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Kurfürstenstraße, Ecke Potsdamer Straße, Berlin-Tiergarten.

© Kai-Uwe Heinrich

Lockerungen in Berlin: Viele Sexarbeitende haben in der Coronakrise keinen Zugang zu Hilfen

Ab Freitag dürfen Sexarbeitende in Berlin wieder Dienstleistungen ohne Geschlechtsverkehr anbieten. Die Situation während des Lockdowns war für viele prekär.

Der Corona-Lockdown schränkte seit Herbst viele Branchen und Berufe ein. Für die Sexarbeit galt laut Infektionsschutzverordnung ein umfassendes Verbot. Es war untersagt, sexuelle Dienstleistungen mit Körperkontakt sowie erotische Massagen anzubieten oder in Anspruch zu nehmen.

Am Freitag treten in Berlin nun Lockerungen in Kraft: In der ersten Stufe des Senatsplans sind zunächst sexuelle Dienstleistungen ohne Geschlechtsverkehr erlaubt, „unter strengen Hygieneauflagen“ und keine „gesichtnahen Praktiken“, schreibt die Pressestelle der zuständigen Senatsverwaltung für Gesundheit.

Damit gehört Berlin zu den neun Bundesländern, in denen sexuelle Dienstleistungen unter bestimmten Bedingungen wieder erlaubt sind, wie einer Auflistung des Bundesverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen zu entnehmen ist.

Vereine und Beratungsstellen für Sexarbeitende in Berlin sind über die ersten Öffnungsschritte froh, vor allem darüber, dass die Branche von Anfang an mitgedacht wurde. „Sexarbeit kann nun wieder unter legalen Bedingungen stattfinden“, sagt Andrei Craciun, Berater bei Smart Berlin, wo Informationen für männliche und trans Sexarbeiter angeboten werden.

Smart Berlin bietet anonyme und kostenlose Beratungen. Der Lockdown hatte unterschiedliche Auswirkungen auf die Klienten seiner Beratungsstelle, je nachdem, ob die Sexarbeit Haupt- oder Nebentätigkeit ist. Für diejenigen, die finanziell auf die Arbeit angewiesen sind, sei es „extrem schwierig“ gewesen. Das bedeutete für einige auch, illegal weiterzuarbeiten.

Knapp 1000 Sexarbeitende in Berlin gemeldet

Die Senatsverwaltung für Gesundheit sieht die Situation von Sexarbeitenden aufgrund des pandemiebedingten Tätigkeitsverbot als „sehr prekär“. Wer als Solo-Selbständiger gemeldet ist, konnte etwa die Corona-Hilfspakete beantragen, sowie Sozialleistungen wie Hartz IV. Doch der Zugang zu den staatlichen Hilfen ist „für die diverse Zielgruppe der Sexarbeitenden in Berlin nicht immer ohne Hürden möglich“, schreibt Pressesprecher Moritz Quiske auf Anfrage.

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Das betrifft etwa diejenigen, die keinen gesicherten Aufenthaltsstatus in Deutschland haben, oder die sich nicht als Prostituierte nach den Regelungen des seit Anfang 2019 wirksamen „Prostituiertenschutzgesetzes“ (ProstSchG) behördlich gemeldet haben. Stand Juni verfügen in Berlin knapp 1000 Sexarbeitende über eine gültige Anmeldebescheinigung, meldet der Senat.

Was den Betrieb von Prostitutionsstätten oder -vermittlung betrifft, zählt die Senatsverwaltung bislang knapp 230 Anträge. Doch die Schätzungen, wie viele Menschen im Gewerbe arbeiten, gehen weit darüber hinaus. Es wird auch nicht erfasst, wie viele Prostitutionsbetriebe während der Pandemie schließen mussten.

Gutscheine für Lebensmittel und Schlafplätze in Obdachlosenheimen

Beim Frauentreff Olga in der Kurfürstenstraße, dem bekanntesten Straßenstrich der Stadt, wird der Lockdown als „sehr schwierige Zeit“ wahrgenommen. Olga ist Treffpunkt und Beratungsstelle für Frauen, die auf dem Strich arbeiten, viele von ihnen kommen aus Osteuropa. Manche von ihnen sind während des Lockdowns zurück in ihre Heimatländer gegangen, andere haben versucht, Hartz IV zu beantragen, berichtet Lonneke Schmidt-Bink, Leiterin des Treffpunkts.

