• Unter Nachbarn in Berlin: In der Krise rückt zusammen, wer sich sonst höflich aus dem Weg geht

Unter Nachbarn in Berlin : In der Krise rückt zusammen, wer sich sonst höflich aus dem Weg geht

Homeoffice, Trompete, Clubmusik: Zu Hause kommt man seinen Nachbarn oft näher als gewollt. Das stellt nicht nur Hausgemeinschaften auf die Probe. Ein Essay.

Leben und leben lassen. Das bedeutendste gesellschaftliche Symptom der Pandemie ist die körperliche Distanz.
Leben und leben lassen. Das bedeutendste gesellschaftliche Symptom der Pandemie ist die körperliche Distanz.Foto: Britta Pedersen/dpa

In Krisen rücken die Menschen näher zusammen, sagt man. Dass das nicht immer nur Gutes bedeutet, wissen zum Beispiel alle, die seit Wochen im Homeoffice die Konzentration auf ihre Arbeit aufrechtzuerhalten versuchen, während nebenan jemand die Auszeit nutzt, um Trompete zu lernen, die Dielen zu schleifen, oder über seine unfassbar laute Clubanlage ganz andere Musik als man selbst hört und gelegentlich dazu tanzt.

Letzteres ist wiederum deutlich an den rhythmisch pulsierenden Wellenmustern in der eigenen Kaffeetasse zu erkennen.

Selbst subtile Eigenheiten der Nachbarn, die man bis zuletzt gerne toleriert hat, weil sie von einem lebendigen Kiez zeugten, können Züge einer Tropfenfolter annehmen, wenn es keine Möglichkeit gibt, ihnen auszuweichen.

Allerorten wird derzeit viel über Solidarität gesprochen. Die Zettel junger Nachbarn mit Hilfsangeboten für Ältere zeugen ebenso davon wie die unzähligen lokalen Initiativen zur Rettung angrenzender Bars und Restaurants.

Die vielen Gesten des Zusammenhalts lassen allerdings nicht vergessen, dass sie einer Not entspringen, die sie nicht lösen, so wertvoll sie auch sind. Und wo die Wunder der Nachbarschaft allzu kräftig unterstrichen werden, erinnert das nur daran, dass herzliche Nachbarschaft noch bis vor wenigen Wochen als Ausnahme galt. Wie viele seiner Nachbarn aus dem Großstadtblock hatte man schon einmal in seiner Wohnung zu Besuch?

Der Nachbar war schon immer verdächtig

Schon die alten Griechen wussten das. Xenos (ξένος), das altgriechische Wort für den Fremden, das man im heutigen Deutsch vor allem aus der Xenophobie, also der Fremdenfeindlichkeit, kennt, hat im Altgriechischen zugleich auch die Bedeutung des Gastes, die Philoxenia (φιλοξενία) ist die Gastfreundschaft.

[Behalten Sie den Überblick: Corona in Ihrem Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihren Bezirk. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de]

Fremde waren prinzipiell und bis auf Weiteres zunächst Gäste, die das Gastrecht genossen. Man konnte schließlich nie wissen, welche interessanten Geschichten aus aller Welt sie erzählen, welches Insiderwissen sie teilen würden.

Sie konnten sich sogar als wertvolle Verbündete erweisen, Geschäfts- oder Ehepartner werden. Die grenzübergreifende Pflege der Gastfreundschaft bedeutete auch, dass man selbst in die Welt aufbrechen konnte, ohne sich im Vorfeld allzu viele Gedanken um Kost und Logis machen zu müssen. Natürlich hat das nicht überall gleich funktioniert und es gab andere Gefahren, aber die Idee hatte Bestand.

Den fremden Verbündeten standen aber schon damals die intriganten Nachbarn gegenüber, die um dieselben Vorrechte konkurrieren, hinter dem Rücken lästern, heimlich im Schutz der Gartenhecke spionieren, klatschen und tratschen und einem, wenn es drauf ankommt, vor der Nase die letzte Packung Klopapier wegkaufen.

Der Spruch „Halte deine Freunde nah, deine Feinde noch näher“ mag einem Mafiafilm entstammen, die Idee aber lässt sich schon in der Antike finden. Es sind Nachbarn, die die Polizei rufen, wenn es mal zu laut wird, und am nächsten Tag wieder freundlich lächelnd grüßen, als sei nichts gewesen.

Die bei jedem Zentimeter Zaunversatz und jedem überstehenden Grashalm vom Nachbargrundstück das Kriegsrecht ausrufen. Und wenn man einem zynischen Klischee glaubt, hat noch niemand einem neuen Nachbarn Brot und Salz in einen Korb gepackt, weil der so unendlich willkommen gewesen wäre, sondern erstens, damit der einem von Anfang an etwas schuldet, und zweitens, um ihn gleich bei der Ankunft genau zu mustern. Also aus blankem Misstrauen.

In Krisen rücken Menschen zusammen - Corona aber trennt

Allerdings ist die Coronakrise keine Krise wie jede andere. Quarantäne, Isolation und Social Distancing bedeuten neue, nur unbefriedigend durch Technik überwindbare Gräben für Familien und Freundeskreise. Generationen bleiben unter sich, Einzelgänger vereinzeln.

Eltern und Großeltern, die in derselben Stadt leben, hat man seit Februar nicht mehr besucht und vom Umarmen selbst der besten Freunde hat man längst Abstand genommen – im Idealfall etwas über eineinhalb Meter.

[Das Coronavirus in Berlin: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen. Kostenlos und kompakt: checkpoint.tagesspiegel.de]

Das bedeutendste gesellschaftliche Symptom der Pandemie ist die körperliche Distanz. Und genau dadurch wird jede zufällige Begegnung mit einem bekannten Gesicht im Treppenhaus, jeder kurze Plausch zwischen Tür und Angel, ohne jede digitale Datenleitung, so wertvoll.

Vielleicht birgt Corona ja sogar eine Chance für Nachbarschaften, die jahrtausendealten Muster zu überwinden und solidarische Lebensweisen zu schaffen, die noch nach der Krise fortbestehen.

Die ganze Welt nebenan

Nachbarschaften aber, die schon lange nach dem Prinzip „leben und leben lassen“ funktionieren, in denen man sich im Normalfall höflich aus dem Weg geht - das dürften die allermeisten sein -, stellt die Krise auf eine Probe, die in der kommenden Zeit immer härter werden wird, wenn zunehmend Geduldsfäden reißen.

Übrigens, wenn Quarantäne bedeutet, dass die Nächsten in weite Ferne rücken, rückt im Umkehrschluss tatsächlich die Welt zusammen. Es macht jetzt keinerlei Unterschied, ob das andere Ende der Datenleitung einen Block oder einen Kontinent entfernt liegt, irgendwo in Berlin, auf Lesbos, in Delhi oder Brisbane. Auch so stellt Corona die Welt auf den Kopf.

Einen Eindruck davon gewinnt, wer an den ersten warmen Abenden des Jahres den mehrsprachigen Kakophonien lauscht, die durch offene Fenster und Balkontüren manche Hinterhöfe erfüllen. Wenn nämlich mehrere Nachbarn zugleich Videotelefonate in verschiedene Länder führen und eine herzergreifende Stimmung entsteht, die spürbar macht, wie sehr Nachbarschaft in Zeiten von Corona auch eine globale Angelegenheit ist.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen Tagesspiegel Plus 30 Tage gratis!