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Lustwandeln. Auf Schloss Wörlitz sieht es aus wie in Kent, dabei ist man gerade mal 130 Kilometer von Berlin entfernt.

© promo/Heinz Fräßdorf

Schloss Wörlitz: Ein Traum von England in Sachsen-Anhalt

In Franz’ Garten: Das älteste klassizistische Schloss Europas steht in Wörlitz. Den prächtigen Bau verdankt der Ort dem alten Fritz.

Als man es schon nicht mehr erwartet, taucht in der kolchosevernarbten Landschaft ein Traum von England auf. Gleich neben der backsteinernen Kirche von Wörlitz liegt er, zwischen Pappeln und Magnolien, versteckt hinter Grün. Eine breite Freitreppe führt zu einem ausladenden, gelb gestrichenen Gebäude, in dessen Mitte vier Säulen ein dreieckiges Vordach halten, als gehöre es zu einem antiken Tempel. Vor der Treppe erstreckt sich ein sauber gestutzter Rasen, und würde am Fahnenmast auf dem Dach des Herrenhauses nicht die europäische Flagge wehen, man könnte für einen Moment glauben, man stünde vor einem Landhaus in Kent und nicht in Sachsen-Anhalt, 130 Kilometer südwestlich von Berlin.

Auf dem Weg von Berlin nach Wörlitz weist nichts darauf hin, dass es am Ende der Reise so feudal werden würde. Die Strecke führt vorbei an Straßendörfern mit Volksbibliotheken, an heruntergekommenen Wohnblocks, ehemaligen Fabriken, an Schildern, auf die jemand mit schwarzer Farbe dick „Wir schaffen das nicht!“ geschrieben hat. Die meisten der Straßen, durch die man an diesem Sonntagvormittag kommt, sind leer. Umso überraschender ist es, dass sich in Wörlitz am Ziel Autos auf den Parkplätzen ineinander keilen, Familien den Bürgersteig entlang spazieren, die Kinder, die Hunde, die Großeltern im Schlepptau. Wie eine Enklave des Lebens liegt die Stadt im ansonsten kargen Umland.

Seit dem späten 18. Jahrhundert steht das Schloss in Wörlitz, erstreckt sich sein Park in die umliegenden Elbauen. Inspiriert durch englische Landhäuser, ist es das älteste klassizistische Schloss auf dem europäischen Kontinent, der umliegende Park der älteste Landschaftsgarten im englischen Stil. Nach langen Renovierungsarbeiten kann man seit wenigen Tagen zum ersten Mal das komplette Gebäude besichtigen.

Hätte der Bauherr seinen Willen durchgesetzt, gäbe es das Schloss wohl gar nicht. Als junger Mann wollte Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, der ab jetzt – der Einfachheit halber – nur noch Franz heißen soll, eigentlich mit seiner Jugendliebe, einer Bürgerlichen, nach England ziehen. Er hatte sich bei einer Reise in das Land verliebt. „Hier ist es möglich, ein Mensch zu sein“, schrieb er in seine Notizen.

Auf breiten Sandwegen knirscht man sich seinen Weg in Richtung Schloss. Ein paar Kinder spielen Verstecken in den großen Büschen, ein altes Pärchen ruht sich auf einer der Bänke aus, die überall im Park verteilt sind. Im ehemaligen Küchengebäude gibt es Kaffee und Kuchen, Nippes und Eintrittskarten für die Führungen. Nur wer an solch einem Rundgang teilnimmt, darf ins Schloss.

Kleine Hefte erzählen die Geschichte der Anlage. Und da bis zum nächsten Rundgang noch Zeit bleibt, setzt man sich auf die Stufen der Freitreppe und liest nach, wie all das entstand. Dass Franz das Schloss baute, verdanken die Wörlitzer dem alten Fritz. Der hielt gar nichts vom Sturm und Drang des jungen Adligen und verordnete ihm eine Zweckehe mit einer passenderen Partie: Franz sollte Prinzessin Luise von Brandenburg-Schwedt, seine Cousine, heiraten. Er gehorchte, blieb Fürst und in Dessau.

