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Getöteter Junge im Frankfurter Hauptbahnhof : Mutmaßlicher Täter ist Vater von drei Kindern

Die Ermittlungen zu der Tat auf dem Frankfurter Hauptbahnhof gehen voran. Der mutmaßliche Täter soll dem Haftrichter vorgeführt werden.

Gedenken am Tatort
Gedenken am TatortFoto: Frank Rumpenhorst/dpa

Die Ermittler im Fall der tödlichen Attacke auf einen Achtjährigen im Frankfurter Hauptbahnhof haben Details über den Tatverdächtigen veröffentlicht. Der Mann, der den Jungen am Montag mit einem Stoß vor einen einfahrenden ICE getötet haben soll, ist ein verheirateter Familienvater.

„Er soll seit 2006 in der Schweiz leben, er soll verheiratet sein und Vater von drei Kindern sein“, sagte eine Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft am Dienstag. „Er hat angegeben, er sei vor wenigen Tagen von Basel mit dem Zug nach Frankfurt gefahren.“ In Deutschland sei er bislang nicht polizeibekannt gewesen. Er lebte bis zuletzt im Kanton Zürich in der Schweiz, teilte die dortige Polizei am Dienstag via Twitter mit.

Der Mann mit eritreischer Staatsbürgerschaft sei im Besitz einer sogenannten Niederlassungsbewilligung gewesen. Diese wird Ausländern in der Schweiz nach einem Aufenthalt von fünf oder zehn Jahren im Land ausgestellt. Niedergelassene haben damit laut dem Staatssekretariat für Migration ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht.

Der 40-Jährige soll am Montag einen achtjährigen Jungen vor einen einfahrenden ICE in den Tod gestoßen haben. Auch die Mutter des Jungen soll er ins Gleisbett gestoßen und es bei einer weiteren Person versucht haben. Die Mutter aus dem Hochtaunuskreis wurde verletzt. Die dritte Person konnte sich in Sicherheit bringen, ohne auf die Gleise zu stürzen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts des Mordes und des versuchten Mordes. Der Tatverdächtige soll am Dienstag dem Haftrichter vorgeführt werden. Erkenntnisse zum Tatmotiv gibt es bisher nicht: Der Verdächtige habe noch keine Angaben zum Tatgeschehen gemacht. Hinweise, dass der Mann unter Alkohol oder Drogeneinfluss gestanden habe, habe die Staatsanwaltschaft bislang nicht. Eine erste Atemkontrolle auf Alkohol nach der Tat habe 0,0 Promille ergeben, sagte die Sprecherin.

Zur Frage nach dem Gesundheitszustand des Verdächtigen sagte sie: „Die Tat spricht ja schon dafür, dass man an eine psychische Erkrankung denkt.“ Geplant seien psychiatrische Gutachten, um zu ermitteln, inwieweit der Mann schuldfähig war.

Einen Zusammenhang zu der Tat in Wächtersbach gibt es demnach derzeit nicht. In der hessischen Kleinstadt hatte ein 55 Jahre alter Deutscher vergangene Woche auf einen Eritreer geschossen und schwer verletzt. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, sagte die Sprecherin. So würden noch Zeugen vernommen und Videomaterial ausgewertet.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) unterbrach seinen Urlaub und will sich „angesichts mehrerer schwerwiegender Taten in jüngerer Zeit“ am Dienstag in Berlin mit den Chefs der Sicherheitsbehörden beraten. Die Ergebnisse wird er auf einer Pressekonferenz um 15 Uhr vorstellen.

Bei dem Treffen soll es nach dpa-Informationen neben der Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof auch um Angriffe und Drohungen gegen Vertreter der Linkspartei gehen, um Bombendrohungen gegen Moscheen sowie den rassistisch motivierten Angriff auf einen Eritreer im hessischen Wächtersbach.

