„Honeckers Vita beeindruckte“

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Besuch beim Ex-DDR-Staatschef Egon Krenz : „Noch vier Wochen vorher applaudierten sie mir“

Erinnern Sie sich an den Moment, an dem Sie realisierten, dass es mit der DDR zu Ende gehen würde? War es die Nacht des Mauerfalls?
Nein, auch weil mir Gorbatschow bei meinem Antrittsbesuch in Moskau in der Woche zuvor andere Zusagen gemacht hatte. Ich hatte ihn an die Verantwortung der Sowjetunion erinnert, schließlich war die DDR ein Kind der UdSSR. „Michail Sergejewitsch, sag’ mir bitte: Steht ihr zu eurer Vaterschaft?“ Erst tat er so, als habe er mich nicht verstanden, dann antwortete er mit fast vorwurfsvollem Unterton: „Egon, wie kannst du nur so was denken! Nach den Völkern der Sowjetunion ist uns das Volk der Deutschen Demokratischen Republik das liebste.“ Er und seine Leute hätten unter anderem mit Bush, Mitterrand, Thatcher, Andreotti und vielen anderen Staatsmännern gesprochen, und alle hätten versichert: Sie könnten sich ein Europa ohne DDR nicht vorstellen. Das war am 1. November 1989!

Ein Paketzusteller, der am Gartentor steht, unterbricht die Geschichtsstunde. „Moment!“ Krenz läuft schnell hin. „Sogar zwei Päckchen!“, sagt er lachend. Der Mann ist landestypisch wortkarg, Krenz leutselig. „Sie wollen sicherlich eine Unterschrift haben!“ Nicken. „Kommen Sie aus der Gegend?“, fragt Krenz. Der Mann nickt lächelnd, ein bisschen verwundert über das persönliche Interesse an ihm.

Herr Krenz, Sie haben in Ihrer kurzen Amtszeit erlebt, wie einem Macht zwischen den Fingern zerrinnen kann. Fiel Ihnen das auf? Sie haben es selber so dargestellt, dass Sie sich bemühten, etwas zu verändern, und immer einen Schritt zu spät dran waren.
Als Honecker noch im Amt war, hatte ich nicht den Eindruck, dass es irgendwo in den Apparaten der Partei eine Opposition gegeben hätte. Niemand außer mir hatte die Initiative ergriffen, Honecker abzulösen. Und dann war er weg, und plötzlich wussten viele alles besser.

Hatte Honecker aus der Nähe Charisma?
Was heißt Charisma? Honeckers Vita beeindruckte. Er hatte bei den Nazis zehn Jahre im Zuchthaus gesessen – für seine Gesinnung. Und ich bekenne neidvoll: Honecker kannte sich in der Geschichte bestens aus. Er hat vermutlich im Gefängnis sehr viel gelesen, die Bücher, die es dort noch gab: bürgerliche Literatur über Kaiser- und Königshäuser, preußische Geschichte, deutsche Klassik ...

… Goethe und Schiller?
Ja, aber auch Lessing, Herder, Heine. Er verwendete oft Zitate, die er auswendig gelernt hatte.

Goethe war bürgerlicher Herkunft, er bekleidete eine Funktion in einem aristokratischen System …
Ja, und? Er war ein Kind seiner Zeit. Haben Sie damit ein Problem?

Dass in der DDR, wo Klassenzugehörigkeit wichtig und der Kunstbegriff eingeschränkt war, ausgerechnet Goethe …
... wissen Sie, wohlhabend zu sein bedeutet ja nicht zwingend, einfältig und reaktionär zu sein. Für Walter Ulbricht war Fausts Schlussmonolog im fünften Akt mit der Vision „auf freiem Grund mit freiem Volke stehn“ die geschichtsprophetische Begründung für die DDR. Die letzten Worte von Faust, das sage ich bescheiden, kannte auch ich auswendig. Werke der Klassiker waren bei uns Pflichtliteratur in den Schulen. Viele reden heute über die DDR, ohne sie zu kennen.

Aber ich rede ja über Goethe.
Ich auch. Die DDR-Oberschülerin Sahra Wagenknecht hat den „Faust“ auswendig gelernt. Wohl kaum als Widerstand gegen die DDR. Glauben Sie mir: Uns musste man 1990 nicht Kultur beibringen. Neulich blätterte ich in einem Wartezimmer in einem der dort ausliegenden bunten Blätter. Darin stellte man die zehn schönsten Badeorte an der Ostsee vor. Nicht einer befand sich im Osten. Kein Usedom, kein Rügen, kein Darß. Ich rief den Verleger an, den ich kenne …

… war’s die „Super-Illu“?
Nein, sage ich nicht. Der Verleger meinte, das sei keine Absicht gewesen. Der, der das geschrieben hat, sei sicherlich noch nicht im Osten gewesen.

