• Vineta-Grundschule in Gesundbrunnen: Berliner Grundschullehrer predigt Verschwörungstheorien

Vineta-Grundschule in Gesundbrunnen : Berliner Grundschullehrer predigt Verschwörungstheorien

Als „Volkslehrer“ verbreitet Nikolai N. im Internet Verschwörungstheorien und hetzt gegen Juden. Tagsüber unterrichtet er Englisch, Musik und Sport.

Krude Lehren. Nikolai N. unterrichtete bereits an mehreren Berliner Grundschulen.
Krude Lehren. Nikolai N. unterrichtete bereits an mehreren Berliner Grundschulen.Foto: Screenshot/www.youtube.com/dervolkslehrer

Im Internet nennt er sich „Der Volkslehrer“. Die meisten Videos nimmt er in seinem Wohnzimmer auf. Richtet die Kamera auf sich und erklärt, wie er die Welt sieht. Er sagt, das deutsche Volk müsse sich wehren. Das weiße Europa sei bedroht. Es sei Zeit, zu kämpfen.

Alle paar Tage lädt der „Volkslehrer“ ein neues Video auf seinen YouTube-Kanal, mal hetzt er gegen Politiker, mal behauptet er, Deutschland sei vom US-Militär besetzt. Er verrät nur seinen Vornamen: Nikolai. Und er behauptet, er sei Grundschullehrer in Berlin.

Was für eine gruselige Vorstellung. Ein Mann, der abends Verschwörungstheorien predigt, darf tagsüber Minderjährige unterrichten. Ob er ihnen auch die Welt erklärt? Man wünscht sich, dieser Mann habe sich seinen Beruf nur ausgedacht, sei am Ende bloß ein Hochstapler. Ist er aber nicht.

Mehrfach gab es Beschwerden

Nikolai N., 37 Jahre alt, unterrichtet seit zwei Jahren an der Vineta-Grundschule in Gesundbrunnen. Davor war er bereits an zwei anderen Berliner Schulen. Mehrfach gab es Beschwerden. Er wurde anonym bei der Schulaufsicht gemeldet, zum Gespräch geladen. Doch man ließ ihn weiter unterrichten.

Nikolai N. ist auch auf der Straße aktiv. Vor der Weltzeituhr am Alexanderplatz hält er ein Schild hoch, auf dem steht: „Die Geschichte des Holocaust ist eine Geschichte voller Lügen.“ Bei einer Demonstration am Pariser Platz verteilt er ein Flugblatt mit Behauptungen wie: „Das Deutsche Reich besteht weiterhin fort.“ Oder auch: „Das Grundgesetz ist keine Verfassung.“ Zwei Tage später steht er wieder im Klassenzimmer.

Er unterrichtet Englisch, Musik und Sport. In seinen Videos gibt er Details seines Berufsalltags preis. Zum Beispiel, dass 90 Prozent seiner Schüler Migranten sind. In einer Folge stellt er den Berliner Rahmenlehrplan vor. Es stört ihn, dass auf dem Titelblatt kein deutscher Junge, sondern nur einer mit Migrationshintergrund abgebildet ist.

Kein Beamter, sondern Angestellter

Nikolai N. behauptet, die Mondlandung sei eine Lüge, 9/11 sowieso. Die Frage ist: Müssen Eltern fürchten, dass ihre Kinder im Klassenzimmer diesen Unsinn gelehrt bekommen? Und wie kann die Institution Schule sicherstellen, dass dies nicht geschieht? Der kommissarische Leiter der Vineta-Grundschule kennt den YouTube-Kanal von N. Ob er mit ihm darüber sprach, sagt der Leiter nicht.

Am Telefon bittet er darum, nicht über das Thema zu berichten. Das werfe sonst ein schlechtes Licht auf seine Schule.

Nikolai N. ist kein Beamter, sondern Angestellter. Zunächst hat er an der Brüder-Grimm-Grundschule in Wedding unterrichtet, dann an der Moabiter Grundschule. Schon hier gab es Beschwerden, Anfang 2016 schrieb die Schulleiterin einen Rundbrief an die Eltern und informierte über „einige Änderungen zur Personalsituation“. Herr N. habe „die Schule während des Halbjahres verlassen“. Da war er schon vier Kilometer weiter an der Vineta-Grundschule untergekommen.

