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Idil Baydar im Kostüm.

© Promo

Idil Baydar: "Isch bin Kanake, was willst du?"

Die Tiraden ihrer Kunstfigur Jilet Ayse sind ein Netzhit. Kaum eine beherrscht den Slang der Straße so gut wie Idil Baydar. Wie ein Mädchen aus Celle so weit gekommen ist.

Frau Baydar, haben Sie Thilo Sarrazin eigentlich mal Blumen oder einen Dankesbrief geschickt?

Nein. Das ist aber keine schlechte Idee. Im Grunde müsste ich dem ganzen deutschen Volke danken. Sarrazin ist ja nur die Mokkabohne auf der braunen Torte. Er hat da einen Nerv getroffen mit seinem Jargon vom Kopftuchmädchen, dieser pseudo-wissenschaftlichen Herleitung, dass Migranten genetisch halt dumm sind. Das hat mich schon sehr geärgert.

Sie haben das Buch „Deutschland schafft sich ab“ gelesen, als es vor sieben Jahren herauskam?

Teile, dann brauchte ich wieder eine emotionale Pause. Mich hat seine herablassende Perspektive aufgeregt, dieser abwertende Ton. Ich schmökere heute noch immer mal wieder drin, wenn ich wissen will, wie argumentiert so einer? Was antworte ich ihm? Ehrlich gesagt, er tut mir ein wenig leid.

Wieso denn? Sarrazin hat weit über eine Million Exemplare verkauft, er wurde reich und berühmt.

Er hat trotzdem mein Mitgefühl, er kann doch nicht glücklich sein. Wer andere Menschen, die eine Minderheit sind, so diskriminiert, was geht in dem vor? Ich denke, wäre er glücklicher, würde er die Welt positiver betrachten.

Der Mann war ein wichtiger Auslöser für Ihre Karriere. Als er mit seinen Schriften Aufsehen erregte, fingen Sie an, Videos auf YouTube zu stellen: Sie sitzen als Kunstfigur Jilet Ayse schwer geschminkt im Jogginganzug auf einem Sofa, vor sich fünf Handys, und geben die Berliner Unterschichtentürkin. Sarrazin, sagten Sie mal, habe Sie dazu animiert.

Nicht nur er allein, die ganzen Erfahrungen meines Lebens. Es fängt mit meinem Namen an, ein klassisches Gespräch läuft so: „Ah, hallo, wie heißt du?“ – „Idil.“ – „Ach, Idil, wo kommt der Name denn her?“ – „Das ist ein türkischer Name.“ – „Okay, ich hatte mal einen türkischen Freund, der hat mich total verarscht, also echt.“ Ich werde ständig auf das Türkisch-Sein reduziert, ich komme aus diesem Kontext nicht raus. Dabei bin ich in Deutschland geboren. Warum ist es nicht selbstverständlich, dass wir verschiedene Namen haben, die eben aus anderen Ländern kommen? Irgendwann dachte ich, ihr seht in mir die Kanakin, na schön, dann mache ich euch auch die Kanakin, euren Integrationsalbtraum. Könnt ihr haben!

Sie sind behütet in Celle aufgewachsen und haben eine Waldorfschule besucht.

So eine Sozialisation ändert nichts. Ich bin vor Jahren, da kam Sarrazins Buch gerade auf den Markt, zu einer Beratungsstelle ins Jobcenter. Ich frage mit meinem astreinen Hochdeutsch, wo ich hin soll, und der Herr gibt mir ein Formular zum Ausfüllen, Adresse und so weiter. Dann steht da ein Kästchen: Migrationshintergrund. Ich dachte, gute Deutsche die ich bin, ich mache mich strafbar, wenn ich das nicht ankreuze. Obwohl ich doch gar nicht migriert bin. Ich habe mich gefragt, was los wäre, wenn da stünde: Sind Sie jüdisch? Der Herr sagt, ach ja, Migrationshintergrund, dann müssen Sie zur türkischen Beratung. Ich sage, das muss wirklich nicht sein. Er meint, das habe mit sprachlichen Kompetenzen zu tun. Ich darauf, wollen Sie mich verarschen? Ich rede doch deutsch mit Ihnen, ich bin hier aufgewachsen. Er meint, das machen wir so.