Die Sucht nach der Welt verließ den Franz nie

Zeit für den Rundgang. Das Haupttor führt in ein rundes Atrium, in dessen Mitte der Gott Apoll sich nackt auf einer weißen Säule streckt. Am Eingang stehen große Kisten mit riesigen Wollpantoffeln, die muss man über die Schuhe ziehen, damit keine Erde von draußen auf das wertvolle Parkett kommt. Erst dann geht es auf rutschigen Sohlen in die hohen herrschaftlichen Räume.

Fresken und Malereien mythologischer Gestalten schmücken die Decken in den hohen herrschaftlichen Räumen.

© promo/Heinz Fräßdorf

Die Decken schmücken Fresken und Malereien mythologischer Gestalten, die an Pompeji erinnern. Das erzählt die Schlossführerin, denn ausgeschildert ist hier nichts. Zwei Räume sind mit chinesisch anmutenden Drachen und Schriftzeichen verziert, in den meisten anderen Zimmern hängen Gemälde italienischer Meister.

Die Sucht nach der Welt verließ den jungen Adligen nie. Immer wieder ging er auf lange Reisen, meist mit seinem Freund, dem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff. Von 1765 bis 1767 reisten die beiden durch Italien. In Rom und Neapel sahen sie sich an, was es zu besichtigen gab: Prunkpaläste, Göttertempel, Ruinen – Überbleibsel einer Zeit, die sie für besser als ihre Gegenwart hielten. Zwei Jahre nach ihrer Rückkehr von dieser „Grand Tour“ begannen die beiden Herren mit dem Bau des Sommersitzes in Wörlitz.

"Hier ists ietz unendlich"

Der Park hat weder Mauern noch Öffnungszeiten. Hier verliert man sich gern.

© promo/Heinz Fräßdorf

Die oberen Stockwerke sind seit einigen Wochen zum ersten Mal für Besucher geöffnet. Anfangs für Freunde von Franz und ihre Bediensteten gebaut, wohnte hier bis 1926 das letzte Fürstenpaar. Zu Zeiten der DDR befanden sich Büros in den Räumen, danach wurden sie mehrere Jahre renoviert. Wie schon in der unteren Etage ist jedes der Zimmer thematisch anders gestaltet. In zweien hängen Schiffsbilder, in anderen Stadtansichten von Neapel oder Rom. Wieder ein anderes hat die Liebesgeschichte von Amor und Psyche zum Thema. Hier wohnten die Hausdamen der Fürstin.

Vom Belvedere auf dem Dach des Schlosses kann man die Parkanlage sehen. Überall stehen kleine Tempel und Statuen in direkter Sichtachse zum Haupthaus. Gleich am anderen Ufer steht ein weißer Bau. Das sei das Nymphäum, sagt die Dame von der Kulturverwaltung. Man solle mal die Inschrift lesen, die dort in der Wand steht.

Also los.

Anders als viele Herrscher zu seiner Zeit baute Franz sein Schloss nicht nur, um sich im Architektur gewordenen Schein seiner Macht zu sonnen. Die Gärten waren von Anfang an für die Öffentlichkeit zugänglich.

Über 100 Hektar groß ist der Park um das Schloss

Kreuz und quer durch den Park ziehen sich Seen und kleine Kanäle, auf denen große Gondeln ihre Runden drehen. Knapp eine Stunde dauert die Fahrt mit einem der Boote, ein Gondoliere rudert dann bis zu 15 Leute durch die Gewässer, über die Brücken aus Stein oder Holz führen. Inseln liegen im Wasser, die Namen wie Roseninsel und Rousseau-Insel tragen und ihrerseits kleine Parks sind. Eine Minifähre liegt jetzt, am späten Nachmittag, fest vertäut am Ufer neben der Roseninsel. An den Ufern um den See stehen, mit Bedacht hingestreut, weiße Statuen von Göttern und Nymphen und schauen aufs Wasser.

An Land ziehen sich verschlungene Sandwege durch Wäldchen. Über 100 Hektar groß ist der Park um das Schloss, den Franz mit den Einnahmen aus der Landwirtschaft finanzierte. Ein Besucher bräuchte mehrere Tage, um all die kleinen Gebäude und Statuen zu finden, die sich, immer geometrisch zum Schloss natürlich, darin verstecken.

