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Ein Mann und fünf Namen: Zu Kurt Tucholskys zehntem Todestag
Vor achtzig Jahren würdigte Tagesspiegel-Gründer Walther Karsch, selbst einst leitender Redakteur der „Weltbühne“, den Berliner Schriftsteller und Publizisten.
Stand:
Es gibt wohl wenige Schimpfworte, mit denen Kurt Tucholskys Gegner ihn nicht bedacht haben, ihn, der von allen polemischen Schriftstellern, über die die deutsche Literatur überhaupt verfügt, einer der interessantesten, bestimmt aber der vielgestaltigste war. So etwas ist in Deutschland immer verdächtig gewesen. Was sich nicht einreihen, sich nicht katalogisieren läßt, das haben die ordnungsliebenden Deutschen von jeher beargwöhnt. Die vier Pseudonyme, die Tucholsky für sich erfand, dienten in der ersten Zeit allein dem Zweck, seinen Namen nicht drei- oder gar viermal in der gleichen Nummer der „Weltbühne“ auftauchen zu lassen. Dann aber wurde ein ganzes System daraus, so daß jeder Kenner, der seine Sammelbände zur Hand nimmt, auch heute noch ohne viel Mühe herausspürt, was von den Beiträgen einst mit Ignaz Wrobel, was mit Peter Panter, was mit Kaspar Hauser signiert war — abgesehen von den Gedichten, die ja alle vom Theobald Tiger stammen. Und doch sind sie alle Kurt Tucholsky. Sie alle sind durchweht von der gleichen göttlichen Frechheit, dem gleichen beißenden Witz, der gleichen kämpferischen Angriffslust, der gleichen Unerbittlichkeit des Denkens und Fühlens sich und den anderen gegenüber, der gleichen stilistischen Klarheit.
Was ihn bestimmte, den einen Beitrag unter diesem, den anderen unter jenem Namen erscheinen zu lassen, war mehr die dem Thema zugedachte, von dem Thema geforderte Behandlungsart. Da ist zum Beispiel der Ignaz Wrobel. Ein bösartiges stacheliges Etwas, das kein gutes Haar an dem Gegenstand seiner Kritik läßt. Und zugleich ein Kämpfer, der sich mit seiner ganzen Ueberzeugungskraft für eine von ihm als gut und richtig erkannte Sache einsetzt. Wrobels Witz war tödlich. Der Steckbrief, den er zum Beispiel dem unsäglichen Machwerk ,,O. S.“ des unsäglichen Arnolt Bronnen ausstellte, war vollkommen. Schon die Ueberschrift: „Ein besserer Herr“, und dann, wie das anfängt: „Da laßt mich mal ran! Dieses Buch will besprochen sein“, das war allein schon Signal für eine Abfuhr, wie sie nicht gründlicher und zugleich nicht überlegener sein konnte. Dabei war diese Gründlichkeit ohne jenen unangenehmen tierischen Ernst, der so viel Streitschriften unlesbar macht. Es fehlte hier aber zugleich jenes nicht weniger unerträgliche Gekeife, das bei gewissen Leuten den Mangel an polemischem Talent ersetzen soll. Was da stand, war durchdacht und gut durchdacht. Und es war dargebracht in einer Form, die den Leser nicht mehr losließ, ihn ärgerte, ihn amüsierte, ihn anzog und abstieß, ihn reizte und ihn auf jeden Fall zwang, Absatz für Absatz, Zeile für Zeile, Wort für Wort aufmerksam zu studieren.
Mit der gleichen Intensität aber, mit der Tucholsky hassen konnte, vermochte er zu lieben und für das Geliebte zu kämpfen. Ehrlichkeit gebot dabei, das Geliebte zuweilen auch zu züchtigen, wenn es ihm auf Abwege zu gehen schien. Wrobel war Pazifist, was ihn nicht hinderte, die Fehler des Pazifismus, oder sagen wir besser: der Pazifisten, schonungslos zu kritisieren, aber mit einer Schonungslosigkeit, in deren Unterton die Liebe schwang. Wrobel war Sozialist, was ihn nicht hinderte, seinen Gesinnungsfreunden die ganze Wahrheit zu sagen, wenn sie es verdienten; doch immer so, daß man hinter dem Spott die Trauer des Liebenden um die Unvollkommenheit des geliebten Wesens spürte. Sein ganzer Haß aber galt dem Militarismus. Was er hier in Angriff und Abwehr geschaffen hat, hätte für alle Zeiten die Deutschen davor behüten sollen, sich noch einmal dem Ungeist des Militarismus zu verschreiben. Sie wollten auf ihn und auf uns nicht hören und mußten’s daher zu fühlen bekommen.
Bearbeitete der Wrobel seine Gegner mit Aetze und Schwefelsäure, gleichgültig, wie hoch der Dreck spritzte, in den er da stach, so zog Peter Panter gewissermaßen ein Spitzenjabot an. Was er da zuweilen „Auf dem Nachttisch“ aufspießte und ans Licht hielt, das verbrannte an den Funken seines eleganten Witzes, der aber nie verletzen, sondern nur ankratzen, nur pieken, nur reizen wollte. Mit einigen wenigen Worten entstand in diesen Besprechungen ein Bild des Buches, des Autors vor uns, das uns sein Wesen und seine Substanz bloßlegte, so daß wir ihn lieben oder ablehnen mußten, so wie er ihn liebte oder ablehnte. Und die andere Seite dieses Panters, die das Lottchen oder die Schnipsel schuf? Was für ein herrlicher Unsinn! Hier schien einer über die ernstesten und gewichtigsten Dinge hinwegzutändeln. Es schien aber nur so. In Wahrheit steckte hinter all diesen äußerlich so luftigen und lustigen Aphorismen und Weisheiten, hinter diesem gütigen Spott die Erkenntnis um den letzten Ernst auch der leichtesten Dinge. Dieser Peter Panter hat wahrhaft das Schwere leicht und das Leichte schwer gemacht.
