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Viele Fans werden im Stadion ihre ukrainischen Trikots tragen. Sie betrachten das Duell gegen den FC Bayern als Länderspiel.
© Pedro Correia / picture alliance / Global Images

Fußballklub Schachtjor Donezk: Heimspiel in der Fremde

In ihr Stadion können sie nicht zurück. In Donezk herrscht Krieg. Und so wurde aus Schachtjor ein Verein im Exil, der in Lemberg spielt. Jetzt empfängt der Klub den FC Bayern. Weit entfernt vom russisch-ukrainischen Kampfgeschehen – und doch mittendrin.

Einem Ufo gleich liegt die „Arena Lwiw“ auf einem Feld am Rande einer Plattenbausiedlung draußen vor der Stadt. „Gelandet“ ist es zur Fußball-Europameisterschaft 2012 – und lange stand es leer. Frischer Schnee ist auf die Abdeckung über dem Rasen gefallen, wo am Dienstagabend Schachtjor Donezk gegen den übermächtigen FC Bayern antreten wird. Vor ein paar Wochen hat der Verein hier am Stadion in Lemberg einen Fanshop eröffnet, da verkaufen sie Kalender für 2015. Jeden Monat gelobt ein Spieler, mit Filzstift aufs Porträt gekritzelt: „Wir kehren zurück nach Donezk.“ Doch dieser Klub wird so bald nicht in seine Heimat zurückkehren. Denn dort herrscht Krieg. Schachtjor Donezk ist seit dem Sommer ein Superklub im Exil.

Fan zu sein heißt auf Russisch, für eine Mannschaft zu „leiden“, und im Fall von Jewgenij Schogoljew ist das nicht untertrieben. Der Donezker Kohlekumpel ist 47 Jahre alt und vierzig davon Fan von Schachtjor. Mit seiner Privatsammlung von Programmheften und Eintrittskarten hat er sich einen Namen gemacht. Schachtjor, das heißt „Bergmann“. Aber Bergmänner wie Schogoljew werden nicht beim Spiel in Lemberg dabei sein können. Mit echter Trauer in der Stimme fasst er die Lage am Telefon zusammen: „Die Umstände sind stärker als wir.“ Dabei hatte er sogar schon eine Karte für das Spiel. „Aber die Lage ist gefährlicher geworden, und an den Checkpoints lassen dich die Ukrainer nicht mehr passieren“, sagt er. „Sie fragen: ,Ziel der Reise?‘ Und wenn du antwortest: Fußball, dann glauben sie dir nicht.“

Der Erfolg des Teams heilte viele Wunden

Schachtjor, das war der Stolz von Menschen wie Schogoljew. Dem Oligarchen Rinat Achmetow, der den Klub 1996 übernahm, gelang es, brasilianische Spieler zu kaufen, einen Spitzenklub zu formen, eines der teuersten Stadien Europas zu bauen und doch die Fans nicht zu verlieren. Dies glückte unter anderem deswegen, weil die Preise immer bezahlbar blieben. Natürlich verstanden die Kumpel, dass Schachtjor ein Spielzeug Achmetows ist. Aber der Erfolg des Teams heilte für viele die Wunden, die postsowjetische Zeiten ihrem Bergarbeiterstolz zugefügt hatten.

Am 2. Mai vergangenen Jahres schoss Schachtjor sein letztes Tor in der Donbass-Arena und gewann damit die fünfte Meisterschaft in Folge. Wenig später kam der Krieg nach Donezk. In der Folge von Achmetow flohen Spieler, Mannschaftsärzte, Pressesprecher und Manager nach Kiew. Seitdem ist das Team heimatlos, für jedes „Heimspiel“ müssen sie nach Lemberg reisen.

Schogoljew hat sich das im September angeschaut. Zum Spiel gegen den FC Porto hat er sich auf den beschwerlichen Weg in den Westen gemacht, einmal quer durchs Land, 1236 Kilometer mit dem Auto. Und er hat verstanden, was der Unterschied ist: „Da singen sie pro Spiel zwanzigmal die Nationalhymne, als würde die ukrainische Nationalmannschaft spielen. Hier in Donezk lieben wir aber unsere Mannschaft. In Lemberg sangen die Ultras ,Putin ist ein Schwanzkopf’, aber für uns in Donezk ist Russland kein Feind.“

Der Krieg hat den Fußball erschüttert

Der Krieg im Osten hat den ukrainischen Fußball erschüttert: Nach der Krim-Annexion verlor die Premier-Liga mit Sewastopol und Simferopol gleich zwei Klubs. Und neben Schachtjor haben zwei weitere Donezker Klubs sowie die Vereine aus Mariupol und Luhansk ihre Heimspielstätten verloren – und reisen nun wie Nomaden durch verschiedene Stadien des Landes. Die Fans haben sie zurückgelassen.

Selbst wenn sich die Separatisten mit Kiew einigen, ist eine Rückkehr der Mannschaft für die nächsten Jahre ausgeschlossen. Der Flughafen von Donezk ist völlig zerstört, und ohne ihn ist die Stadt nur schwer zu erreichen. Noch viel weniger ist unter diesen Umständen daran zu denken, dass die Uefa Austragung von internationalen Spielen genehmigen könnte – und das sind jene, die Schachtjor am wichtigsten ist.