Entsetzen am Tatort

Am Tatort herrschte am Dienstag Entsetzen. Zahlreiche Menschen legten am Bahnsteig 7 des Hauptbahnhofs Blumen, Kerzen und kleine Teddybären nieder. Am Abend soll es im Bahnhof eine öffentliche Andacht geben, an der Vertreter von katholischen und evangelischen Gemeinden teilnehmen.

Die Attacke im Hauptbahnhof löste auch eine Debatte über die Sicherheit an Bahnhöfen aus. Der CDU-Innenpolitiker Philipp Amthor sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Nach dieser furchtbaren Straftat braucht es jetzt rasche und spürbare Konsequenzen für den Täter. Zusätzlich zum Strafverfahren sollten auch aufenthaltsbeendende Maßnahmen diskutiert werden. Darüber hinaus bin ich offen für eine Diskussion über bessere Sicherheitsvorkehrungen an unseren Bahnhöfen.“

Der SPD-Verkehrsexperte Martin Burkert bemängelte in der „Bild“-Zeitung (Dienstag) eine unzureichende Aufsicht an den Bahnsteigen, außerdem fehle es an den Bahnhöfen an Bundespolizisten. Aus Sicht der Vorsitzenden der Verkehrsministerkonferenz, Anke Rehlinger (SPD), sind Taten wie in Frankfurt durch Sicherheitsmaßnahmen allerdings nicht zu verhindern. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Dienstag) sagte die saarländische Verkehrsministerin: „Eine solche Tat offenbart keine Sicherheitslücke, sondern eine Menschlichkeitslücke.“

Der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, warnte unterdessen vor Nachahmungstätern. Aus Großstädten wie Berlin seien Fälle sogenannter S- und U-Bahn-Schubser schon länger bekannt. „Die Polizei versucht sich nach jedem Fall präventiv besser einzustellen. Bei Taten, die vorsätzlich geschehen, stößt sie jedoch an ihre Grenzen“, sagte Radek dem RND. Angesichts von 5600 Bahnhöfen und Haltestellen in Deutschland dürfe nicht mit schnellen Lösungen gerechnet werden. „Die sind alle so unterschiedlich strukturiert, dass es schwer sein dürfte, ein Konzept für alle zu entwickeln.“ Forderungen nach mehr Personal bezeichnete der GdP-Vize als unseriös.

Der Frankfurter Fall erinnert an eine Attacke, die sich vor gut einer Woche in Voerde in Nordrhein-Westfalen ereignet hatte: Dort hatte ein Mann eine Frau an einem Bahnhof vor einen Zug gestoßen und so getötet.

Grüne und FDP mahnen zur Besonnenheit

Grüne und FDP mahnten zur Besonnenheit. „Wir sollten einen Moment innehalten und uns fragen, wie wir mit solchen Taten umgehen“, sagte die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt. „Aus furchtbaren Taten und Leid dürfen nicht Hass und Hetze entstehen. Ruhe, Vernunft und Besonnenheit sind angesagt und, wie es gestern in Frankfurt geschah: Hilfe, Solidarität, Mitgefühl und Zusammenstehen.“

Der stellvertretende FDP-Frakionsvorsitzende Stephan Thomae forderte eine umfassende Aufklärung. „Erst wenn alle Tatsachen auf dem Tisch liegen, sind die rechtlichen Konsequenzen zu ziehen. Vorschnelle Bewertungen verbieten sich.“ Es müsse über Möglichkeiten zur Verbesserung der Sicherheit an Bahnhöfen nachgedacht werden.

Vertreter der AfD wiesen auf die eritreische Staatsangehörigkeit des mutmaßlichen Täters hin. „Der Staat macht immer wieder deutlich, dass er auch seine Jüngsten nicht mehr schützen kann oder will. Immer häufiger werden so Deutsche zu Schutzsuchenden in einem Land, in dem es für sie keinen Schutz mehr gibt“, sagte der Bundestagsabgeordnete Stephan Protschka. AfD-Vize Georg Pazderski erklärte: „Der tote Achtjährige vom Frankfurter Hauptbahnhof ist ein Fanal und muss die lange überfällige sicherheitspolitische Kehrtwende auslösen.“ (dpa)