Wie Fußball geflüchtete Mädchen stärkt : „Eines Tages möchten sie selbst den Adler auf der Brust tragen“

Tugba Tekkal, frühere Spielerin des 1.FC Köln, will geflüchteten und Mädchen aus sozial schwachen Familien eine Perspektive bieten - mit „Scoring Girls“.

Vor dem Training auf dem Fußballplatz gibt es bei „Scoring Girls“ auch eine Hausaufgabenhilfe. 
Vor dem Training auf dem Fußballplatz gibt es bei „Scoring Girls“ auch eine Hausaufgabenhilfe. Foto: promo

„Orange decken! Orange decken“, schreit Tugba Tekkal quer über den Fußballplatz, auf dem 16 Spielerinnen im Alter von 9 und 13 Jahren in blauen und orangenen Hemdchen über den hellgrünen Kunstrasen hechten. Für sie ist heute ein ganz besonderer Tag. 

Angefangen hat alles 2014: Da ist ihre Schwester, die Journalistin Düzen Tekkal, in den Irak gereist, um zu ihren jesidischen Wurzeln zurückzukehren und eine Dokumentation darüber zu drehen. Doch im gleichen Jahr fiel der „Islamische Staat“ im Nordirak ein und versklavte und verschleppte jesidische Kinder und Frauen

Zusammen haben sie deswegen die Menschenrechtsorganisation „HÀWAR.help“ gegründet – „hàwar“ bedeutet „Hilferuf“ auf Kurdisch. Trotzdem wollte Tekkal persönlich noch mehr machen. Was kann ich richtig gut?, habe sie sich gefragt. „Und das war Fußball“, sagt Tekkal, die Profi-Spielerin beim 1. FC Köln war.

„Als sich 2015 so viele Menschen auf den Weg in unser Land gemacht haben, war es mir wichtig, vor allem etwas für junge Mädchen zu tun, die noch ganz neu waren und nicht wussten, wohin mit sich“, sagt Tekkal. Und so hat sie 2016 in Köln das Projekt „Scoring Girls“ gestartet, das nun auch in Berlin angekommen ist. 

Die Idee dahinter: Geflüchtete Mädchen mit deutschen Mädchen aus sozialschwachen Familien auf dem Fußballplatz zusammenzubringen, um allen eine Perspektive zu geben und zu helfen, Teil der Gesellschaft zu werden

Oft war es schwer, die Eltern zu überzeugen

Der Weg dahin war nicht einfach: „Wir sind von Unterkunft zu Unterkunft gefahren“, erzählt Tekkal. Oft war es schwer, die Eltern zu überzeugen, dass es okay sei, wenn Mädchen Fußball spielen. Sie hätten gefragt: „Was ist, wenn sie unsere Sprache vergisst? Wenn sie andere Ziele verfolgt und der deutschen Gesellschaft angehört?“

Eine Diskussion, die Tekkal selbst in ihrer Kindheit mit ihren Eltern führen musste, die ihr verboten hatten, Fußball zu spielen. „Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und habe nie vergessen, wo meine Eltern herkamen. Ich kenne beide Welten sehr gut.“ Genau deshalb möchte sie andere Mädels empowern und ein Vorbild für sie sein.

Hier haben die Mädchen ihren ganz eigenen Raum für sich

Nach langer Überzeugungsarbeit hat sie es nun geschafft. „Dass wir das Projekt vier Jahre später auch nach Berlin ausweiten können, ist wirklich ganz besonders für mich“, sagt Tekkal. Tapfer haben sich die Mädchen beim ersten Training auf dem Platz des Marzahner FFC geschlagen. „Es wird immer besser, das merkt ihr, oder? Von Minute zu Minute“, lobt Tekkal. Coronabedingt konnte das Projekt statt im April erst im August starten.

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„Ich spiele immer in der Unterkunft, aber die Jungs wollen oft nicht“, erzählt ein Mädchen. Die meisten Teilnehmerinnen hätten sich untereinander auch erst auf dem Platz und ohne Eltern kennengelernt, erklärt Tekkal. „Dort haben sie ihren ganz eigenen Raum für sich, das ist sehr wichtig, dass sie etwas haben, was sie nicht immer teilen müssen.“

Vor dem Training gibt es eine Stunde Hausaufgabenhilfe

Jeden Montag werden sie hier trainieren. Davor gibt es immer eine Stunde Hausaufgabenhilfe. Mittwochs findet noch ein Training mit Erika Szuh beim Wartenberger SV in Hohenschönhausen statt. 

„Wir haben bewusst diese beiden Standorte gewählt, weil viele Unterkünfte hier sind und die Leute dort das Gefühl haben, nicht wirklich Teil von irgendetwas zu sein. Deswegen war es uns sehr wichtig, an die Standorte zu gehen, wo es am meisten benötigt wird“, sagt Tekkal.

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Über ihre Erfahrungen mit „Scoring Girls“ in Köln sagt sie: „Zu Beginn wollte ich die Mädchen einfach nur von der Straße holen, aber daraus ist so viel mehr entstanden. Die Mädchen haben jetzt Selbstbewusstsein, Teamgeist, Disziplin, sie gehören dazu und sind über sich hinausgewachsen und haben jetzt ganz andere Ziele vor Augen.“ 

Sie hätten nun ein Gefühl der Dazugehörigkeit

Zum Teil würden sie nun richtig im Verein spielen und „möchten eines Tages selbst den Adler auf der Brust tragen und in der Nationalmannschaft spielen“, so Tekkal. Den Mädchen seien durch das Projekt so viele Steine aus dem Weg geräumt worden, sie hätten nun ein Gefühl der Dazugehörigkeit. 

Tekkal ist gespannt, wie sich die Berliner Mädchen entwickeln werden. Anlässlich der „Gemeinsamen Sache“ lädt Tekkal Mädchen zu einem offenen Training ein.

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