Seine Schüler kennen die Filme

Dass der „Volkslehrer“ im Internet inzwischen eine große Fangemeinde hat, liegt wohl auch an seinen Störaktionen. Regelmäßig besucht er Veranstaltungen mit prominenten Politikern und brüllt dort herum. Ein Gleichgesinnter filmt ihn dabei. Im Sommer wurde er bei einer Lesung von Angela Merkel laut: „Diese Frau ist keine Kanzlerin des deutschen Volkes. Sie ist eine Dienerin der Finanz-Eliten ...“

Im September provozierte er Innenminister Thomas de Maizière: „Glauben wir ernsthaft, dass der Terroranschlag vom 11. September von Osama Bin Laden ausgelöst wurde?“ Für diese Aktion habe er später Lob von mehreren Eltern muslimischer Schüler bekommen, behauptet er.

Die Anfrage des Tagesspiegels, ob er auch im Unterricht seine Theorien verbreite, lässt Nikolai N. unbeantwortet. Aber auf einer Internetplattform für Verschwörungstheoretiker hat er in einem Interview bereitwillig Auskunft gegeben: Na klar, die Schüler wüssten über seinen Kanal Bescheid. Sie guckten auch seine Filme. N. sagt, die Schüler feierten ihn dafür, wie viele Abonnenten der Kanal bereits habe. Manche Schüler setzten Kommentare unter die Videos.

Gutes Auskommen im Lehrerkollegium

N. behauptet, er diskutiere im Unterricht nicht über solche Themen. Manche Schüler interessierten sich zwar für Politik und fragten ihn, wie er die Kanzlerin denn finde. Darüber spreche er aber nur „sehr begrenzt“. Nikolai N. sagt allerdings auch, die Schüler würden sich mit seinen Themen oft besser auskennen als Erwachsene. In jeder Klasse gebe es fünf Schüler, die wüssten, wer die Illuminati sind.

Die Kollegen an der Vineta-Grundschule guckten ebenfalls seine Videos. „Ich wurde kurz mal gemieden, als ich ein paar besonders steile Thesen rausgehauen habe, da wollte man mit mir nichts zu tun haben.“ Das habe sich aber wieder gegeben, jetzt komme man gut miteinander aus.

Dann sagt er noch: Die langjährige Leiterin der Vineta-Schule, die nun leider gegangen sei, habe Verständnis für seine Aktivitäten gezeigt und diese „gebilligt“. Kann das stimmen? Eine Tagesspiegel-Anfrage lässt die Frau unbeantwortet.

Nikolai N. hat in Freiburg studiert. Er behauptet, er könne seine deutsche Abstammung bis vor das Jahr 1913 nachweisen. Seine Eltern seien ebenfalls Lehrer. Bei ihm selbst habe vor fünf Jahren ein Prozess des „Aufwachens“ begonnen. Im Internet schaute er sich ein Video über den Amoklauf an einer US-Schule an, bei dem 28 Menschen ihr Leben verloren hatten.

Das Video habe ihn davon überzeugt, dass die Tat gar nicht stattgefunden haben könne. Dass die Eltern der angeblich toten Kinder in Wahrheit „Drama-Darsteller“ seien. Er guckte weitere Videos, will so herausgefunden haben, dass auch über die Anschläge beim Boston-Marathon und die vom 11. September gelogen wurde. Ab dem Zeitpunkt habe er „alles infrage gestellt, da hat sich mein Weltbild konstituiert”.

Nun ist es theoretisch so, dass angestellte Lehrer in ihrer Freizeit tun und äußern können, was sie möchten, solange dies nicht gegen Gesetze verstößt. Andererseits besteht eine Loyalitätspflicht sowie eine Pflicht zur Mäßigung. Bei der Senatsverwaltung für Bildung heißt es, der Fall werde nach jüngsten Hinweisen erneut rechtlich geprüft. Laut einer Tagesspiegel-Quelle ist eine „Reichsbürger-Meldung“ an die Innenverwaltung geplant.

„Manchmal raste ich da aus und werde laut und brülle“

In seinen Videos wird der „Volkslehrer“ manchmal wütend. Den CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt nennt er einen „Kriminellen“, weil der zwei Flüchtlinge aus Eritrea bei sich zu Hause aufgenommen hat. Ein Mädchen, das an seiner Schule einen Fall von Antisemitismus gemeldet hat, beschimpft er als „Denunziantin“. Besonders arg hetzt er gegen Lea Rosh, die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals.

