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Seine Passion. Gustl Mollath (links), begeisterter Motorsportler, trainiert heute manchmal Hobby-Rennfahrer bei Lehrgängen.

© Patrick Guyton

Neun Monate in Freiheit: Gustl Mollath und das Leben nach der Psychiatrie

Es war einer der größten Justizskandale in Deutschland. Seit neun Monaten ist Gustl Mollath frei und auf der Suche nach seinem neuen alten Leben.

Sorgsam überprüft er, ob der Beifahrer auch richtig angeschnallt ist. Dann erst fährt er mit dem 16 Jahre alten, silbernen Mercedes-Coupé vor zur Rennstrecke. Sieben Autos folgen ihm. Er biegt ein auf die Piste und drückt so plötzlich aufs Gas, dass einen die Beschleunigung in den Sitz presst. Draußen rasen die grünen Hügel des fränkischen Steigerwaldes vorbei. Er bremst scharf, eine Rechtskurve. Wieder Gas, Bremse, 90 Grad nach links, Haarnadelkurve rechts.

Der Mann am Steuer ist Gustl Mollath. Siebeneinhalb Jahre saß der Nürnberger in der geschlossenen Psychiatrie. Sein Name steht für einen der größten Justizskandale in Deutschland. Mollath hatte Schwarzgeldverschiebungen seiner Ex-Frau, einer Bankerin, angezeigt und war darauf als „Wahnkranker“ eingewiesen worden. Im vergangenen Jahr sorgte der Fall bundesweit für Empörung, als sich die Anschuldigungen im Nachhinein als wahr herausstellten. Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) musste ihr Amt aufgeben. Am 6. August 2013 wurde Mollath entlassen. Nach heftiger öffentlicher Kritik war dem Antrag auf einen erneuten Prozess, die Wiederaufnahme des Verfahrens, stattgegeben worden. Nun wird vom 7. Juli an in Regensburg erneut verhandelt.

Es ist ein Tag im Mai. Mollath schaltet, schaut in den Rückspiegel. „Die hinter uns sind schon zu schnell“, sagt er. Man hört das Quietschen der Reifen der verfolgenden Autos. „Da bricht das Rennfieber durch“, sagt er. Mollath ist heute einer von drei Rennfahr-Instruktoren auf der Übungsstrecke des ADAC-Fahrsicherheitszentrum im fränkischen Schlüsselfeld. Die Schulung hat 23 Teilnehmer, die ihren Lehrer „den Gustl“ nennen. Veranstaltet wird der Rennfahrer-Lehrgang von einer Schweinfurter Firma, die Oldtimer und Sportwagen verkauft und repariert. Mollath kennt die Leute, früher ist er selbst Rennen gefahren. In der Szene gilt er als guter Oldtimer-Fahrer, der anderen etwas beibringen kann. Ein Freund hat ihn für den Job empfohlen. Mollath macht ihn ohne Bezahlung, er selbst hat seinen Spaß dabei.

Etwas fülliger ist er geworden

Der 57-Jährige ist ein wenig fülliger geworden, das Haar grauer seit der letzten Begegnung im November 2012. In Bayreuth war das. Hinter den Gittern der Anstalt, in der Mollath saß und wo der Besucher an der Pforte alles abgeben musste bis auf Kleidung, Notizblock und Kugelschreiber. Geredet wurde in einem kargen Besucherzimmer. Mollath verweigerte damals die Einnahme von Psychopharmaka und lehnte Therapieangebote ab. Er schottete sich ab, so weit es nur ging.

Jede Nacht wurde die Zelle mehrmals mit einer Taschenlampe ausgeleuchtet – um zu sehen, ob er noch da war und sich nichts angetan hatte. Mollath hatte dadurch erhebliche Schlafprobleme. Von dem Taschengeld, das er bekam, kaufte er sich hauptsächlich Briefmarken, um an alle erdenklichen Kontakte in der Außenwelt zu schreiben und auf seine Lage aufmerksam zu machen.

