Wohnungsbau in Berlin : Michael Müller, Regierender Baumeister

Der Regierende Bürgermeister lobt den Fortschritt auf den Baustellen der Europacity und dementiert Pläne fürs Tempelhofer Feld.

Auch der denkmalgeschützte „Kornversuchsspeicher“, ein Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, wird in die Planungen für die Wasserstadt Mitte einbezogen
Auch der denkmalgeschützte „Kornversuchsspeicher“, ein Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, wird in die Planungen für die...Simulation: promo/Wasserstadt Mitte

Der Zimmermannshammer ist die Nummer zehn in seiner Sammlung, schätzt Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister und in diesen Minuten auch Regierender Baumeister. Gerade eben hat er einen Grundstein gelegt für ein großes Wohn- und Geschäftshaus in der Europacity am Hauptbahnhof und dafür Sorge getragen, dass der letzte Hammer vom Beton genommen wird, bevor der Kran den Grundsteinklotz in die Baugrube befördert.

Könnte ja jemandem auf den Kopf fallen. Und im Anschluss ist nebenan noch ein Richtfest für 750 Wohnungen, gleich fußläufig um die Ecke. Toller Tag für ihn. „Ein großer Schritt nach vorn“, sagt der Regierende. „Alles, was hier entsteht, brauchen wir dringend.“

Wohnungsbau ist Chefsache

Wohnungen bauen ist Chefsache, daran lässt Müller dieser Tage keinen Zweifel. An seiner Seite Senatsbaudirektorin Regula Lüscher, die eigentlich zuständige Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke), die wegen schlechter Zahlen beim Wohnungsbau unter Druck steht, ist nicht gekommen.

Müller sagt klar, dass 12.000 bis 15.000 neue Wohnungen pro Jahr allenfalls reichen, um die Zuzügler zu versorgen, aber nicht, um den Wohnungsmarkt zu entspannen. „Es könnten gerne 15.000 bis 20.000 Wohnungen im Jahr sein.“ Der Senat habe die „überfälligen Schritte“ zur Beschleunigung des Wohnungsbaus inzwischen erledigt, jetzt hofft Müller auf weitere Impulse vom Wohnungsgipfel im Kanzleramt.

Grundstein gelegt wurde für ein Nahversorgungszentrum mit Gastronomie plus Büroräume und Wohnungen im „Quartier Heidestraße“, das sich nordwestlich der Heidestraße erstreckt. Das Haus mit roten Ziegelfassaden und schlichter Quaderstruktur soll das belebte Zentrum des Quartiers werden. Entworfen wurde es vom Büro Robertneun. Mitte 2020 ist die Fertigstellung geplant. Im gesamten Quartier Heidestraße sind 920 Wohnungen geplant, ein Viertel davon als geförderte Sozialwohnungen.

Auf der anderen Seite der Heidestraße stehen bereits die Rohbauten für die „Wasserstadt Mitte“ mit 500 größeren Mietwohnungen, 213 „Mikroapartments“ und einer Kita. Dazu gehört auch der Kornversuchsspeicher, ein Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, eines der wenigen Baudenkmäler in diesem Quartier.

Der Speicher wird für Firmenveranstaltungen und Kulturevents genutzt, das soll vorerst auch so bleiben. Bauherr ist die Adler Real Estate AG, die rund 60 000 Wohnungen in Deutschland vermietet. Früher baute man unter dem Namen Adler Schreibmaschinen und in den 1930er Jahren Autos und Sportwagen.

Müller soll sich an der Heidestraße auch zum Thema Smart City äußern. Was er darunter verstehe. Und Müller sagt, unter anderem: „Ein lebenswertes, sozial durchmischtes Quartier.“ Die Berliner Mischung mahnt er mehrfach an, die Investoren wollen auch mischen, beziehen den Begriff aber vordringlich auf ein Nebeneinander von Wohnen, Gewerbe, Freizeit und Kultur. Sozialwohnungen sind in der „Wasserstadt“ nicht vorgesehen, stattdessen „Atelierwohnungen“, „Familienwohnungen mit eigenen Gärten“ und „Loftwohnungen zum Wasser“ hinzu. Bezugsfertig ab 2019.

Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld seien für den Senat kein Thema

Medienberichten zufolge möchte Müller jetzt auch das Tempelhofer Feld wieder als Standort für Wohnungsbau in den Fokus nehmen. Doch der Regierende dementiert. Er sei auf einer Veranstaltung der IHK auf das Feld angesprochen worden und habe erklärt: „Das fasst jetzt niemand an, aber ich merke, dass die Diskussion beginnt.“ Müller gibt sich betont passiv. Das Feld stehe nicht auf der Tagesordnung. Seine persönliche Haltung zu den ehemaligen Plänen der Randbebauung habe er inzwischen revidiert. „Wir wollten damals zu viel, haben den Eindruck vermittelt, dass das Feld insgesamt zur Disposition steht, das war falsch.“ Ein einzelnes Baufeld zu definieren, wäre besser gewesen.

Bausenatorin Lompscher äußert sich auf Anfrage ebenfalls nur passiv: „Das Tempelhofgesetz schließt eine Bebauung klar aus. Diese ließe sich nur durch einen Volksentscheid oder einen Parlamentsbeschluss ändern.“ Die Grünen und Umweltschutzorganisationen lehnen eine Bebauung weiterhin ab.

Der Verein „Mehr Demokratie“, der sich als Lobby der direkten Demokratie versteht, findet das Wiederaufflammen der Diskussion nicht unstatthaft. Es könne „sinnvoll sein, die Debatte über ein per Volksentscheid beschlossenes Gesetz erneut zu öffnen, wenn sich die Umstände deutlich geändert haben“.

Das Tempelhof-Gesetz, per Volksentscheid in Kraft gesetzt, sollte nur nicht einfach mit einem Parlamentsbeschluss gekippt werden. Die Bürger selbst müssten entscheiden, ob das Tempelhofer Feld zur Bebauung freigegeben werden soll oder nicht – also ein zweites Referendum. Entscheiden wird darüber aber wohl erst eine neugewählte Landesregierung nach 2021. Im aktuellen Koalitionsvertrag ist eine Bebauung ausgeschlossen.

Umso besser, dass man erstmal auf den Brachen an der Heidestraße Grundsteine legen kann. Das Quartier in „großartiger Lage“ (Müller) wächst auf der östlichen Seite langsam zu, im Westen schieben die Bagger noch riesige Sandberge hin und her.

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