Journalistenpreis „Langer Atem“ : Nazis im Blick

In diesem Jahr sind gleich drei Recherchen zu Rechtsextremismus für den „Langen Atem“ nominiert – ein Appell an die Gesellschaft, hinzuschauen.

Kein Vergessen. Gedenkplakat für Opfer des NSU in Kreuzberg.
Kein Vergessen. Gedenkplakat für Opfer des NSU in Kreuzberg.Foto: imago/Peter Homann

Nordkreuz-Gruppe und Hannibal-Netzwerk, die rechtsextremen Anschläge in Neukölln, Rechtsradikale „vor der Haustür“ in der Uckermark – drei Nominierungen für den 13. „Langen Atem“ befassen sich in diesem Jahr mit einem Komplex. Ein Schwerpunkt, richtig gesetzt. Er zeigt, dass sich Journalistinnen und Journalisten nicht damit abfinden, dass die extreme Rechte stärker und stärker wird. Drei von neun Nominierungen, das ist auch ein Appell an die Gesellschaft, sich nicht mit rechten Umtrieben abzufinden. Erst recht nicht nach der Mordserie des NSU, dem rechten Terror von „Gruppe Freital“ und „Revolution Chemnitz“, dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und dem Terroranschlag in Halle.

Die AfD zieht in die Parlamente ein, äußert sich immer lauter und unverhohlener gegen angebliche „Lügenpresse“ und „Systemmedien“. Und Neonazis schreiten zu Taten. Reicht die bisherige journalistische Bearbeitung des Themas aus?

In meiner Heimatstadt wurde auf Hitlers Geburtstag angestoßen

Ich bin in einer hessischen Kleinstadt aufgewachsen, Langen, auf halbem Weg zwischen Frankfurt und Darmstadt. Mitte der 80er Jahre gaben wir ein Magazin heraus, das auch an den Schulen im Kreis Offenbach verteilt wurde. Die Titelgeschichte der Ausgabe vom Dezember 1984 hieß „Die Nazis von nebenan“. Es ging um Neonazis, die eine Tanzveranstaltung in Offenthal sprengten. Um einen Hund mit Ritterkreuz, Streetgangs mit Verbindungen zur NS-Szene in Neu-Isenburg. In meiner Heimatstadt wurde in der Diskothek „Disco Duck“ am 20. April mit Sekt auf Hitlers Geburtstag angestoßen. Die Staatsanwaltschaft stellte ihr Ermittlungsverfahren dazu ein. Die Geburtstagsfeier sei als „geschlossene Gesellschaft“ veranstaltet worden, eine „öffentliche Zurschaustellung nationalsozialistischer Symbole“ nicht gegeben gewesen.

1988 zog der aus der Haft entlassene Neonazi Michael Kühnen nach Langen. Unter den Fahnen der – später vom Bundesinnenminister verbotenen – neonazistischen Kleinpartei FAP wollte er Langen zur neuen „Hauptstadt der Bewegung“ und zur „ersten ausländerfreien Stadt Deutschlands“ machen. Der Antritt der Partei bei den hessischen Kommunalwahlen im März 1989 wurde in quasi letzter Minute untersagt.

Ich las den Namen von Michael Kühnen und anderen Neonazis aus Langen später, als ich selbst – inzwischen Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur in Dresden – in den Osten gezogen war. 1992 schrieb Burkhard Schröder das rororo-Sachbuch „Rechte Kerle – Skinheads, Faschos, Hooligans“. Thema waren die Glatzen in West und Ost, die Rechten von Guben, Fascho-Skins dort an der polnischen Grenze und an anderen Orten der Ex-DDR. Nun sollte Cottbus zur „Stadt der Bewegung“ werden. Michael Kühnen war unter anderem in der Skinhead-Szene in Berlin-Lichtenberg unterwegs, in Brandenburg und in Sachsen. Burkhard Schröder schrieb: „Zurzeit – Ende 1991 – ist in den neuen Bundesländern die Akzeptanz der rassistischen Gewalt auch bei der ,normalen‘ Bevölkerung so groß, dass die militanten Rechten sich bestätigt fühlen können.“

Ein Händler aus der Uckermark verkauft Nazi-Fanartikel

Mehr denn je kommt es auf den langen Atem an. So wie der Fernsehreporter Peter Huth ihn zeigt, in diesem Jahr einer der Nominierten für den Preis. Mit elf Fernsehbeiträgen aus den Jahren seit 2011 für die rbb-Sendung „Brandenburg Aktuell“ und mit seinem Informationsportal gegenrede.info hat er sich beworben. Huth berichtet über einen Nazi-Devotionalienhändler aus der Uckermark, dem die Justiz nicht beizukommen scheint. Über den Ort Lindenau im Süden Brandenburgs, der zur „national befreiten Zone“ werden soll und in dem der Bürgermeister die Probleme herunterspielt. Über das Zusammenwirken von Neonazis, NPD und AfD-Kommunalpolitikern.

Huth hat Ausdauer bewiesen, ebenso wie eine ganze Gruppe von Reporterinnen und Reportern der „taz“. Auf der einen Seite Malene Gürgen, die sich seit Jahren mit der rechtsextremen Anschlagserie in Neukölln befasst. Erst dieser Tage befragte sie den Berliner Linken-Politiker Ferat Kocak, auf dessen Auto 2018 von mutmaßlich rechten Tätern ein Brandanschlag verübt wurde. „Ich finde das schockierend“, sagte Kocak zu dem Umstand, dass der Verfassungsschutz bereits lange vor dem Anschlag wusste, dass Kocak von den tatverdächtigen Neonazis ausspioniert wurde.

Außerdem sind die „taz“-Autoren Sebastian Erb, Alexander Nabert, Christina Schmidt, Daniel Schulz und Martin Kaul nominiert (Letzterer inzwischen beim Rechercheverbund von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“). Sie haben mit ihrer tiefgründigen Recherche „Hannibals Netz“ aufgedeckt – eine Gruppe unter anderem von Soldaten und Polizisten, die an einem „Tag X“ politische Gegner internieren wollen.

Rechtsextreme sind keine „harmlose Spinner“

Im September brachten Heike Kleffner und ich im Herder-Verlag das Buch „Extreme Sicherheit“ heraus, das sich mit Rechtsradikalen in Polizei, Verfassungsschutz, Bundeswehr und Justiz befasst. Malene Gürgen und die „Hannibal“-Autorengruppe um Martin Kaul und Christina Schmidt sind mit Beiträgen zum Thema auch in diesem Buch vertreten. Im Vorwort des Buches schreiben wir: „Als das Investigativ-Team der ,taz‘ seine Rechercheergebnisse zu rechtsextremen Netzwerken in Bundeswehr und Polizei veröffentlichte, schlug ihm aus Politik und von Journalistenkollegen gleichermaßen Skepsis und die saloppe Vermutung entgegen, hier würden ein paar ,harmlose Spinner‘ zu einem gefährlichen Neonazi-Netzwerk umgedeutet.“

Die Beharrlichkeit – nicht nur der hier erwähnten Kolleginnen und Kollegen – darf nicht unterschätzt werden. Danke an alle, die dieses leider immer noch aktuelle Thema nicht aus dem Blick verlieren.