Doch nur wenige haben erfolgreich das Geld beantragen können: „Viele unserer Klientinnen konnten nicht nachweisen, dass sie leistungsberechtigt sind, zum Beispiel, weil sie sich in Deutschland nicht oder erst später polizeilich angemeldet haben“, so Schmidt-Bink. „Viele unserer Besucherinnen sind somit mittellos und sehen sich gezwungen, trotz Covid-Verordnung weiter zu arbeiten.“ Mehrmals gab es Anzeigen wegen Verstoß gegen die Verordnung.

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In der schwierigen Situation konnten die Frauen bei Olga Sozialberatung und medizinische Versorgung erhalten sowie eine warme Mahlzeit, Hygieneartikel und Klamotten. Beraterin Schmidt-Bink wünscht sich für ihre Klientinnen einen einfacheren Zugang zu Grundsicherungsleistungen, die Anspruch auf Krankenversicherung oder Unterkünfte in Obdachlosenheimen bieten.

Für die Sexarbeitenden, die keinen Zugang zum Hilfesystem haben, hat die Senatsverwaltung während des Lockdowns Lebensmittel- und Hygienegutscheine zur Verfügung gestellt sowie Schlafplätze in der Obdachlosenunterkunft „Pumpe“ gesichert.

Keine Nachweise, keine Corona-Hilfen

Auch beim Verein Hydra, 1980 als „erste autonome Hurenorganisation“ Deutschlands in Berlin gegründet, wurde in den vergangenen Monaten viel Sozialberatung angeboten, sagt Ruby Rebelde, Ansprechpartnerin für Presse.

Es gibt Sexarbeitende, die der Registrierung durch das ProstSchG aus unterschiedlichen Gründen nicht nachgekommen sind. Berufsverbände kritisieren etwa die mangelnde Anonymität, die ein Registrierungsverfahren mit sich bringt. „Die haben keine Rechnungen, keine Nachweise für die Sexarbeit“, sagt Rebelde. „Die sind durchs Raster gefallen.“ Durch Corona habe sich das Problem verschärft.

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Solange körpernahe Dienstleistungen nicht möglich waren, sind viele Sexarbeitende auf Plattformen und Portale im Internet umgestiegen. „Manche Kolleginnen konnten damit ganz gut die Zeit überbrücken“, sagt Rebelde. Aber auch die Arbeit im Netz ist nicht unproblematisch: die Plattformen verlangen von den Nutzer:innen hohe Gebühren, zudem muss die technische Ausstattung da sein, ein Zimmer, das man nutzen kann, gutes Licht.

Auch Akzeptanz wichtig für sichere Arbeitsbedingungen

„Die wichtigste Erkenntnis ist für uns gewesen, dass wir gesehen haben, was passiert, wenn es ein Arbeitsverbot für die Straßensexarbeiterinnen gibt“, fasst Lonneke Schmidt-Bink die Lockdown-Zeit zusammen: „Für viele gibt es keine Ansprüche auf Sozialleistungen und viele sehen sich aus der finanziellen Not heraus gezwungen, illegalisiert weiter zu arbeiten.“

Ihre Klientinnen, die auf der Straße arbeiten, bräuchten sichere Arbeitsplätze, besser Arbeitsbedingungen und Zugang zu sozialen Leistungen. Der „Runde Tisch Sexarbeit“ zwischen Senat, Bezirken, Beratungsstellen und Sexarbeiter:innen hat Ende 2019 ein Maßnahmenkonzept für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter:innenn verabschiedet. Dazu gehört unter anderem der Ausbau der Sozialhilfe, psychologische und gesundheitliche Beratung.

Viele Maßnahmen, wie die aufsuchende Sozialarbeit und nachbarschaftliche Treffen, mussten während der Pandemie pausieren. Einiges konnte jedoch während des Lockdowns sowohl bei Hydra als auch bei Smart Berlin umgesetzt werden: Videos und Internetkampagnen informieren über die Bedingungen von Sexarbeit.

Sie sollen das Stigma bekämpfen, das dieser Branche noch immer anhaftet. Denn zu guten Arbeitsbedingungen gehört auch Akzeptanz.

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