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Ein Spaziergang durch den Garten: In der Villa Igiea können Besucher unter Palmen und blauem Himmel abschalten.
© Rocco Forte Hotels

Unsere Hotelkolumne: Eine Nacht in der Villa Igiea

Ein Palmengarten am Stadtrand von Palermo: Kaum ein Ort, der fürs Dolce far niente so gut geeignet ist wie dieses Haus, das einst als Sanatorium geplant war.

Die Villa Igiea hätte eigentlich das Krankenhaus am Rande der Stadt werden sollen. Ein Sanatorium für Tuberkulosepatienten, mit Blick auf die Bucht von Palermo, so sah der ursprüngliche Plan aus. Deshalb hat der Architekt Ernesto Basile das Gebäude am Ende des 19. Jahrhunderts dicht an die See gebaut.

Die Kranken sollten die gesunde Salzluft des Mittelmeers einatmen. Doch nachdem britische Kooperationspartner das Gebäude besichtigten, befanden sie: Viel zu groß gedacht, daraus werden wir nie ein profitables Unternehmen machen.

Die Göttin der Gesundheit

Ignazio Florio, wendiger Unternehmer und Gründer der Villa Igiea, improvisierte und eröffnete statt einer Edelklinik das größte Luxushotel Palermos. Im Frühjahr 2021 hat es nach Monaten des Umbaus wiedereröffnet, um genau das wieder zu werden: das erste Haus am Platze.

Der Name des Jugendstilensembles mit Nebengebäuden, Türmchen und Park erinnert noch heute an die Anfänge der ganzen Unternehmung. Igiea (am besten elegant nuscheln „Iddschiea“) ist der italienische Name für die griechische Göttin der Gesundheit, jene sagenhafte Hygiene, nach deren Regeln wir uns nicht erst seit Corona richten.

Ansonsten fehlt zum Glück beinahe jeder Anflug von Krankenhaus. Höchstens die breiten Flure auf den drei Etagen lassen eine Ahnung aufkommen, dass man hier nicht nur Minibarnachschub entlangschieben wollte, sondern Patientenbetten. Im Festsaal, der Sala Basile, hat der Künstler Ettore de Maria Bergler epische Wandmalereien hinterlassen, deren Farben sich in der Inneneinrichtung des Hotels wiederfinden.

Blick in ein Zimmer des Hotels.
Blick in ein Zimmer des Hotels.
© Rocco Forte Hotels

In den Zimmern wandeln Gäste auf Holzdielen, schlafen in Prinzessinnenbetten und trinken ihren Morgenkaffee mit Blick auf die Fährschiffe nach Tunis und Rom. Wäre schön, wenn auch nur ein Vivantes in Berlin diesen Komfort hätte.

Die Villa war einst ein Familienprojekt. Die Florios gehörten zu den reichsten Unternehmern Siziliens, ja des gesamten jungen Italiens. Sie hatten Anteile an der Navigazione, der größten Schifffahrtsgesellschaft Italiens, sie machten Geld im Weinbau, in der Sulfurförderung, mit Thunfischfang und Metallurgieunternehmen. Außerdem besaßen sie Anteile an der Tageszeitung „L’Ora“ („Die Stunde“).

Willkommen in Floriopolis

Der Vater von Ignazio war Senator in Rom, die Mutter eine Baronin. Die Florios galten als moderne Kapitalisten, die wussten, wie man sein Vermögen diversifiziert – und wie man sich beim Volk mit öffentlichen Spenden beliebt macht. Die Familie finanzierte den Bau des Teatro Massimo tatkräftig mit, der berühmten Oper von Palermo.

Was Rockefeller für New York war, bedeutete Florio für Palermo. So sehr, dass Zeitgenossen die Stadt am Ende des 19. Jahrhunderts auch „Floriopolis“ nannten.

Sieht nach Klostertreppe aus, dabei geht es hier nur zu den - sehr herrschaftlichen - Toiletten.
Sieht nach Klostertreppe aus, dabei geht es hier nur zu den - sehr herrschaftlichen - Toiletten.
© Rocco Forte Hotels

Ein bisschen schwelgen in dieser Belle Époque sollen Gäste, die im Labyrinth des Hotels unterwegs sind. Es ist gar nicht so leicht, die richtigen Treppen zum Restaurant zu finden. Geht man die rustikale breite Showtreppe mit dem wuchtigen Holzgeländer hinunter, landet man in der geschmackvollsten Toilette von ganz Sizilien: Die ehemalige Kapelle des Hauses beherbergt nämlich nun die Klos. Andacht und Notdurft, alles im Namen der Reinigung, früher der seelischen, heute der körperlichen.

Es sind hinter der Rezeption beinahe versteckte Stufen, die ins Untergeschoss führen, und hier endlich findet sich der Eingang zu Restaurant, Bar und Park. Den will man als vom grauen Himmel verwöhnter Mitteleuropäer unbedingt sehen. Palmen wachsen in den blauen Himmel, selbst noch im Dezember, es duftet nach Orangenbäumen und Blumen.

Warum es nicht klappte

Träge liegt ein ovaler Pool hinter dem Rasen, dahinter strecken sich falsche römische Säulen einem imaginären Tempeldach entgegen. Von der Mauer aus blicken Gäste aufs Meer hinunter, den Jachthafen, und rechts wartet das Häusermeer von Palermo in gebührender Entfernung.