Und?

Am Ende vom Lied saß ich bei einem türkischen Berater, der mich hat wissen lassen, dass er das gar nicht toll findet, dass ich kein richtiges Türkisch kann. Absurd, was?

Idil Baydar.
Idil Baydar.

© Thilo Rückeis

Vor Kurzem waren Sie völlig unbekannt, inzwischen sitzen Sie in Talkshows von Markus Lanz und Sandra Maischberger, debattieren im Gorki-Theater über Rassismus, treten auf dem „taz“-Kongress auf und regelmäßig in der „Bar jeder Vernunft“. In den Comedy-Sendungen des Fernsehens sind Sie allgegenwärtig und …

… das hätte ich nie für möglich gehalten. Ich hatte das nicht als Plan. Ich war drauf und dran, ein Studium abzugreifen, in Österreich, dahin flüchten Deutsche mit bescheidenem Abi-Durchschnitt wie ich, die hier wegen des Numerus Clausus keine Chance hätten. Ich dachte an Transpersonale Psychologie, ich bin C.G. Jung-Fan, das liegt kulturell in der Tradition meiner Familie, die eher spirituell als religiös ist.

Stattdessen stehen Sie nun auf der Bühne und sagen Sätze wie „Emanzipation ist, wenn dein Mann Todesangst vor dir hat“. Da wiehert das Publikum. Mit welchen Pointen ernten Sie garantiert Lacher?

Lachen hat viel mit der eigenen Lebensrealität zu tun, mit Wissen, mit Wahrnehmung. Mein Publikum besteht aus drei Gruppen: Biodeutsche, Migranten, Schwule und Lesben. Und wer zu Jilet kommt, muss sich im Klaren sein: Jilet liebt Schwule ganz einfach, das ist nicht für jeden aus der migrantischen Community leicht zu akzeptieren. Also, die Deutschen lachen, wenn ich sage: „Wallah, wenn ihr uns beim Deutschsein nicht mitmachen lasst, dann versauen wir eure Grammatik!“ Da fühlen sie sich getroffen, das tut ihnen weh. Ein Satz wie „Isch schwöre, du bist voll Fickfehler, Mann, sie liebst disch nischt“, der schmerzt richtig.

Worüber amüsieren sich die anderen?

Wenn ich sage: „Vorsicht vor Kopftuchfrauen, Leute! Legt euch nicht mit denen an. Das ist wie bei Star Wars und Darth Vader, die dunkle Seite der Macht zeigt sich nicht offen, sie ist verhüllt. Deshalb sind Silikon-Titten für uns völlig unbrauchbar, viel zu auffällig.“ Da lachen vor allem die mit den schwarzen Haaren. Weil es ihr Leben betrifft.

Dass sich alle auf die Schenkel klatschen, geht ...

... umso leichter, je gemischter das Publikum ist, denn Lachen steckt an. Wenn der Biodeutsche einen Kloß im Hals hat und sieht, hey, die schwarzen Haare und die Schwulen kichern, hihihi, dann kann er einsteigen. Die ermächtigen sich gegenseitig zum Lachen. Noch schöner, sie nehmen einander wahr. Was gemeinsam geht, ist zum Beispiel, wenn ich klage: „Der hat Kanake zu mir gesagt, das hat mir weh getan. – Jilet, da musst du irgendwie durch. – Weißt du was, ich hau dir jetzt auf die Fresse, Alter, da musst du auch durch!“ Das finden die Leute lustig. Gewalt und Fäkalien laufen ja immer gut.

Sie sprechen die Zuschauer, die vorne sitzen, direkt an. „Hast du Kinder, ihr Deutschen macht doch keine Kinder mehr? Du, hast du schon mal AfD gewählt? Woher kommst du?“ Es ist Ihnen schon klar, dass viele so etwas gar nicht mögen.