Singvögel lassen die Luft flirren, dazwischen ertönen spitze Schreie von Pfauen durch die Blätter. Mehrere von ihnen leben im Park, und wer genau hinsieht, kann an diesem Sonntag ein Männchen auf einem der Zinnentürme des „Gotischen Hauses“ sitzen sehen. In dem lebten zu Franz’ Zeiten zuerst der Gärtner und später die Geliebte des Fürsten. In einem Wäldchen neben dem Gebäude, das mehr Burg als Haus ist, überdeckt der Geruch von Kirschblüten den Weg, und nur wenig davon entfernt steht noch das große Gewächshaus, in dem Franz früher Palmen wachsen ließ.

Am Nymphäum soll Goethe besonders gerne gesessen haben

Da der Park weder Mauern noch Öffnungszeiten hat, verliert man sich leicht auf diesem Abenteuerspaziergang. Auf einmal hängt der Mond fast voll am Spätnachmittagshimmel, und der Horizont wird golden. Es gäbe noch so viel zu entdecken. Nur schnell um die eine nächste Kurve gehen, rasch hinter die nächste Baumreihe schauen, noch ein wenig länger – hier passt wirklich kein anderes Wort – lustwandeln.

Bleibt nur eins zu tun: Auf dem Weg zurück zum Eingang drängt sich am Ufer ein verwachsener Hügel in den Wald. Zum See hin sind vier hohe, griechische Säulen in den Hügel eingelassen, dahinter öffnet sich ein halbrunder, weißer Raum. Es ist das Nymphäum, das man am Nachmittag schon vom Belvedere sehen konnte.

Und hier liest man dann, auf großen Steintafeln eine Beschreibung dieses Orts, von einem, der das mit dem Schreiben damals besser konnte als die meisten. „Hier ists ietz unendlich. Mich hats gestern Abend wie wir durch die Seen Canäle und Wäldgen schlichen sehr gerührt wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben einen Traum um sich herum zu schaffen. Es ist wenn man so durchzieht wie ein Mährgen das einem vorgetragen wird.“

In geschwungener Schrift steht darunter „Goethe, 14. Mai 1778“.

Acht Mal war der Dichter Gast in Wörlitz, hier am Nymphäum soll er besonders gerne gesessen haben. Von der Kuppe des Hügels blickt man über das Wasser zum Schloss. Hinten beim Gotischen Haus hört das Pfauenmännchen langsam auf zu rufen und der Horizont wird grau. Man bleibt sitzen. Erst als der ganze Himmel schon fast dunkel geworden ist, zieht einen die Landstraße weg vom Schloss, zurück in die Hauptstadt.

Am See neben dem Garten sitzt einsam ein bärtiger Mann und zeichnet eine Amphore, die genauso einsam auf einer kleinen Insel steht. Im Radio singt ein junger Liedermacher von „Imaginary Landscapes“, ausgedachten Landschaften, und der Traum von England wird von der Nacht verschluckt.

Reisetipps für Wörlitz

ANREISE

Auf der A9 kommt man in knapp eineinhalb Stunden von Berlin nach Wörlitz. Wir empfehlen allerdings die Anreise über die B2. Die dauert länger, aber man sieht mehr von der Landschaft. Wer lieber mit dem Zug unterwegs ist, fährt mit der Bahn bis nach Dessau und von dort weiter mit dem Bus oder der Dessau-Wörlitzer Eisenbahn.

ÜBERNACHTEN

Das Hotel „Zum Gondoliere“ liegt nur wenige Gehminuten vom Park entfernt. Die Doppelzimmer sind ab 69 Euro pro Nacht zu haben. Zum Haus gehört auch ein Biergarten. Im angeschlossenen Restaurant wird gutbürgerliche Küche serviert (woerlitz-gondoliere.de).

ESSEN

Direkt am historischen Tor zur Parkstadt liegt das 1787 von Fürst Franz gebaute Café „Zum Eichenkranz“. Dort kann man bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen im Freien sitzen. Der klassizistische Fachwerkbau war 2012 nach einer fast zehn Jahre dauernden Restaurierung wieder eröffnet worden. Torten, Kuchen und Eis gibt es auch in „Monis Konditorei“ (konditorei-woerlitz.de).

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