Oldtimer und Tagungen: Sein Terminkalender ist voll

Neun Monate sind nun vergangen, seit Mollath mit einer Topfpflanze unter dem Arm aus der Psychiatrie vor die Kameras trat. Wie geht es ihm heute? Nach dem Fahrtraining bestellt er mit großem Genuss ein Glas Weißwein zum Essen. An Weihnachten hatte er für sich alleine eine Gans gebrutzelt – „bio, der Preis dementsprechend“. Sein Terminkalender ist ziemlich voll: Er widmet sich den Oldtimern und dem Automobilsport, lässt dabei alte Beziehungen wieder aufleben. Er nimmt an Veranstaltungen teil, in denen es um Kritik an der Psychiatrie geht. Er war im Theater Würzburg bei der Premiere des Stückes „Mollath – Neues von der bayerischen Justiz“. Darin wird mit Originaldokumenten – Psychiatriegutachten, Gerichtsentscheiden – dargestellt, wie ein Einzelner dem geschlossenen Block der Institutionen ausgeliefert ist.

Auf der Rennstrecke wird viel gelacht an diesem Tag. „Gibt es noch Fragen?“, will ein Organisator am Beginn der Schulung wissen. „Welcher Chirurg hat heute Dienst?“, fragt Mollath trocken. Zwischen den Rennrunden erzählt er Oldtimer-Anekdoten. Mollath sei „ein wandelndes Lexikon des Automobilsports“, sagt sein Freund Edward Braun, ein Zahnarzt aus Bad Pyrmont.

Quer durch Europa sind sie gefahren

Früher hatten Mollath und Braun manche solcher gemeinsamen Auto-Tage erlebt. Quer durch Europa sind sie gefahren, um an Oldtimer-Rennen teilzunehmen. An den Ferrari-Stammsitz etwa nach Maranello. Oder nach Sizilien. 1989, erinnert sich Braun, sei dort Mollaths damalige Ehefrau Petra auf einem schwierigen Rennparcours seine Beifahrerin gewesen. „Die hatte Nerven, die hat nicht ein Mal gezuckt.“ Doch mit den gemeinsamen Ausfahrten war es vorbei, als Mollath 2006 vor Gericht landete. Er soll seine Ehefrau schwer zusammengeschlagen und die Reifen der Autos von jenen zerstochen haben, die er in dem Ehestreit als Freunde seiner Frau ausgemacht habe.

Am 8. August 2006 wurde er vom Landgericht Nürnberg vom Vorwurf der schweren Körperverletzung und der Sachbeschädigung zwar freigesprochen – aber nur wegen angeblicher Schuldunfähigkeit. Der psychiatrische Gutachter Klaus Leipziger bescheinigte Mollath eine „paranoide Wahnsymptomatik“ in Bezug auf die Schwarzgeldverschiebungen. Das brachte ihn in die Psychiatrie. Erst im November 2012 wurde ein jahrelang unter Verschluss gehaltener Bericht der Hypo-Vereinsbank bekannt. Darin hieß es über Mollaths Anschuldigungen: „Alle nachprüfbaren Behauptungen haben sich als zutreffend herausgestellt.“

Vor dem Prozess hatte es einen langjährigen „Rosenkrieg“ gegeben, wie Mollath es bezeichnet. Er warf seiner Frau Petra, die als Vermögensberaterin bei der Nürnberger Filiale der damaligen Hypo-Vereinsbank arbeitete, vor, für die Kunden hohe Summen als Schwarzgeld illegal in die Schweiz zu transferieren. Das habe er mit seinem Gewissen und seiner Auffassung von Recht und Gesetz nicht mehr vereinbaren können.

Mollath zeigte seine Frau und viele ihrer Kunden an

Als die Beziehung völlig zerstört war, zeigte Mollath seine Ex-Frau und viele ihrer Kunden wegen des Schwarzgeldes an, er verschickte Papiere mit vielen Behauptungen, Namen und Zahlen an die Staatsanwaltschaft, an Gerichte, an Politiker. Ohne Erfolg. Petra Mollath ließ sich 2002 ein Attest schreiben über eine angebliche tätliche Auseinandersetzung im Jahr 2001. Eine ihr bekannte Psychiaterin bescheinigte der Ehefrau 2003, dass Mollath „mit großer Wahrscheinlichkeit an einer ernst zu nehmenden psychischen Erkrankung“ leide. Die Ärztin hatte Mollath nie gesehen, einzige Quelle für ihre Ferndiagnose waren die Berichte der Frau.