Ja, deshalb biete ich ja an: Vertraue mir. Du hast jetzt Angst davor, bloßgestellt zu werden, davor, ich könnte unter die Gürtellinie zielen. Du darfst mit mir die Erfahrung machen, deine Angst zu erleben und zu sehen, dass ich dich gewinnen lasse.

Manche nehmen’s locker, andere erstarren vor Angst.

Ich weiß, deshalb begegne ich allen taktvoll. Wenn du als Zuschauer einen Spruch machst, werde ich nicht nachlegen. Du bekommst meine Liebe.

Es melden sich aber auf Ihre Frage keine AfD-Wähler?

Doch, gerade neulich, eine Griechin: „Dit mach ick aus Protest.“ Ich habe gesagt, in Ordnung, einmal bitte alle klatschen, so viel Offenheit wird belohnt. Den Mut muss man erst mal aufbringen, AfD ist ja nicht mein klassisches Publikum. Das meine ich mit Vertrauen.

"Wegen einer wie dir wähle ich AfD"

Idil Baydar im Kostüm.
Idil Baydar im Kostüm.

© Promo

Der Kabarettist Serdar Somuncu ist eines Ihrer Vorbilder, er drischt verbal auf sein Publikum ein, schreit „Fotze“ und „Muschi“, und wenn es zu langweilig wird schon mal: „Wollt ihr den totalen Krieg?“

Er macht sein Ding fantastisch, ich bin eben anders. Bei mir geht es auch ums Wohlfühlen.

Das klappt nicht immer. Wenn man sich die WDR-Sendung „Mitternachtsspitzen“ anschaut, da schwenkte die TV-Kamera über konsternierte Gesichter. Wenn Sie merken, die Leute können mit Ihnen nichts anfangen, was dann?

Nicht angenehm, ich schalte auf Notfallmodus und ziehe es durch. Ich kann ja nicht abbrechen und einfach gehen. Ich nehme etwas Schärfe raus. Oft ergibt sich doch noch ein schöner Abend. Aber bitte, meine Vorstellung ist ein Angebot, das darf ein Publikum auch mal ablehnen.

Sie sagten mal, ans Thema NSU-Morde würden Sie sich nicht wagen.

Zu der Zeit hatte ich zu wenig Wissen darüber, ich war mir nicht sicher genug.

Vor einem Jahr bekamen Sie in Stuttgart den Kabarettpreis „Goldener Besen“ verliehen. Da klangen Sie dann so: „Integration ist gescheitert, wenn wir Kanaken Steuern zahlen. Mit dem Geld unterstützt man den Verfassungsschutz, und der baut NSU und Nazistaat auf und bringt uns um.“ Da hat sich etwas geändert.

Ich hatte inzwischen viel darüber recherchiert und gelesen, auch das Buch „Heimatschutz“ von Stefan Aust. Geschredderte Akten, auf seltsame Weise verstorbene Zeugen, Schlampereien beim Ermitteln … Jetzt kann ich auf der Bühne zum Thema Integration sagen: „Seit NSU gibt es keine Bringschuld mehr, nun sind wir auf Augenhöhe.“

Linke teilen die Menschheit in arm und reich, Feministinnen in Männer und Frauen, Ihre Bühnenfigur Jilet Ayse unterscheidet „Kartoffeln“ und „Kanaken“. Wann sind Ihnen die beiden Begriffe das erste Mal begegnet?

Die Kartoffel kam so Ende der 90er, Kanake schon früh. Es ist dasselbe Phänomen wie mit dem Wort „Nigger“. Wenn du das Wort für dich selbst benutzt, entreißt du anderen die Macht, dir damit wehzutun und dich abzuwerten. Isch bin Kanake, was willst du?

Kritiker werfen Ihnen „Selbstkanakisierung“ vor. Es würden weniger gebildete Menschen türkischer und arabischer Herkunft verspottet und ausgebeutet.

Es kommt aus den verschiedensten Ecken Kritik, es schreiben auch welche unter meine Videos: Wegen einer wie dir wähle ich AfD.

