Stadtbahn und Nord-Süd-Bahn : Berlin schafft sich für Milliarden Euro eigene S-Bahn-Züge an

Bis zu 3,2 Milliarden Euro will das Land für 690 neue Viertelzüge ausgeben. Die Ausschreibung startet in dieser Woche.

3,2 Milliarden Euro will das Land für 690 neue Viertelzüge ausgeben.
3,2 Milliarden Euro will das Land für 690 neue Viertelzüge ausgeben.Foto: Gregor Fischer/dpa

Die Berliner Landesregierung will 3,2 Milliarden Euro in die Anschaffung neuer S-Bahn-Züge investieren. Der Senat nahm am Dienstag eine entsprechend Vorlage von Verkehrssenatorin Regine Günther (Parteilos, für Grüne) zur Kenntnis. Nach Angaben der Verkehrsverwaltung werden die Teilnetze "Stadtbahn" und "Nord-Süd" im kommenden November europaweit ausgeschrieben.

Bereits in dieser Woche soll eine "Vorinformation" im Amtsblatt der EU veröffentlicht werden. Neu ist: Unternehmen können sich getrennt bewerben für den Bau und die Instandhaltung der Fahrzeuge sowie für den Betrieb. Bislang war alles in einer Hand. Die Deutsche Bahn mit der S-Bahn-Berlin könnte also Konkurrenz bekommen.

Kern des Senatsplans ist der Aufbau eines landeseigenen Fuhrparks. Das Land Berlin kauft bis 2033 für diese beiden Netze 602 bis 690 Viertelzüge (Doppelwagen). Diese sollen die alten, bekanntlich störanfälligen bisherigen Fahrzeuge ersetzen. Kosten: 2,8 bis 3,2 Milliarden Euro.

Das Land Berlin erhofft sich mit dieser Ausschreibung, dass sich viele Anbieter und Hersteller beteiligen. So solle eine "Monopolsituation" vermieden werden, hieß es in der Verkehrsverwaltung. Die "Markterkundung" in den vergangenen Monaten habe ergeben, dass mehr als zehn Anbieter Interesse haben. Alle sollen gleich behandelt werden, egal ob sie aus China oder aus Brandenburg stammen. "Das neue Vergabekonzept sichert einen fairen Wettbewerb für Hersteller und Betreiber, der die Qualität erhöht und die Kosten senkt."

Bislang hatte die Bahn das Monopol

Genau dieses Monopol gibt es derzeit. Dennoch sei die Ausschreibung nicht gegen die Deutsche Bahn gerichtet, hieß es in der Verwaltung. Künftig könnte es also auch bei der S-Bahn verschiedene Betreiber geben. Im Regionalverkehr gibt es seit einigen Jahren mit der Odeg einen zweiten Betreiber, weil der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) bei der Ausschreibung eine entsprechende Vorgabe gemacht hatte. Seit Dezember 2012 fährt die Odeg mit ihren gelb-weiß-grünen Zügen unter anderem die beiden wichtigen Regionalexpresslinien RE2 und RE4.

2012 war das erste Teilnetz der S-Bahn, der Ring mit den Südost-Strecken, ausgeschrieben worden. 2015 hatte die Bahn diese Ausschreibung gewonnen, die noch nicht getrennt war in Kauf/Instandhaltung und Betrieb. Für dieses Teilnetz hat die S-Bahn genau 106 Züge bestellt, darunter 85 vierteilige (Baureihe 484) und 21 zweiteilige (Baureihe 483). Alle sind durchgehend begehbar, umgerechnet sind das 191 Viertelzüge, sie kosten 900 Millionen Euro. Ein erster Zug war auf der Eisenbahnmesse Innotrans im September vorgestellt worden. Am 1. Januar 2021 soll früh morgens der erste Zug mit Fahrgästen von Südkreuz nach Spindlersfeld fahren. Der Vertrag mit der Deutschen Bahn läuft bis 2035, anschließend kauft das Land Berlin der Bahn die Züge zum Gebrauchtpreis ab, nämlich 450 Millionen.

