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Die Komponenten der neuen Anlage stehen schon, müssen aber noch verbunden werden.
© dpa/Monika Skolimowska

Richtfest für neue Hochtemperatur-Pumpe: Vattenfall zieht in Berlin Wärme aus der Kälte

In der Kühlzentrale am Potsdamer Platz will der Energiekonzern noch effizienter produzieren – und dabei Erdgas sparen. Der Schlüssel ist eine XXL-Wärmepumpe.

Das Herzstück der neuen Anlage ist der Kompressor – mit seinem massiven Deckel erinnert er an einen Tauchroboter. Hier wird das gasförmige Kältemittel verdichtet, so dass es sich stark erhitzt und seine Wärme anschließend an einen Wasserkreislauf überträgt. Im Ergebnis entsteht bis zu 120 Grad heißes Wasser zur Versorgung von 3000 Berliner Haushalten mit Heizwärme im Winter. Im Sommer reicht es sogar für den Warmwasserbedarf von 30.000 Haushalten.

Die Rede ist von einer neuen Hochtemperatur-Wärmepumpe, die in der Kältezentrale von Vattenfall an der Stresemannstraße entsteht – am Montag wurde Richtfest gefeiert. Die Wärmepumpe soll künftig die Abwärme der Kältekompressoren, die bislang einfach in die Umgebung entwich, gewissermaßen upcyceln, also weiter erhitzen und ins Fernwärmenetz einspeisen.

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So können im Jahr 55 Gigawattstunden Wärme erzeugt und gleichzeitig 3,2 Millionen Kubikmeter Erdgas und 120.000 Kubikmeter Kühlwasser gespart werden. Ein Projekt, wie geschaffen für die Energiewende – wenn es denn tatsächlich funktioniert. Handelsübliche Wärmepumpen schaffen gerade einmal ein Einfamilienhaus mit Wärme zu versorgen.

Die Anlage soll im nächsten Winter den Betrieb aufnehmen. Planung und Bau der Pilotanlage kosten 7,8 Millionen Euro; 40 Prozent dieser Summe übernimmt das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. Im Wesentlichen verantwortlich für die technischen Abläufe ist Siemens Energy.

„Die Wärme wird das nächste große Ding werden“

Die größeren Komponenten der XXL-Wärmepumpe stehen schon in einem freigeräumten Bereich der Kältezentrale. Über den Sommer sollen sie miteinander verbunden und die Steuerungstechnik installiert werden. Im November beginnt denn eine dreijährige Monitoringphase zur Erprobung der Anlage.

„Die Wärme wird das nächste große Ding werden“, sagte Tanja Wielgoß, Vorständin der Vattenfall Wärme Berlin AG. Bisher konzentrierte sich die Kältezentrale am Potsdamer Platz auf das Gegenteil. Kunden wie die Philharmonie oder das benachbarte Bundesumweltministerium erhalten sechs Grad kaltes Wasser, um die Räume im Sommer zu kühlen.

Eine wichtige Dienstleistung, die von den Kunden geschätzt werde, sagt Wielgoß. Von den Philharmonikern habe sie gehört, dass sie ihre Instrumente nicht mehr so oft stimmen müssten.

Tanja Wielgoß, Vorstandschefin der Vattenfall Wärme Berlin AG, Christian Bruch (l), Vorstandschef der Siemens Energie AG und Wolfgang Langen, Ministerialrat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, zeigen ein Modell der Wärmepumpe.
Tanja Wielgoß, Vorstandschefin der Vattenfall Wärme Berlin AG, Christian Bruch (l), Vorstandschef der Siemens Energie AG und Wolfgang Langen, Ministerialrat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, zeigen ein Modell der Wärmepumpe.
© dpa/Monika Skolimowska

Insgesamt werden nach Vattenfall-Angaben 12.000 Büros, 1000 Wohnungen und diverse Kultureinrichtungen mit Kälte versorgt. Die Kältezentrale feiert dieses Jahr ihr 25. Jubiläum. Genauso lange verpufft die Abwärme der Kühlanlagen – auch, wie ein Vattenfall-Techniker verriet, weil es sich lange Zeit nicht gelohnt habe, bei den geringen Energiekosten nach Alternativen zu suchen. „Not treibt Innovation.“ Wobei nicht erst der Ukraine-Krieg die entsprechende Notlage auslöste.

Seit 2016 suchen die Ingenieure von Vattenfall nach Lösungen, um die Abwärme sinnvoll zu nutzen. Während es heute relativ einfach sei, klimaneutral Strom zu erzeugen, sei die Umsetzung der Energiewende bei der Wärmeproduktion eben wesentlich schwieriger, erklärte Christian Bruch, Vorstandschef der Siemens Energy AG, bei der Präsentation der Anlage.

„Die Hälfte des Primärenergieverbrauchs ist Wärme. Das Schließen von Ketten, die Energieeffizienz, ist dabei total wichtig“, sagte Bruch. Dass in Berlin bei der Fernwärme Wasser mit einem flexiblen Temperaturniveau genutzt werde – im Sommer 80 Grad heiß, im Winter bis zu 120 Grad – sei „ungewöhnlich“ und deshalb eine besondere Herausforderung bei der Konfiguration einer Wärmepumpe.

Neuartiges Kühlmittel ist Geheimnis der XXL-Wärmepumpe

Deren Geheimnis ist ein „neuartiges Kühlmittel“, das sich in der Praxis noch bewähren muss. Schließlich darf es sich trotz der hohen Druck- und Temperaturschwankungen im geschlossenen Kreislauf nicht zersetzen.

„Solche Projekte haben immer noch ein Risiko“, erklärte Wolfgang Langen, Ministerialrat im Bundeswirtschaftministerium. „Bei der Hochskalierung kann noch einiges passieren.“ Dennoch habe das Projekt im Wettbewerb mit vielen anderen die Förderung gewonnen.

Beim absehbaren Erdgas-Mangel wird die Pumpe wohl nicht entscheidende Spareffekte erzielen. Vattenfall erzeugt Strom und Wärme in Gaskraftwerken und vertreibt Erdgas an seine Kunden. Einige Gaskraftwerke könnten notfalls auf andere Energieträger umsatteln, sagte Wielgoß am Rande der Veranstaltung.

Weil die Kraft-Wärme-gekoppelten Anlagen sehr effizient seien, glaubt sie, „dass wir noch sehr lange weitermachen können“. Es gebe für alle Szenarien „eine Planung in der Schublade“. Die Industriekunden, die 30 Prozent der Kraftwerks-Leistung erhielten, müssten sich bei einer Gasnotlage ohnehin „selber abschalten“.

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