Denn das erste Haus am Platz steht nicht in der ersten Reihe der Stadt. Die Villa Igiea ist auch nach 120 Jahren Bestehen kein Innenstadtobjekt geworden. So rasant hat sich Palermo nicht ausgebreitet. Und vielleicht ist das einer der Gründe, warum das Luxushotel im Rückblick eine der ersten Unternehmungen der Florios war, die nicht das wurde, was sie versprach.

Alles kam unter den Hammer

Obwohl es zuerst blendend lief. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts amüsierten sich die Adeligen Italiens im Haus, genossen die Abgeschiedenheit an der Küste inklusive sofort erfüllbarer Servicewünsche.

Doch die Folgen des Ersten Weltkriegs ließen das Imperium Florio zusammenschmelzen. Die Werften, wichtigster Profitgarant, mussten verkauft werden, Franca Florios Schmuck wurde in den 1930er Jahren versteigert, die Villa kam ebenfalls unter den Hammer und erhielt einen neuen Hotelbesitzer. Der Familienname galt plötzlich nichts mehr, und auch die Insel drum herum verarmte.

Um die Geschichte Palermos besser kennenzulernen, ist ein Ausflug in die Altstadt geradezu zwingend. Jede Stunde fährt ein Shuttle vom Hotel ins Zentrum, 15 Minuten dauert die Tour, vorbei an Nachkriegsvierteln, der Schiffswerft und manch vermüllter Ecke.

„Das ist unser größtes Problem“, sagt der Fahrer des Minibusses. Die Abfallbeseitigung verläuft in der Stadt mit 670 000 Einwohnern schleppend. Ansonsten aber, betont der gebürtige Palermitano, habe sich vieles gebessert. Noch vor 30 Jahren hatte Palermo einen üblen Ruf, der Mafia-Krieg kostete pro Jahr 300 Menschen das Leben.

Heute gilt die Hafenstadt als sicherste Stadt Italiens. Auch dank des Bürgermeisters Leoluca Orlando, der eine strikte Anti-Mafia-Politik betreibt, unterstützt von weiten Teilen der Bevölkerung. Dafür zahlt er einen hohen Preis: Bis heute steht er unter Polizeischutz.

Im Teatro Massimo trifft sich die Gesellschaft Palermos, um Opern und Klatschgeschichten zuzuhören.
Im Teatro Massimo trifft sich die Gesellschaft Palermos, um Opern und Klatschgeschichten zuzuhören.
© Rocco Forte Hotels

Der Kleinbus hält nahe dem Teatro Massimo, errichtet vom selben Architekten wie die Villa Igiea. Hier kann man die Parallelen studieren, die feinen, häufig dunklen Jugendstilfresken im Innern, die opulenten Treppen. Vielleicht steht am Abend „La Bohème“ von Puccini auf dem Spielplan, jene Geschichte um zwei Künstler in Paris, die um Liebe, Karriere und die Monatsmiete kämpfen. Die Oper zählt zu den meistgespielten der Welt.

Als es 1896 seine Premiere in Turin feierte, floppte das Werk. Erst mit der Aufführung in Palermo, vier Monate später, kam der weltweite Durchbruch. Bis heute sind Teatro Massimo und der Künstlerschinken eng miteinander verbunden. Die Vorstellungen sind voll, die Darsteller singen kraftvoll, nur die Statisten auf der Bühne tragen Masken und erinnern an die Vorgaben der Igiea.

Im Zentrum von Palermo erleben Besucher, was aus den Mitstreitern der Florios geworden ist. Viele adelige Familien gingen nach zwei Weltkriegen bankrott, die großen Häuser verfielen, wurden verkauft oder vermietet. Es ist eine wunde Stadt, bis heute. Marode, morbide, müde von der Vergangenheit. Könnte ganz Palermo nicht eine Kur machen?

Und manchmal scheint ein Regenbogen übers Mittelmeer.
Und manchmal scheint ein Regenbogen übers Mittelmeer.
© Ulf Lippitz

Einige Palazzi haben wenigstens neue Besitzer gefunden, die ihnen Leben einhauchen. Beispielsweise der Palazzo Butera, fast unten am Hafen. Eine Empfehlung von Alessandro, dem Concierge des Igiea, ein Palermitano, der seine Tipps gern weitergibt. Der Palazzo beherbergt heute eine riesige Kunstsammlung. Einige Zimmer haben die neuen Besitzer originalgetreu restauriert, in anderen hängen moderne abstrakte Gemälde an nackten Wänden.

Unbedingt vorbeischauen sollte man auch im Kloster Santa Catarina, rät Alessandro. Nein, nicht um die religiöse Kunst zu bestaunen, sondern um die Konditorei im ersten Stock zu besuchen. Dort backt eine junge Kooperative Zitronenkekse, Aprikosenmarzipanbällchen oder Schokotorte nach traditionellen Rezepten. Es ist ein süße Wucht!

Abends, zurück in der Villa, offenbart sich ein großer Vorteil der etwas abseitigen Lage. Wenn nachts halb Palermo durch die Straßen zieht und manchmal Schweinereien in die Nacht brüllt, rauscht vor der Villa höchstens das Meer.

Reisetipps: Ryanair fliegt zwei Mal wöchentlich direkt nach Palermo, Tickets ab 55 Euro im günstigsten Tarif. Nach der Winterpause öffnet die Villa Igiea wieder im März, Doppelzimmer kosten ab 360 Euro pro Nacht. Mehr Details unter roccofortehotels.com. Die Reise wurde unterstützt von Rocco Forte Hotels.

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