Die ersten neuen Züge sollen 2026 fahren

Ab Oktober 2026 soll der neue Betreiber die ersten Vorserienfahrzeuge auf dem zweiten Teilnetz "Stadtbahn" testen, so sieht es der Zeitplan der Verkehrsverwaltung vor. Der Betrieb soll dann nach und nach zwischen 2028 und 2031 aufgenommen werden. Sie legen insgesamt 14 Millionen Zugkilometer pro Jahr zurück. Von März 2030 bis 2033 wird dann der Betrieb auf dem dritten Teilnetz "Nord-Süd" mit zwölf Millionen Zugkilometern aufgenommen - so jedenfalls die Planung heute. Dafür würden rechnerisch 602 Viertelzüge reichen. Betrieb und Instandhaltung werden für 15 Jahre ausgeschrieben, die Instandhaltung soll möglichst über 30 Jahre laufen, also über die gesamte geplante Lebensdauer der Züge. Experten erwarten, dass die künftigen Züge der gerade vorgestellten Baureihe 483/484 stark ähneln werden. An der Schönerlinder Straße in Pankow könnte auf einem Gewerbegebiet eine Werkstatt zur Instandhaltung der Züge gebaut werden, hieß es.

Da künftig Linien verlängert oder ganz neu hinzukommen könnten, plant die Verkehrssenatorin mit bis zu 690 Viertelzügen. Diese 88 zusätzlichen Viertelzüge wären zum Beispiel für eine Verlängerung von Spandau bis Nauen oder den Wiederaufbau der Siemensbahn erforderlich. Im kommenden Jahr müssen die Länder Berlin und Brandenburg ihre Pläne für das Schienen-Ausbauprojekt "i2030" präzisieren, damit die Ausschreibung formuliert werden kann. Denn derzeit steht weder fest, ob die Siemensbahn wirklich kommt, noch welche Züge zusätzlich nach Nauen fahren. Seit Jahren streiten die beiden Länder, ob S-Bahnen oder Regionalzüge besser sind. Der Fahrgastverband IGEB kritisiert seit langem den "Boykott" der S-Bahn durch die Brandenburger Landesregierung.

Kosten sind gestiegen

Anfang des Jahres waren die Kosten für die 602 Viertelzüge noch mit 2,4 Milliarden angegeben worden. Nun sind es 2,8 Milliarden, bzw. 3,2 Milliarden für 690 Viertelzüge. Ein Grund für diese Steigerung wurde nicht genannt. Nach Angaben der Verkehrsverwaltung senkt der eigene Fuhrpark die Haushaltsbelastung erheblich, da Berlin die Fahrzeuge billiger finanzieren kann als ein privates Unternehmen. Bis 2021 sollen 600 Millionen Euro angespart werden, anschließend sollen es pro Jahr gleichmäßig 280 Millionen sein, die überwiesen werden müssen. Die Eisenbahnergewerkschaft EVG hatte bereits am Montag die Pläne des Senats kritisiert. Ein zuverlässiger Betrieb sei nur möglich, wenn der S-Bahnbetrieb mit allem, was dazu gehört, aus einer Hand angeboten werde. Zusätzliche Schnittstellen zwischen Betrieb und Instandhaltung müssten vermieden werden, so die EVG. Allerdings war es die Deutsche Bahn alleine, die die S-Bahn-Krise mit ihrem Spardiktat ausgelöst hatte. Noch Anfang des Jahres hatte sich die SPD-Fraktion für eine einheitliche Ausschreibung plädiert und eine Aufteilung in Betreiber und Instandhalter abgelehnt. Hier hat sich letztlich Verkehrssenatorin Günther durchgesetzt. Letztlich könnten an der S-Bahn fünf Unternehmen beteiligt sein: Die Deutsche Bahn auf dem Ring und jeweils zwei auf den beiden anderen Teilnetzen.

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