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Egon Erwin Kisch über das Gleisdreieck: Umsteigen – das ist nichts für Berlin

Das Gleisdreieck, kritischer Punkt der U-Bahn-Bauarbeiten, hat schon den Rasenden Reporter Kisch fasziniert. Wir veröffentlichen seine Reportage über den Bahnhof aus dem Jahr 1923, die immer noch aktuell wirkt.

Blick zurück nach vorn: Das Gleisdreieck in Kreuzberg war schon immer ein besonderer Ort des U-Bahnnetzes. Über die Station schrieb 1923 auch Reporterlegende Egon Erwin Kisch, dessen Text wir mit freundlicher Genehmigung des Berliner Aufbau-Verlages veröffentlichen.

Sie ist wohl ein wesentliches Kennzeichen der Großstadt: Oben auf der Straße ist kein Platz mehr für die Menschen. Noch weniger für jagende Wagen, für elektrisch angetriebene Züge. Und so fahren sie unter der Erde durch einen einzigen Tunnel, der die ganze Stadt unterhöhlt, sie fahren (ohne durch im Wege stehende Häuser, in entgegengesetzter Richtung rasende Automobile, den Weg kreuzende Wagen, spielende Kinder, sich liebende Hunde, unvernünftig ausweichende Frauen, die Hände hebende Verkehrspolizisten, durch Fußgänger, Geländer, Omnibusse und Feuerwehrmänner, Verkehrsvorschriften und andere Verkehrshindernisse aufgehalten zu werden), sie fahren, mag geschehen, was da will, immer weiter, geradewegs und im gleichen Abstand. Ihre Parole lautet: Überspringe nicht, übersteige nicht, sondern krieche unten durch!

Egon Erwin Kisch, der "Rasende Reporter", lebte lange Jahre in Berlin und schrieb hier zahlreiche Reportagen.

© dpa

Die Stadt jagt dir über dem Kopf davon, du siehst nichts von ihrer Hast, kein Schaufenster lockt dich, kein Bekannter ruft dich, nichts hält dich auf. Du liest deine Zeitung, und es ist, als wärest du in München in den Schlafwagen eingestiegen und solltest in Venedig aussteigen… Ich höre Sie sagen: „Na, na, nur nicht übertreiben!“ Aber der Kontrast ist fast so, wenn man die Erdoberfläche inmitten der schönen Villen des Schöneberger Stadtparkes verlässt und erst wieder draußen in Rummelsburg um sich blickt, umringt von Proletarierkasernen, verrauchten Fabriken und erschreckend kleinen Kindergestalten.

Man steigt Gleisdreieck um. Aber nicht aus. Denn die Haltestelle schwebt in der Luft

Natürlich musst du während deiner Fahrt eifrig die Zeitung gelesen haben, sonst hättest du längst den Übergang aus der Friedenswelt des Wohlstands in die Kriegswelt des Jammers bemerkt. Denn nur wenige Leute fahren die ganze Strecke. So absolviert man den Weg vom Reichtum zur Armut und vice versa nicht in einem Zuge und kommt vom Berliner Westen nicht unmittelbar in den Osten. Die meisten fahren durchschnittlich fünf bis sechs Stationen: Von seiner Villa im Westen fährt der Chef ins Geschäft in die City, vom Geschäft in der City fahren die Kontoristinnen, die Verkäufer und Lehrlinge in ihre Wohnungen am Alexanderplatz, und aus den Lagerräumen, Geschäftshäusern, Schlupfwinkeln und Polizeigebäuden am Alexanderplatz fahren die übrigen Leute in die östlichen Vororte.

Viele Jahre gab es nur eine Umsteigestation, und zwar Gleisdreieck. Auch heute noch ist es einer der wichtigsten Begriffe der Berliner Umgangssprache: Wir treffen uns Gleisdreieck, man fährt über Gleisdreieck, man steigt Gleisdreieck um. Aber Gleisdreieck wird nicht ausgestiegen. Denn die Haltestelle schwebt in der Luft. Unten sind keine Menschenhäuser, unten bewegen sich lediglich Maschinen.

Nur einmal kamen hier große und kleine Welt zusammen: Als zwei Züge zusammenstießen und 18 Menschen starben

Immer noch eine Baustelle: Der Bahnhof Gleisdreieck im Jahr 2015.

