Im Land der tausend Hügel : Neun Gründe für eine Reise nach Ruanda

Die Hauptstadt ein einziger Garten, in den Wäldern der Berge leben Gorillas – und inzwischen ist es hier so sicher wie nirgendwo auf dem Kontinent.

Außerirdisch. Könnten Ufos sein: die Villen der Bisate Lodge in den Virunga-Bergen.
Außerirdisch. Könnten Ufos sein: die Villen der Bisate Lodge in den Virunga-Bergen.Foto: Daniel Fernandez Campos

Saubere Sache

Ruanda überrascht beim Panoramablick aus der Flugzeugkabine. Das Land ist grün, liegt im Durchschnitt 1500 Meter hoch und erinnert weniger an kenianische Savannen als an Schweizer Alpenwiesen. Der Vergleich mit dem europäischen Sauberstaat drängt sich auch im Alltag auf. Zollbeamte nehmen Passagieren, die mit einer Plastiktüte einreisen, selbige ab. „Sorry, Sir, verboten.“ Die Straßen sollen blitzblank bleiben. Der Umuganda hilft dabei, was übersetzt der Kehrtag wäre. Jeden letzten Samstag im Monat müssen alle Erwachsenen drei bis vier Stunden lang gemeinnützige Arbeit verrichten – sei es im Krankenhaus aushelfen oder die Gehwege fegen.

Die kleinen Orte entlang der Hauptstraßen prägen deshalb frisch gestrichene Häuser. Davor sitzen Kinder in Messi- und Ronaldo-Shirts, Moped-Taxis warten auf Kundschaft, und am Sonntag ziehen Frauen in eleganten Kleidern zur Kirche. Das World Economic Forum listet Ruanda als das sicherste Land Afrikas (und das neuntsicherste der Welt). Präsident Paul Kagame regiert den Staat seit 18 Jahren nach dem Vorbild Singapurs: kaum Opposition, kaum kritische Presse, allerdings auch wenig Korruption und ein starkes Wirtschaftswachstum.

Lange Geschichte

Über Jahrhunderte hinweg herrschten Stammesfürsten über den Zwergenstaat. Von der Akagera-Ebene im Osten bis zum Kivusee im Westen erstreckte sich ihr Gebiet, das in groben Zügen dem heutigen Ruanda entspricht und etwas kleiner als das Bundesland Brandenburg ist. Rund 100 Kilometer südlich der Hauptstadt Kigali sehen Touristen, wie frühere Herrscher gelebt haben. In Nyanza wurde eine Replika des ehemaligen Hofs aufgebaut, ein Komplex mit drei überdimensionalen Strohhütten, die wie Halbkugeln aus dem lehmigen Boden ragen.

Der König bewohnte die größte von ihnen mit seiner Frau, allein das Bett ist gut fünf Quadratmeter groß. Am unteren Ende liegen ledrige Matten aus. „Hier haben der König und die Königin miteinander geschlafen.“ Der junge Mann, der als Guide arbeitet, erklärt die Beschaffenheit der abwischbaren Oberfläche mit einer Ernsthaftigkeit, als handle es sich um kostbaren Damast. Am oberen Bettrand weist er auf einen Krug hin: Der war morgens mit Bier gefüllt. So stieg der König gleich gut gelaunt aus den Decken.

Hinter dem Hof lebt bis heute eine Herde samtbrauner Rinder. Sie tragen meterlange polierte Hörner. Die Tiere gehörten dem König, dienten rein repräsentativen Zwecken und ziehen jedes Jahr zum Erntedankfest mit einer Parade durch Nyanza. Für das Wohl des Viehs sorgt ein betagter Hüter. In einem schwarz-weißen Umhang massiert er den Rücken der Rinder mit einem Zweig, während er ihnen Lieder vorsingt.

Dunkles Kapitel

Im 19. Jahrhundert kamen die Deutschen, im Ersten Weltkrieg die Belgier – und mit den Kolonialherren die Klassifizierung in Volksgruppen. Hutu, Tutsi, Pygmäen. Diese Unterteilung sehen Historiker als Grundlage für den späteren Genozid an. Das lernen Besucher im Genocide Memorial in Kigali, ein qualvoller wie notwendiger Besuch, um das Land zu verstehen. Zwischen April und Juli 1994 fand der organisierte Massenmord an der Tutsi-Minderheit und an gemäßigten Hutu statt, die Hutu-Propaganda klingt gerade für deutsche Ohren vertraut. „Wer eine Tutsi zur Frau nimmt, ist ein Verräter!“ Etwa eine Million Menschen starben in nur drei Monaten, zwei Millionen flüchteten ins Ausland, 300 000 Kinder wurden zu Waisen.

Wie konnte das Land nach dem Genozid weitermachen? Indem die internationale Gemeinschaft viel Geld für den Wiederaufbau beschaffte, ein Kriegsverbrechertribunal in Tansania einrichtete, das Land die kolonialistische Klassifizierung abschaffte und regelmäßige Versammlungen zur Konfliktlösung einberief.

Urbanes Leben

Kigali ist die einzige Stadt in Ruanda, die diese Bezeichnung verdient. Moderne Bankpaläste wechseln sich mit niedriggeschossigen Einkaufsstraßen ab, das neue Kongresszentrum protzt mit einer schicken Glaskuppel. Ein historisches Zentrum gibt es nicht, da Kigali erst nach der Unabhängigkeit 1962 Hauptstadt wurde.

Waldgrüne Hügel, karmesinrote Erde, die Hauptstadt ist ein einziger großer Garten. Nadelbäume säumen Alleen, großzügig angelegte Fußgängerwege führen an ihnen entlang, und moderne Busse verknüpfen die 1,2 Millionen Menschen miteinander, seit Neuestem mit einem offenen W-Lan-Netz an Bord. Am Caplaki-Markt kaufen Touristen Kunstgewerbe, im Stadtteil Kiyoru residiert der Präsident, Nyamirambo ist bekannt für seine muslimische Bevölkerung und die Milchbars, in denen aus Stahlkanistern frische Buttermilch serviert wird.

Kulinarisches Erbe

Die Gastronomie besinnt sich auf ihre Wurzeln. In Kigali gehen die Menschen in die sogenannte „Restaurant Row“, eine Straße, in der es Lokale wie „Africabite“ und „Repub Lounge“ gibt, die Gerichte mit Kochbananen, Schmorfleisch und Fischcurry anbieten. Wer sich traut, kann ein selbst fermentiertes Banana Beer in einem der vielen kleinen Shops probieren. Vorsicht: ziemlich süß.

Im „Heaven“ am Kiyoru-Hügel arbeiten nur Menschen, deren Eltern während des Genozids umkamen. Auf der Terrasse mit Blick in den Garten treffen sich Mitarbeiter der internationalen Hilfsorganisationen, ruandische Familien und ausländische Touristen zum Brunch. Zu den Neuinterpretationen der Küche gehören Spaghetti mit würzigem Ziegenfleisch, Tagliatelle mit Königskrabben-Curry oder Avocado-Salatkreationen. Wie überall in Ruanda gilt: Der Service entspricht dem gemächlichen Lebensgefühl.