Sie kultivieren als Jilet die Sprache der Jugendlichen aus Neukölln und Kreuzberg. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu hat die als „Kanak Sprak“ bekannt gemacht. Als Niedersächsin mussten Sie die sicher erst erlernen.

Wir sind nach Berlin gezogen, da war ich 15, und mit 17 bin ich nach Kreuzberg. Später, da war ich schon gut 30, hat man mich in Maßnahmen gesteckt, damit ich aus der Hartz-IV-Statistik verschwinde. Integrationsbegleitung an einer Kreuzberger Grundschule, so nach dem Motto: Die hat Abitur, die passt da hin, die soll dem Ali mal sagen, er soll sich hinsetzen und die Klappe halten.

Das haben Sie gemacht.

Nö. Das Schulsystem ist eine Katastrophe. Ich hatte mal eine Klasse, zu 100 Prozent türkisch-arabisch. Kein deutsches Kind. Da haben manche Eltern gemeint, mein Kind kommt türkischer heraus, als ich es in die Schule geschickt habe. Ein kleines Mädchen sagt mir: „Ich geh bei Hof.“ Ich sagte, du weiß doch, wie das heißt? „Ja, ich gehe in den Hof, aber das ist doch egal.“ Zieh dich nicht zurück, du musst offen bleiben, war mein Rat.

Die deutsche Sprache, da sind sich fast alle einig, öffnet den Zugang in die Gesellschaft.

Unsinn. In der Community bekommt man besseren Zugang mit Kiezdeutsch, und ich kenne Jungs, die sind reich geworden, weil sie hervorragende Verkäufer sind oder Geschäftsleute. Außerdem ist diese Sprache sehr kreativ, mich hat das fasziniert. Wenn man am Telefon nicht mehr weiterreden will, sagt man: „Isch leg in dein Gesicht auf.“ Oder wenn man sagen würde, verhalten Sie sich bitte angemessen, heißt das: „Übertreib nischt deine Rolle.“ Ah, eine Rolle! Das ist nicht doof, das ist hochintelligent, wie sie die Muttersprache eins zu eins ins Deutsche übersetzen. Da entstehen interessante Bilder. Apropos Sprache und Identität, da habe ich eine spannende Erfahrung gemacht.

Ausländische Hardware und deutsche Software - geht das?

Idil Baydar.
Idil Baydar.

© Mike Wolff

Erzählen Sie.

Ich bin recht sprachaffin, und mein Englisch ist sehr gut. Wenn ich also in Deutschland nicht als Türkin wahrgenommen werden will, I start to talk in English with the people, that makes them very cooperative … Man hält mich dann für eine Kosmopolitin, offenbar aus wohlhabendem Haus, weil ich so gebildet erscheine. Das öffnet mir eine völlig neue Realität.

Sie sind Deutsche. Sagen Sie das auch so?

Nein. Meine Deutung ist, ich bin transkulturell. Ausländische Hardware mit deutscher Software. Wissen Sie was: Es gibt viele Kanaken, die sich mit Deutschland identifizieren so wie ich, und wir wollen nur, dass ihr stolz auf uns seid.

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Jilet ist türkisch und heißt Rasierklinge, der Name und die Idee mit den Videos soll von Ihrer Mutter sein.

Sie hat gesehen, wie ich von der Schule komme und mit meinen Freundinnen über die neuesten Wortschöpfungen der Jugendlichen lache. Meine Mutter war Maskenbildnerin beim Film, schleppte ein Kamerateam an: „So, das wird aufgenommen und dann packen wir es auf YouTube.“ Ich dachte, mach einfach mit, sonst wirst du sie nie los. Das gibt drei Klicks und aus ist.

Schlechte Prognose.

Innerhalb von drei Monaten hatte ich mehr als eine Million Klicks, das ist enorm für ein Comedy-Video. Die nächsten Videos liefen dann auch gut, ein Journalist der „Zeit“ hat mich gepostet mit dem Satz „Sie ist ein verdammtes Genie“, die „taz“ kam, Stück für Stück wurde die Aufmerksamkeit größer. Ich dachte, gute Chance, jetzt schaust du mal, was da geht.

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