Bevölkerungsstudie der Uni Mannheim : Die Akzeptanz für harte Corona-Maßnahmen schwindet

Soziale Kontakte nehmen wieder etwas zu, nur ein Viertel arbeitet im Homeoffice: Ein Forscherteam untersucht, wie die Deutschen die Corona-Krise erleben.

Corona-Maßnahmen: Polizisten kontrollieren an der Außenalster in Hamburg.
Corona-Maßnahmen: Polizisten kontrollieren an der Außenalster in Hamburg.Foto: dpa/Georg Wendt

Die Deutschen halten sich an die Corona-Vorschriften – noch. Der Trend geht dahin, sich wieder öfter mit Freunden und Verwandten zu treffen, gleichzeitig nimmt die Akzeptanz in der Bevölkerung für harte Maßnahmen immer weiter ab. Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Studie, die ein Forscherteam der Uni Mannheim seit dem 20. März durchführt.

Die Sozialwissenschaftlerin und Statistikerin Annelies Blom leitet die Studie, die Teil eines größeren Projekts des Sonderforschungsbereichs „Politische Ökonomie der Reformen“ ist. Bereits seit acht Jahren befragt Bloms Team dafür Menschen, die durch eine zufällige Stichprobe ausgewählt wurden – so sind Deutsche aus allen Bevölkerungsschichten vertreten.

„Diese Zufallsstichprobe ist unglaublich wertvoll“, sagt Blom. „In Deutschland sind wir die einzigen, die so schnell und häufig verlässliche Daten erheben können.“ Rund 3500 Personen befragen die Forscher nun seit dem 20. März zur Corona-Krise, in täglichen Gruppen von etwa 500 Personen. Jeden Tag präsentiert das Team die Ergebnisse der Befragung.

Viele stellten ihre sozialen Kontakte komplett ein

Die Mannheimer Studie zeigt, dass die Deutschen sich größtenteils an die Vorgaben halten. „Ich war sehr überrascht darüber, wie viele Menschen ihre sozialen Kontakte komplett eingestellt oder sehr stark reduziert haben“, sagt Blom. So gaben zu Beginn der Befragung 69 Prozent an, dass sie sich gar nicht mehr mit Freunden, Verwandten oder Arbeitskollegen privat treffen. Vor Beginn der Corona-Maßnahmen lag dieser Wert bei 12 Prozent.

Inzwischen sind die Deutschen aber nicht mehr ganz so streng, 56 Prozent verzichten komplett auf soziale Kontakte. „Das ist natürlich immer noch ein hoher Prozentsatz“, sagt Blom. „Aber wir sehen klar, dass das wieder in die andere Richtung geht.“

Gleichzeitig nimmt die Akzeptanz für harte Maßnahmen ab: Hielten zu Beginn der Umfrage noch über 50 Prozent eine Ausgangssperre für richtig, ist der Wert in den letzten Wochen um 20 Prozentpunkte abgestürzt und liegt jetzt bei 33 Prozent. „Das ist für Sozialwissenschaftler eine riesige Veränderung“, sagt Blom.

„Wenn man diese Zahl gemeinsam mit den zunehmenden Sozialkontakten betrachtet, können wir eine Veränderung der Akzeptanz und des Verhaltens der Menschen seit Beginn der Krise feststellen.“ Auch andere Zustimmungswerte sind zurückgegangen, etwa für Grenzschließungen – obwohl dieser Wert mit 86 Prozent noch immer sehr hoch liegt.

„Ich denke, dass die Politik auf die Akzeptanz in der Bevölkerung achten sollte“, sagt Blom. Es bringe nichts, immer strengere Maßnahmen einzuführen, wenn die Menschen diese immer weniger unterstützen und mittragen. „Ich habe Sorgen, dass gerade zu den Osterfeiertagen hart durchgegriffen wird“, sagt Blom. Die Unterstützung der Bevölkerung brauche man schließlich noch längere Zeit.

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Nur 23 Prozent im Homeoffice

Als mögliche Erklärung für den Rückgang der Akzeptanz nennt Blom drei Faktoren: Je mehr Zeit vergehe, desto mehr fühlten sich die Menschen von den bereits vorhandenen Einschränkungen gestört. Außerdem sei davon auszugehen, dass die Einführung bestimmter Maßnahmen, wie etwa dem Verbot von Großveranstaltungen, zu mehr Akzeptanz führt, da diese Maßnahmen als notwendig angesehen werden – im Gegensatz zu Maßnahmen, die die Politik nicht einführt oder über die sie streitet.

Als Drittes sei der mediale und politische Diskurs ausschlaggebend für die Akzeptanz von Maßnahmen.

Ein Ergebnis der Studie, das viele überraschen dürfte: Viele Menschen gehen noch regulär jeden Tag zur Arbeit, zuletzt haben das 57 Prozent der Befragten angegeben. „Diese Zahl ist sehr konstant, “ sagt Blom. Nur 23 Prozent arbeiten im Homeoffice.

„Ich glaube, dass wir aus den Medien eine verzogene Wahrnehmung haben,“ erklärt Blom diese Zahlen. Gebildete Menschen aus Medien, Politik und Wissenschaft arbeiteten im Homeoffice, weshalb das in der Öffentlichkeit als Normalität gezeichnet würde. „Das ist aber nicht die gesamte Bevölkerung, sondern nur die eigene Umgebung“, so Blom.

Menschen mit niedrigerem Bildungsstand, die keiner computerisierten Arbeit nachgingen, sei das Arbeiten mit Laptop zu Hause aber oft gar nicht möglich. Weitere Folgen der Corona-Krise: Die Zahl der Menschen in Kurzarbeit steigt an, zuletzt auf 10 Prozent der Befragten.

Annelies Blom, Professorin für Data Science in Mannheim.
Annelies Blom, Professorin für Data Science in Mannheim.Foto: L. Kratschmann/Uni Mannheim

Haben Alleinstehende mehr Angst?

Die Forscher haben die Menschen auch gefragt, ob sie Angst empfinden oder nervös sind. „Ich finde es sehr interessant, dass wir da gar keine Veränderung beobachten“, sagt Blom. Der Index sei seit Beginn der Befragung stabil, der Trend gehe eher etwas nach unten.

Man solle aber vorsichtig mit vorschnellen Bewertungen sein, dass die Menschen die Krise gut wegstecken, sagt die Forscherin. „Die Bevölkerung ist sehr divers.“ In den kommenden Tagen und Wochen will das Forscherteam detaillierte Berichte zu verschiedenen Schwerpunkten und Gruppen herausbringen, etwa zu Männern und Frauen, höher und niedriger Gebildeten und verschiedenen Altersgruppen.

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Dann soll etwa auch untersucht werden, ob Alleinstehende mehr Angst haben als Menschen mit mehreren Haushaltsmitgliedern, oder umgekehrt. Gemeinsam mit Gesundheitspsychologen sollen auch die Folgen der Isolation erforscht werden.

Inzwischen meldet auch die Politik immer mehr Interesse an den Daten der Mannheimer Wissenschaftler an. Blom und ihr Team bemühen sich, auch Fragestellungen der politischen Institute mit in ihren Katalog aufzunehmen  „Wir machen keine Auftragsforschung“, betont Blom. „Aber wir wollen natürlich, dass das nützlich ist, was wir hier machen.“