Schier unausmeßbar aber ist das Wesen Kaspar Hausers. Kein Zufall, daß sich Tucholsky gerade dieses Namens bediente, des Namens eines Menschen, der, von der Außenwelt abgeschnitten, in einer eigenen Welt lebte. Das ist wirklich eine eigene Welt, der unvergeßliche Herr Wendriner, der bittere Ulk über „Die soziologische Psychologie der Löcher“, der eine gewisse Kategorie geisteswissenschaftlichen Geschwafels ad absurdum führte, und dann jene Serie des „Nachher“, jene tiefgefühlten und tiefgedachten Zwiegespräche im Himmel über die letzten Dinge, „Nachher“, wenn alles vorbei ist und man von oben auf das Getriebe sieht und sieht, wie ein weiser Gott, ein lieber alter Mann, es gerade so und nicht anders lenkt, den ganzen Ernst des Daseins und die ganze Lächerlichkeit des Daseins. Eine lächelnde Philosophie, die nichts Reales mehr wichtig nimmt und doch zugibt, wie wichtig es für die Lebenden war, ist und sein wird.
Und im Theobald Tiger sind sie alle drei vereint. Da verspritzt der Wrobel seine Sarkasmen, da reitet er erbarmungslos seine Todfeinde zu Boden, da erheitert sich der literarische Peter Panter an den kleinen und großen Schwächen der Menschen und der Oeffentlichkeit, da geistert Kaspar Hauser in den Abgründen und Möglichkeiten der menschlichen Seele und des menschlichen Geistes, des Weltalls und Gottes umher, schwingt so weit aus dem Ich heraus, daß er sein eigenes Begräbnis zu Versen zu verdichten vermag. Das seine fand vor zehn Jahren in der Fremde statt. Fast drei Jahre waren seit der „Machtergreifung“ vergangen, drei Jahre hatte er geschwiegen, hatte keine Zeile veröffentlicht. Dann ging er hin und löschte sich aus. Ein körperliches Leiden, das ihn schon vorher von Arzt zu Arzt getrieben hatte, mag der äußere Anlaß gewesen sein. Der innere: wir besitzen einen Brief, den er kurz vor seinem Tode an Arnold Zweig geschrieben hat — ein bitteres, ein böses Dokument. Ein Dokument der Anklage gegen die Emigration — ungerecht gegen manche, treffsicher gegen jene, die sich in der Emigration ein Luftschloß bauten, in dem sie Deutschland spielten; ein Deutschland, das es nicht mehr gab. Die Satire braucht die Resonanz von da, woher sie ihren Stoff bezieht. Empfänglich für jede Kritik, wo sie sachlich berechtigt war, hat Tucholsky, der schon lange vor 1933 im Ausland lebte, es immer mit Dank aufgenommen, wenn ihm der Herausgeber der Weltbühne, Carl von Ossietzky, zu einem seiner Manuskripte schrieb: hier habe er etwas schief gesehen, und dieser Ton da könne kein Echo mehr in unserer Situation finden. Wie aussichtslos, nun in der völligen Isolierung, angewiesen nur auf die Zeitungen, das Radio oder auf die spärlichen Informationen von Menschen, die aus Deutschland kamen, den Kampf fortzuführen. Kampf? Dazu gehören zwei. Wenn aber der andere, der zweite, nicht erreichbar ist, dann werden die Hiebe in die Luft geführt, und die verhält sich völlig indifferent. Ging es uns hier nicht ähnlich? Manchmal, wenn es uns im „Tausendjährigen Reich“ zu toll wurde, setzten wir uns an den Schreibtisch, spitzten den Bleistift und wollten ihn dem Gegner in die Brust stechen. Doch da der uns nicht den Gefallen tat, sie uns darzubieten, mußten wir ins Leere stechen. Was dabei herauskam, wanderte meist bald in den Papierkorb.
Das gleiche Gefühl mag Tucholsky gehabt haben, als er sich entschloß, die Feder niederzulegen. Gewiß: er hätte weiterschreiben können, im Stil der „Reise nach Rheinsberg“, des „Pyrenäenbuches“ oder von „Schloß Gripsholm“. Tucholsky hätte dies bestimmt als eine Flucht von den wesentlichen Elementen seines Könnens angesehen und verzichtete deshalb darauf.
Da stehen sie nun wieder in unseren Schränken: „Mit 5 PS“, „Das Lächeln der Mona Lisa“, „Lerne lachen ohne zu weinen“ und „Deutschland über alles“. Wir blättern darin, wir erinnern uns: so war es; wir lächeln, wir lachen laut auf. Wir, die wir die Zeit erlebt haben. Und erkennen plötzlich, daß das meiste nicht mehr in die Gegenwart passen will. Große Anlässe von einst sind nebensächlich geworden. Perspektiven haben sich verschoben, es stimmt nur noch an wenigen Stellen, Vom Inhaltlichen her. Doch wenn erst die Form sich mit der richtigen Patina überzogen haben wird, dann werden die Anlässe gleichgültig sein; so gleichgültig wie die Themen Heines und Börnes. Bleiben wird die beißende Satire, der glänzende Witz, die scharfsinnige Durchleuchtung der Menschen und Dinge. Literarisches Vermächtnis eines Mannes, der wenige Tage, nachdem er am 9. Januar 1936 sechsundvierzig Jahre alt geworden war, die Welt die er nicht mehr verstand und die ihn nicht mehr verstehen wollte, verließ. Zu ehrlich, um sich etwas vorzumachen. Zu groß, um sich in Kleinigkeiten zu verlieren.

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