Informationen weitergeben.“

Mit dabei ist auch Vladislavs Familie, sie kam aus Odessa nach Berlin. Vladislav und seine Frau sind Musiker, die vor dem Krieg in einem Orchester spielten. Sie säubern jetzt die Straße mit ihren Töchtern Milana, elf, und Anna, neun. „Ein Freund rief uns an. Wir wollen arbeiten, wir sind es nicht gewohnt, untätig zu sein.“

Tetyana Vitkovskaya ist mit ihrer Tochter aus Kiew nach Berlin gekommen. Sie ist 39 Jahre alt, beide leben jetzt in Kreuzberg. Auf die Frage, was sie zu Hause gemacht hat, beginnt Tetyana zu weinen. Die Frau hat Arbeit gefunden, sie hilft Flüchtlingen und vermisst dennoch ihr Zuhause und ein friedliches Leben dort. „Ich habe die körperliche Arbeit vermisst. Ich wollte mitmachen, um mich von den traurigen Nachrichten abzulenken“. Auf deutscher Seite war Anna Wasilewska für die Reinigungsarbeiten zuständig. Sie arbeitet bei der Initiative „Litter Picker“.

Anna hat aus eigenen Mitteln Geräte zur Beseitigung des Mülls gekauft. Es ist nicht das erste Mal, dass sie eine solche Säuberungsaktion organisiert. Heute, sagt sie, haben sich bei der Aktion die Deutschen den Ukrainern auch bei der Parkreinigung angeschlossen.

100 Greifzangen waren schnell vergeben

Anna Wasilewska erzählt, dass alles in den blauen Säcken zur Berliner Stadtreinigung gebracht werde, die örtlichen Behörden werden den Müll recyceln. Zuerst habe man ihnen gesagt, dass sie sechs Euro pro Sack zahlen müssten. „Wir haben erklärt, dass wir Freiwillige seien und den Müll kostenlos mitnehmen würden.“ Etwa 100 Menschen waren dann bei der Aktion mit dabei.

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Die 100 Reinigungszangen waren in einer Minute vergeben. Die meisten der Ehrenamtlichen sind Besucher des „Café Ukraine“. „Wir können nicht tatenlos zusehen, wie die zurückgebliebenen Ukrainer jeden Tag für ihre Unabhängigkeit und Freiheit kämpfen“, sagt Natalia Useplina.

Nach dem Einsatz gab es Snacks, landestypische Speisen und Kuchen.
Nach dem Einsatz gab es Snacks, landestypische Speisen und Kuchen.
© Nadiia Kulish

In der Ukraine unterrichtete Natalia Pädagogik an einer Universität. Sie kam mit ihrem Mann, Rentner, nach Berlin. Das Paar wohnt jetzt in Friedrichshain und sagt: „Wir sind gekommen, um die Moral unseres Volkes zu heben, und um den Deutschen dafür zu danken, dass sie uns helfen und an die Ukraine glauben. Die ganze Welt schaut auf uns, denn vor dem Krieg waren wir kaum bekannt. Der Krieg hat uns aus unseren Häusern vertrieben. Wenn wir nicht zu Hause sein können, müssen wir uns hier nützlich machen. Die Ukrainer sind geistig stark und fleißig. Wir streben nach Freiheit und Sauberkeit.“

Kinder und Erwachsene bekamen mal den Kopf frei

Bei der Putzaktion wurden insgesamt 15 Säcke Müll eingesammelt, das meiste waren Zigarettenkippen, sagt Anastasia Lebedinskaya. Danach gab es Limonade und Kuchen. Und eine Frau aus Donezk verwöhnte die Anwesenden mit echtem ukrainischem Schmalz mit Knoblauch.

„Das Putzen hat mir wirklich Spaß gemacht. Ich habe auch andere Kinder aus der Ukraine getroffen“, freute sich der neunjährige Jegor Klimow aus der Oblast Tschernihiw. Wie beispielsweise meine Tochter, denn auch wir haben selbst mit angepackt.

(Die Autorin gehört zum Team des Tagesspiegel-Journalist:innenhilfsprojekt. Vor dem Krieg war sie Nachrichtenreporterin.)

Nadiia Kulish

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