Nikolai N. behauptet, sie wolle die „Befreiung des deutschen Volkes“ verhindern, sie kämpfe gegen aufrechte, rechtschaffene Deutsche. Vergangenen Monat schlich er sich auf eine Podiumsdiskussion mit Rosh, stürmte nach vorn, schrie erneut herum. Es gab Tumult, Geschubse; der Tagesspiegel berichtete. Im Nachhinein nennt er sein eigenes Verhalten einen „Ausraster“.

N. sagt, er werde nicht nur auf Veranstaltungen so wütend, dies passiere ihm auch in der Schule: „Manchmal raste ich da aus und werde laut und brülle.“

Im Herbst hat er mit seiner Kamera viel Zeit im Regierungsviertel verbracht, vor dem Gebäude der Parlamentarischen Gesellschaft, in dem Union, FDP und Grüne Sondierungsgespräche führten. Wenn sich die Politiker zwischendurch auf dem Balkon zeigten, versuchte er, sie in Gespräche zu verwickeln.

"Wem dienen Sie eigentlich?"

Christian Lindner schrie er zu, dass die Runde beim Verhandeln doch bitte an das deutsche Volk denken solle. „Das ist unser Land. Es soll unser Land bleiben.“ Horst Seehofer machte er darauf aufmerksam, dass nebenan ein Obelisk stehe, das sei doch ein Zeichen des Geheimbundes der Freimaurer. Er rief: „Warum tagen Sie in einem Haus, wo ein Freimaurersymbol auf der Ecke ist? Wem dienen Sie eigentlich?“

N. weiß, dass viele Leute ihn für rechtsextrem halten. Er mag das Etikett nicht. Meistens würden Leute „das Vernünftige und Richtige eben als rechts einschätzen“. Seinen Anhängern imponiert, dass N. im Netz so offen über seinen Beruf spricht. Ob er denn keine Angst vor Konsequenzen habe? Unter einem Video schreibt ein Zuschauer, derzeit finde ein „offenkundiger Genozid“ an Deutschen statt. Nikolai N. schreibt darunter: „Sehr gute Ergänzung. Danke.“

Am 19. Dezember, dem Jahrestag des Anschlags vom Breitscheidplatz, steht N. abends vor der Gedächtniskirche. Er möchte ein Video über die offizielle Gedenkveranstaltung drehen. Er hört den Trauerreden zu und sagt dann: „Das ganze Blabla ist schwer zu ertragen.“ Er verspottet den Regierenden Bürgermeister Michael Müller, wie der da auf der Bühne steht.

"In erster Linie für Deutsche"

Nikolai N. bezweifelt, dass der Anschlag tatsächlich so abgelaufen ist: „Es gibt ganz viele Ungereimtheiten.“ An einer anderen Stelle im Video sagt er, er finde auch, dass sich der Angriff mit dem Lastwagen rein physikalisch nicht so zugetragen haben könne – weil sonst mehr Verkaufsstände umgestoßen worden sein müssten.

Dann spricht er mit einem Mann, der behauptet, der Anschlag sei in Wahrheit „die Show“ des israelischen Geheimdienstes Mossad gewesen. Nikolai N. stimmt zu.

Es geht ihm oft um Juden. Auf dem Flugblatt, das er am Pariser Platz verteilt hat, steht, dass Juden zwar nur 0,2 Prozent der Weltbevölkerung ausmachten, aber trotzdem „einen weit überproportionalen Anteil im Finanzwesen“ stellten. Außerdem in der Pornoindustrie. Nikolai N. fordert, Volksverhetzung als Straftatbestand abzuschaffen. Auf einem seiner Schilder fragt er: „Willst du wissen, wer dich beherrscht? Frage dich, wen du nicht kritisieren darfst.“

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Im Internet erzählt er, wie ehemalige Schüler ihn einmal auf sein Treiben angesprochen hätten. Sie fragten: „Sagen Sie mal, Herr N., sind Sie jetzt eigentlich für oder gegen Ausländer?“ Er antwortete: „In erster Linie bin ich für Deutsche.“

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