© Mike Wolff

Unten liegt ein großes Areal von Güterbahnhöfen, ein Meer von Schienen, in der Dämmerung von kleinen Leuchttürmen beleuchtet, durchquert von Tausenden von Schiffen auf Rädern, die durch Bojen, hier Weichen oder Semaphore genannt, geregelt werden – ein Meer von Festland. Der Potsdamer Bahnhof mündet hier und unser Anhalter Bahnhof und der Vorstadtbahnhof, Züge aus Hamburg, Köln, Aachen, Straßburg und Paris, Züge aus Halle, Frankfurt, Basel, Leipzig, Dresden, Prag und Wien fahren hier ein und aus, drehen um und rangieren. Hier unten befindet sich sozusagen der Makrokosmos des Verkehrs, während das Gleisdreieck dem Mikrokosmos der Untergrundbahn vorbehalten ist. Oben ist nur Alltäglichkeit, unten aber ist die Welt. Auch hier gibt es keinen jähen Übergang. Man kann nicht an der U-Bahn-Station Gleisdreieck aussteigen und aufs Dach des vorbeifahrenden Orientexpresses springen, wie es die Kinohelden tun. Entweder – oder. Du must dich entscheiden: urbi aut orbi.

Ein Waggon stürzte in die Tiefe, in das Reich des Fernverkehrs

Nur einmal vollzog sich ein ungeahnter Übergang aus der kleinen Welt des Stadtverkehrs in die große Stadt des Weltverkehrs: am 26. September 1908 um drei Viertel zwei nachmittags. Datum und Stunde sollen exakt sein, weil sie in der Geschichte der U-Bahnen eine lehrreiche Rolle spielen. Bis zu diesem Tage kam dem Gleisdreieck keine besondere Bedeutung zu, weder als Haltestelle noch als Umsteigestation, das Publikum kümmerte sich nicht darum, sondern nur die Ingenieure, die es erbauten, und die Beamten, die den Verkehr regelten. Es war ein sphärisches Dreieck, in dem die aus drei Richtungen kommenden Züge der U-Bahn in verschiedene Richtungen gelenkt wurden.

Aber an jenem verhängnisvollen Tage stießen durch das Verschulden eines Führers, die Verspätung eines Zuges und das gleichzeitige rätselhafte Versagen einer Weiche zwei Züge zusammen, und ein Waggon stürzte in die Tiefe, in das Reich des Fernverkehrs, wobei achtzehn Personen ums Leben kamen. Seit diesem verhängnisvollen Zusammenstoß gibt es keinen direkten Verkehr mehr, sondern nur Umsteigen aus verschiedenen Stockwerken und nur Schienen auf verschiedenen Viadukten. Und es gibt auch kein Unglück mehr.

Aber Sie sehen, gleichzeitig mit diesen vorbeugenden Reformen fand auch die Alleinherrschaft der Untergrundbahn ihr Ende. Der Passagier wünscht keine Vorsicht, er wünscht nur Hast. Das Berliner Tempo verträgt keine Rücksichtnahme auf die Möglichkeit eines Unfalls. Man will sich in den Zug setzen, die Zeitung oder die Akten durchstudieren und, ist man damit fertig, an Ort und Stelle sein. Umsteigen – das ist nichts für Berlin. Gerade wurde eine neue Strecke der U-Bahn eröffnet, die vertikal zur alten führt, also von Norden nach Süden. Doch sie ist wenig frequentiert, weil man nahe der Leipziger Straße zwei Minuten durch einen Tunnel laufen muss, bevor man zur Bahn mit der nächsten Verbindung gelangt.

Man fährt lieber im Autobus, der zwar sich, aber nicht die Leute aufhält

Leute, denen es bereits zu viel ist, am Nollendorf- oder Wittenbergplatz beim Umsteigen über Treppen zu gehen, wollen nicht zwei Minuten zu Fuß laufen. Die Untergrundbahn ist ein wesentliches Kennzeichen der Großstadt, aber dieses Kennzeichen ist in Berlin immer weniger kenntlich. Man fährt lieber im Autobus, der zwar sich, aber nicht die Leute aufhält, die in ihm sitzen. Berlin hat keine Zeit: keine Vergangenheit und keine Zukunft. Und hat nur eine Gegenwart, die trübe ist, weil niemand umsteigen will.

Auch heute noch ist es einer der wichtigsten Begriffe der Berliner Umgangssprache: Wir treffen uns Gleisdreieck, ...

© Mike Wolff

Aus dem Buch: Egon Erwin Kisch: Aus dem Café Größenwahn. Berliner Reportagen. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin. 144 Seiten, 15,90 Euro

... man fährt über Gleisdreieck, man steigt Gleisdreieck um. Aber Gleisdreieck wird nicht ausgestiegen. Denn die Haltestelle schwebt in der Luft.

© Landesarchiv Baden-Württemberg

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