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Ein italienischer Polizist steht neben den angeschwemmten Leichen. Der beliebte Badestrand nahe der Stadt Catania wurde gesperrt.

© AFP

Ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer: Unsere Mauer ist das Meer

Wir gedenken der DDR-Bürger, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben eine Grenze überquerten und dabei starben. Wie können wir akzeptieren, dass heute zigmal so viele Menschen aus demselben Grund ertrinken?

Am Mittwoch wird Klaus Wowereit einen Kranz niederlegen, denn dann ist wieder 13. August, Tag des Mauerbaus. Im Dokumentationszentrum an der Bernauer Straße wird er jener Menschen gedenken, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben von einem Land ins andere wechseln wollten und dabei starben. Wie verbrecherisch das DDR-Regime an seinen Grenzen gewirkt hat, ist in Berlin gut erfahrbar: durch Gedenktafeln, Stelen, umbenannte Straßen, das Museum am Checkpoint Charlie. Wir kennen die Biografien der Peter Fechters, Ida Siekmanns, Chris Gueffroys, wir wissen um die Beweggründe ihrer Flucht und die schrecklichen Todesumstände.

Wir sind vorbildlich darin, an Menschen zu erinnern, die beim Versuch starben, eine Grenze zu überschreiten. Solange es sich um Mauertote handelt. Wir sind erbärmlich darin, um Menschen zu trauern, die heute bei genau demselben Versuch ums Leben kommen – an den Außengrenzen der Europäischen Union.

Der Vergleich hinkt, könnte man sagen. Die DDR hinderte Menschen schließlich an der Ausreise, die EU verhindert die Einreise. Aber das ist ein formaler Unterschied, kein moralischer. Man könnte auch einwenden: Die DDR ließ auf Flüchtende schießen, das wäre in der EU undenkbar. Dieses Argument betrifft aber nur die Frage, welcher Staat oder Staatenbund mehr Schuld auf sich geladen hat – nicht die, ob uns die Opfer empören sollten. Die Art des Todes spielt keine Rolle. Sonst müssten wir auch unter den Maueropfern differenzieren und der Niedergeschossenen intensiver gedenken als derer, die stürzten, erstickten, an Herzversagen starben oder ertranken.

Man könnte auch einwenden: Die DDR war ein Unrechtsstaat, manche der heutigen Flüchtlinge stammen dagegen nicht aus Diktaturen, sondern bloß aus armen Ländern. Das ist zynisch – so, als würden wir uns bei den Maueropfern fragen, ob ihr Leidensdruck wirklich hoch genug war, um einen potenziell tödlichen Grenzübertritt zu riskieren.

Der Unterschied ist höchstens quantitativ

Lebensgefahr: In oftmals viel zu kleinen und überfüllten Booten machen sich die Flüchtlinge übers Mittelmeer auf den Weg nach Europa.
Lebensgefahr: In oftmals viel zu kleinen und überfüllten Booten machen sich die Flüchtlinge übers Mittelmeer auf den Weg nach Europa.

© dpa

Wenn es tatsächlich einen Unterschied zwischen DDR-Toten und denen im Mittelmeer gibt, dann ist er quantitativ. Zwischen 1961 und 1989 starben nach derzeitigem Forschungsstand mindestens 138 Menschen entlang der Berliner Mauer. Hinzu kommen die Opfer an der innerdeutschen Grenze. Deren genaue Zahl ist unbekannt, wird gerade von einem Forschungsprojekt im Auftrag von Bund und Ländern ermittelt. Der Studienleiter rechnet mit 500 bis 700 Toten.

Im Mittelmeer sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres rund 800 Menschen beim Versuch gestorben, nach Europa zu gelangen. Die Zahl stammt nicht von politischen Aktivisten, sondern vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Seit dem Jahr 2000 dürften es rund 24 000 gewesen sein.

Bei seiner Kranzniederlegung zum Tag des Mauerbaus im vergangenen Jahr hat Klaus Wowereit gemahnt, die gestorbenen DDR-Bürger nicht zu vergessen. Recht hat er. Aber was folgt daraus? Wenn Geschichte einen Nutzen hat, dann doch den, aus ihr Schlüsse für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Es selbst besser zu machen.

Die Maueropfer wirklich zu ehren, hieße auch, in ihrem Sinne zu handeln. Nun würden die 138 Menschen, könnte man sie posthum befragen, sicher nicht mit einer Stimme sprechen, sie hätten unterschiedliche politische Ansichten. Gewiss aber würden sie sagen: Lasst Menschen dort leben, wo sie möchten, egal welchen Pass sie haben. Und gefährdet auf keinen Fall ihr Leben, indem ihr ihnen den Grenzübertritt erschwert, sie zu immer riskanteren Fluchtversuchen nötigt.

Ein beliebter Wessi-Vorwurf gegen alle DDR-Bürger lautet: Wie konntet ihr euch bloß mit einem System arrangieren, das solche Gräuel verantwortet? Genau dies dürften spätere Generationen uns fragen: wie wir uns in und mit einem System arrangieren konnten, das militarisierte Flüchtlingsabwehr organisiert.

Unsere Mauertoten sterben jetzt, und die Mehrheit der Deutschen möchte lieber nicht so genau wissen, ob und zu welchen Kosten das zu verhindern wäre.

Dieser Text erschien in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin. Weitere Rants finden Sie hier.

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