Selbst im ruhigen Lemberg ist der Krieg unübersehbar

Nun also Lemberg. Warum gerade jene Stadt, die Donezk entgegengesetzter nicht sein könnte? Hier eine Stadt der Kultur und Bildung, die Wiege des ukrainischen Nationalismus, in der die Umgangssprache Ukrainisch ist, in der ein großes Denkmal für den Nationalisten Stepan Bandera steht. Dort das russischsprachige Kohlerevier, dessen Bewohner sich bis heute voller Nostalgie an sowjetische Zeiten erinnern und für die Bandera nichts anderes als ein Faschist ist.

Es gibt objektive Gründe dafür. Der wichtigste: Die Uefa hat für die Austragung internationaler Spiele wegen der angespannten Situation nur die Arena Lwiw und das Kiewer Stadion zugelassen. Und Lemberg ist so weit wie nur möglich vom Kriegsgebiet entfernt.

Der touristische Durchbruch blieb aus

Lemberg, polnisch Lwów, heute ukrainisch Lwiw, hat reichlich Patina angesetzt. Im Zentrum der über 750 Jahre alten polnisch-österreichisch-ukrainischen Stadt, seit 1998 Unesco-Weltkulturerbe, rosten gusseiserne Balkone mit Blattmustern vor sich hin, bröckelt der Putz von den Wänden der prächtigen bürgerlichen Wohnhäuser. Lemberg, das erinnert an Prag in den 90ern und Krakau Anfang des neuen Jahrtausends. Die Gassen der Innenstadt haben sich über die vergangenen Jahre zu einer quadratkilometergroßen Vergnügungszone verwandelt, mit Cafés und Restaurants, die die multiethnische Geschichte der Handelsstadt widerspiegeln. In die scheinbar konspirative Kellerkneipe der ukrainischen Nationalisten erhält nur Eintritt, wer die Parole kennt („Ruhm der Ukraine“) und wer auf die Frage „Russen dabei?“ mit einem klaren „Nein“ antwortet. Das Ganze ist natürlich als Spiel zu verstehen.

Andrij Leda, ein jovialer Mittvierziger und Ur-Lemberger, ist Manager des Edelhotels „Nobilis“, das den Brasilianern, Kroaten und Ukrainern von Schachtjor eine Heimat gibt, wenn sie aus Kiew zu ihren Spielen nach Lemberg einfliegen. Die mit Blumen gemusterten Seidentapeten, mit Brokat bezogene Sofas und der schwere Kristalllüster sollen an das Londoner Ritz erinnern, daraus macht Leda kein Geheimnis. Zur EM 2012 wurde das Fünfsternehotel fertig, seitdem hofft Leda – und mit ihm ganz Lemberg – auf einen touristischen Durchbruch, wie ihn Prag oder Krakau geschafft haben.

Viele fliehen vor der Mobilisierung

Bislang blieb der jedoch aus, und seit vergangenem Jahr kommen auch die finanzkräftigen Russen nicht mehr. Selbst im ruhigen Lemberg, das über tausend Kilometer von Grad-Raketen, Opfern und Leid entfernt ist, ist der Krieg unübersehbar. Soldaten und Freiwillige verbringen in der Stadt ihren Fronturlaub. In Camouflage und Militärstiefeln, meist mit einer Frau an der Hand, flanieren sie durch die Innenstadt. An den Wänden der Garnisonskirche mitten im Zentrum hängen Dutzende Bilder von Männern, die im Krieg starben und deren Särge schon hier aufgebahrt worden sind. Vor den zehntausenden Einberufungsbescheiden der jüngsten Mobilisierungswelle fliehen viele junge Männer aus Lemberg nach Polen. In der Nähe der Stadt liegt eine der größten Ausbildungskasernen der ukrainischen Armee, in der ab März einige hundert amerikanische Militärausbilder die ukrainische Armee trainieren werden.

Von alldem bekommen die Spieler von Schachtjor jedoch nur wenig mit. Am Sonntagabend landet ihr Flugzeug aus Kiew, der Vereinsbus bringt sie ins Hotel „Nobilis“. Die Stimmung ist gut. Doch Interviews gewährt der Verein vor dem großen Spiel gegen Bayern ungern. Gespräche über Politik sind ohnehin ausgeschlossen.

„Der Fußball sollte sich von der Politik fernhalten“, hieß es auch im November nach dem Lokalderby gegen den Lemberger Klub Karpaty. Der dümpelt im unteren Mittelfeld, zu seinen Spielen kommen ein paar tausend Fans. Deshalb blickt seine Führung voller Eifersucht auf den reichen, erfolgreichen Einwanderer aus dem Osten. Zum Lokalderby packte Karpaty den Konkurrenten dann an einer empfindlichen Stelle: Im Spielertunnel forderten die Lemberger ihre Gegner auf, wie sie in T-Shirts mit der Aufschrift „Ruhm der ukrainischen Armee“ aufs Feld zu laufen. Die weigerten sich – und sahen in den Augen ihrer Zuschauer aus wie Verräter. „Die haben all jenen ins Gesicht gespuckt, die gerade im Donbass das Vaterland verteidigen“, schimpften die Fans im Internet. Der Pressesprecher von Schachtjor sprach von einer Provokation und erklärte: „Auf dem Trikot, mit dem wir auflaufen würden, müsste stehen: Friede dem Donbass, Friede der Ukraine."