2010 erreichte Edward Braun ein Brief von Mollath aus der Psychiatrie. Ein Hilferuf. Da erinnerte er sich, was ihm Petra Mollath 2002 am Telefon gesagt hatte, mitten im Scheidungskrieg: „Wenn Gustl meine Bank und mich anzeigt, mache ich ihn fertig. Ich habe sehr gute Beziehungen. Dann zeige ich ihn auch an, das kannst du ihm sagen. Der ist doch irre, den lasse ich auf seinen Geisteszustand überprüfen, dann hänge ich ihm was an, ich weiß auch wie.“ Braun hat dies in einer eidesstattlichen Versicherung erklärt. Petra M., die nach erneuter Heirat einen Nachnamen trägt, der auch mit einem „M“ anfängt, widerspricht dieser Darstellung in einem Zeitungsinterview. Seitdem schweigt sie.

"Lebensentscheidend": Worum es Mollath in dem neuen Verfahren geht

Mollath verlässt die Rennstrecke, stellt den Motor ab, steigt aus dem Coupé. „Das Auto hat mir der Eddie geliehen“, sagt er . Das ist ihm ganz wichtig – „nicht dass die Leute denken, dass mich der Reichtum überkommen hat“. Mollath wirkt gelöst an diesem Tag. Nur wenn das Gespräch auf den bevorstehenden Gerichtstermin kommt, ist er angespannt.

Gleich zu Beginn des Verfahrens wird es wohl Streit geben über eine erneute psychiatrische Begutachtung. Den vom Gericht beauftragten Münchner Forensik-Professor Norbert Nedopil lehnt Mollath ab. Er will auch nicht, dass dieser im Verhandlungssaal sitzt: „Wie soll ich mich da verhalten, wenn ich weiß, dass der mich beobachtet?“

Am Ende könnte er wieder als psychisch krank eingestuft werden

Der Prozess sei für ihn „lebensentscheidend“, sagt Mollath. Zwar kann ihn nichts anderes als ein Freispruch erwarten, da eine Verschlechterung zum vorherigen Urteil nicht zulässig ist, aber theoretisch wäre denkbar, dass er am Ende erneut als psychisch krank und gemeingefährlich eingestuft werden würde. In 17 Verhandlungstagen mit vorerst 42 Zeugen soll herausgearbeitet werden, was am 8. August 2006 in dem nur zwei Stunden langen Prozess womöglich alles falsch gelaufen ist. Da ist etwa der damalige Richter Otto Brixner, der Mollath häufig angebrüllt haben soll. Das sagt nicht nur Mollath, Prozessbesucher bestätigen es. Brixner war bekannt mit Petra M.s neuem Ehemann Martin. Vor dem Prozess sollen sie miteinander gesprochen haben. Die damalige 106-seitige Verteidigungsschrift Mollaths, in der er auch konkrete Anschuldigungen vorbrachte, hatte Brixner gar nicht gelesen, das gab er vor dem Untersuchungsausschuss im Bayerischen Landtag zu.

Aus der Tasche guckt Lurchi, am Reißverschluss hängt Asterix

Gustl Mollath trägt an diesem Tag auf der Auto-Teststrecke Turnschuhe, Jeans und einen dunkelblauen Anorak. Eine Lurchi-Figur lugt aus seiner Tasche, am Reißverschluss hängt ein Asterix-Figürchen – der Gallier mit ausgestrecktem Schwert. Als Beifahrer coacht er nun einen jüngeren Arzt aus Bayern, der einen Oldtimer fährt. Der erzählt, dass er damals, als der Fall für Aufsehen sorgte, bei der Menschenrechtsbeauftragten der bayerischen Ärztekammer protestiert habe. „Ich fand das unerträglich“, sagt er. „Ich habe mich fremdgeschämt.“