FKK und Udo Lindenberg

Erstaunlich. Aus Berlin fahren Zehntausende Westler wie Ostler an mecklenburgische Ostseestrände.
So erstaunlich ist das nicht. Noch ein Beispiel: Wir sind hier in der Nähe von Prerow, in der DDR war das eine Hochburg der Freikörperkultur. Da behauptete doch tatsächlich mal jemand: Ihr musstet in der DDR nackt baden, ihr hattet nicht genug Textilien für die Badehosen! So primitiv sind manchmal die Auseinandersetzungen mit der DDR.

Das war bestimmt als Witz gemeint.
Sie haben immer eine Entschuldigung. Aber manche Ex-DDR-Bürger sind auch an diesem Punkt empfindsam. Es sind oft Witze auf ihre Kosten, über die können sie nicht lachen.

Können Sie das Faible der ehemaligen DDR-Politiker für Udo Lindenberg erklären, der sich doch in seinem Lied, „Sonderzug nach Pankow“ über sie lustig gemacht hat?
Honecker hat das Lied nicht so empfunden wie Sie. Lindenberg war doch – und ist es noch – ein intelligenter Zeitgenosse, der auch eine wichtige Rolle im Kampf für Frieden und Abrüstung gespielt hat. Honecker, der in seiner Jugend im Saarland in einem Schalmeien-Orchester gespielte hatte, schickte ihm sein Lieblingsinstrument, und Lindenberg revanchierte sich mit einer Lederjacke. Dass es dann nicht mehr zu einer DDR-Tournee kam, bedaure ich heute.

Foto aus den 80ern von Udo Lindenberg (rechts) und Egon Krenz (links) mit aufmunternder Widmung: "Egon, keine Panic".
Foto aus den 80ern von Udo Lindenberg (links) und Egon Krenz (rechts) mit aufmunternder Widmung: "Egon, keine Panic".Foto: privat

Welcher bundesdeutsche Spielfilm über die DDR gefällt Ihnen am besten: „Sonnenallee“, „Good Bye, Lenin!“ oder „Das Leben der Anderen“, der den Oscar gewann?
Die DDR so negativ wie möglich darzustellen, ist heute fast eine Garantie dafür, einen Preis zu bekommen.

Haben Sie diese Filme gesehen?
Natürlich. Wobei ich durchaus einräume, dass es zunehmend auch differenziertere Darstellungen gibt, etwa „Gundermann“ von Andreas Dresen. Selbst wenn die in diesem Film gezeigten Funktionäre durchgängig als gefährliche Trottel erscheinen – ganz ohne Klischees geht's eben noch immer nicht – hat mir der Film sehr gefallen. Ich habe ihn mir in Rostock angeschaut, in meiner Heimatstadt Ribnitz-Damgarten sind mit der DDR auch das Kino und andere Kultureinrichtungen verschwunden.

Wem haben Sie bei der Europawahl Ihre Stimme gegeben?
Ich werde Ihnen sagen, wen ich nicht gewählt habe: Die AfD! Sie ist nämlich nicht wählbar. Auch die CDU, die SPD, die Grünen und die FDP habe ich nicht gewählt. Jetzt können Sie es sich aussuchen: Es handelt sich um die einzige Partei im Bundestag, die zumindest in ihrer Mehrheit eine Friedenspartei und gegen Kriegseinsätze ist. Ich wähle die Linke, auch wenn mich die PDS 1990 ausgeschlossen hat.

Sie haben mal gesagt, dass Sie es schlimmer fanden, aus der PDS ausgeschlossen worden zu sein als ins Gefängnis zu müssen.
Die, die mich ins Gefängnis geschickt haben, waren keine Freunde von mir. Da waren doch die Verhältnisse klar. Aber die, die mich aus der Partei ausgeschlossen haben, waren vorher meine Genossen. Noch vier Wochen zuvor applaudierten sie mir. Da war sehr viel Heuchelei und Kalkül im Spiel. Die damals daran beteiligt waren, reden ungern darüber. Sie denken, ich wüsste über ihre Machenschaften nicht Bescheid. Ich vergesse so schnell nichts, aber kleinbürgerliches Nachtreten ist mir fremd.

Haben Sie mit denen noch Kontakt?
Wie gesagt: Ich bin nicht nachtragend.