Die Strategie Achmetows: Er tut so, als sei nichts passiert

Damit folgt der Klub der Strategie Achmetows: Er tut so, als sei nichts passiert. Auf der offiziellen Vereinsseite ist noch immer die Donbass-Arena als Heimspielstätte aufgeführt, dort stehen Donezker Telefonnummern unter denen seit Sommer niemand mehr zu erreichen ist. Im Vorwort zur aktuellen Vereinszeitschrift lächelt Achmetow selbstbewusst-freundlich – und verliert kein einziges Wort darüber, wie es weitergehen soll.

Es mag daran liegen, dass Achmetow das selbst nicht weiß. Der 48-Jährige hat wie kein anderer Oligarch durch den Krieg verloren: Mit der faktischen Auflösung der von ihm finanzierten „Partei der Regionen“ hat er politischen Einfluss eingebüßt, und durch den wirtschaftlichen Stillstand im Donbass seine wichtigsten Aktiva. Im Januar 2013 schätzte Bloomberg seinen Reichtum noch auf 22,3 Milliarden Dollar, im September 2014 nur noch auf 12,7 Milliarden. Seit Monaten gibt er keine Interviews mehr. Und er, der sich früher kein Heimspiel entgehen ließ, war seit dem Umzug nach Lemberg bei keinem einzigen Spiel seiner geliebten Mannschaft dabei. Auch am heutigen Dienstag wird er wohl wieder fehlen. Möglich, dass er gerade ganz andere Sorgen hat. Im Januar befragte ihn die ukrainische Staatsanwaltschaft. Es ging um Michail Jefremow, den Vorsitzenden der „Partei der Regionen“. Der steht unter Verdacht, die Separatisten im Donbass finanziert zu haben. Am Samstag wurde Jefremow festgenommen. Zieht der Sog am Ende auch Achmetow mit hinab? Es wäre das sichere Ende von Schachtjor. Noch aber steht der Klub im Achtelfinale der Champions League und auf Platz Zwei der ukrainischen Premier-Liga. Dass er heute die Arena Lwiw füllen wird, daran gibt es keinen Zweifel.

"Die Mehrheit der Zuschauer ist immer gegen Donezk"

Die meisten Zuschauer werden zwar ukrainische Flaggen schwenken, weil sie in der Begegnung ein Länderspiel sehen, aber es gibt in Lemberg auch Leute wie Taras Sass. Er ist einer der wenigen echten Fans von Schachtjor in der Stadt. Der 26-Jährige ist zwar hier geboren und man kann ihn als gemäßigten ukrainischen Nationalisten bezeichnen. Trotzdem hält er Schachtjor die Treue, seit er das legendäre 3:0 der „Schachtjory“ gegen Arsenal London vor 15 Jahren gesehen hat, jener leidenschaftliche Auftritt, der die internationale Fußballwelt zum ersten Mal aufhorchen ließ. Seit dem Umzug der Mannschaft versucht Sass, einen Lemberger Fanklub aufzubauen, aber auf mehr als zehn aktive Mitglieder kommt er bislang nicht. Die Spiele der Liga seien zwar stets gut besucht, erklärt Sass bei einem Kaffee in Lembergs Zentrum: „Aber die Mehrheit der Zuschauer ist immer gegen Donezk.“

Sass, der gerade seine Doktorarbeit im Fach Druckwesen schreibt, ist einer der wenigen Lemberger, die überhaupt mal in Donezk waren. 2012, als dort die Ukraine gegen England antrat. „Innerhalb von vier Tagen sind alle meine Stereotype über den Donbass zerfallen“, gibt er zu. Bis heute kann er nicht glauben, was im vergangenen Jahr passierte. „Irgendjemand wollte diese Explosion, und ich habe unseren nördlichen Nachbarn schwer im Verdacht“, sagt er. Natürlich meint er Russland, das auch in der Arena Lwiw präsent sein wird. In Form des besagten Fangesanges „Putin Chujlo“ – „Putin ist ein Schwanzkopf“. Taras Sass lacht und sagt: „Ohne das geht es nicht mehr.“

Und Jewgenij Schogoljew? Der Bergmann wird in Donezk das Spiel im russischen Sportfernsehen verfolgen. Schogoljew hofft, dass die vier Treffer, die das fünfstöckige Haus, in dem er lebt, über die letzten Monate erwischt haben, die letzten waren; dass die Waffenruhe dieses Mal echt ist. Am nächsten Morgen wird er auf dem Weg zur Arbeit wieder an der Donbass-Arena vorbeifahren, so hörbar ein- und ausatmen wie jetzt am Telefon. Und auf bessere Zeiten hoffen.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

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