Wut und Schmerzen: Was Mollath über die Zeit in der Psychiatrie denkt

Mollath freut sich über den Zuspruch. Er gibt ihm Kraft. Doch sie reicht noch nicht, sich großen Teilen seiner Vergangenheit zu stellen. Es besteht kein Kontakt zur Ex-Frau, die verkündet hatte, sie habe noch ein paar Kisten mit Gegenständen von ihm, sie seien nur „einen Anruf entfernt“. Da müsse er aufpassen, sagt er. Er weiß nicht, was sich in diesen Kisten befindet, was seine Ex-Frau aufgehoben hat. Wie soll er sich verhalten, wenn er feststellt, dass die meisten seiner Wertsachen nicht mehr da sind? Nach dem Prozess 2006 stand Mollath für zwei Monate auch unter „vorläufiger Betreuung“, er war in dieser Zeit also entmündigt. Seine Ex-Frau hatte währenddessen das Haus – sein Elternhaus – zwangsversteigern lassen und die Wertsachen angeblich verramscht. Mollath hatte schon in der geschlossenen Anstalt geklagt, dass er nichts, gar nichts mehr besitze – „nicht einmal das Bild meiner Mutter“.

Im Keller des Hauses hätten sich Werkzeuge und Oldtimer-Ersatzteile im Wert von 50 000 Euro befunden, behauptet Mollath. Er habe einen Ferrari Dino besessen. „Da sind die Preise explodiert, der wäre heute 300 000 Euro wert“, sagt sein Freund Edward Braun.

Sein Gesicht rötet sich, seine Stimme wird scharf

Mollath wird wütend, wenn er daran denkt. Sein Gericht rötet sich, die Stimme wird scharf. Dann bricht es aus ihm heraus und macht den Schmerz und die Wut deutlich, die auch Monate nach der Freilassung noch immer an ihm fressen müssen: „Es ist eine Räuberpistole sondergleichen, ich bin im falschen Film.“ In der Psychiatrie sei er rechtlos gewesen, habe sich „als unwertes Leben gefühlt“. Was in den Anstalten geschehe, sei „der Wahnsinn“. Hakt man da nach, relativiert Mollath allerdings schnell: Natürlich leiste die Psychiatrie bei Kranken, etwa bei Psychotikern oder Schizophrenen, auch gute Dienste, man könne das nicht verallgemeinern.

Inzwischen hat Mollath einen neuen Personalausweis beantragt. Sein alter war in seinem früheren Haus verblieben. Gemeldet ist er jedoch noch nirgends, einen festen Wohnsitz hat er nicht. „Freunde geben mir Obdach“, sagt er. Häufig ist er bei Edward Braun, doch er kennt noch ein paar andere, die ihn immer wieder für eine Zeit bei sich aufnehmen. Er ist dankbar für die Spendengelder aus der Bevölkerung. Irgendwann würde er gerne wieder dauerhaft in Nürnberg leben. Er könnte in einer Kfz-Werkstatt arbeiten oder im Flugzeugbau, es gibt Angebote. Er ist bekannt in der Oldtimer-Szene.

Kürzlich war er an Hölderlins Grab

Das alles wird aber erst nach dem Prozess zum richtigen Thema für ihn. Bis dahin will er weiter die Dinge tun, die er sich schon immer gewünscht hat. Kürzlich hat er in Tübingen das Grab von Hölderlin besucht und ist auf die Zugspitze gestiegen. Zwei Studentinnen der Münchner Filmhochschule haben ihn dabei begleitet. Sie drehen ihren Abschlussfilm über ihn. Im elsässischen Anneau du Rhin ist er ein Oldtimer-Rennen gefahren, an Pfingsten begleitet er Edward Braun zur Rennstrecke im britischen Cadwell Park. Es sind solche Dinge des Alltags – reisen, kochen, Auto fahren –, die ihn immer wieder erstaunen. Weil er manchmal kaum glaubt, dass er das alles einfach machen kann.

Der Text erschien auf der Dritten Seite.

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