Klarinettisten mit Hasenzähnen : Welche Krankheiten typisch für Musiker sind

Für Profimusiker können Zipperlein das Karriereende bedeuten. Spezialisten wie Dr. Alexander Schmidt kümmern sich um Schäden, die durch Akkord-Arbeit entstehen.

Fehlstellungen im Oberkieferbereich sind bei ihm nicht verbürgt: Woody Allen im Jahr 2010 im Tempodrom in Berlin.
Fehlstellungen im Oberkieferbereich sind bei ihm nicht verbürgt: Woody Allen im Jahr 2010 im Tempodrom in Berlin.Foto: Britta Pedersen/dpa

NERVENSYSTEM

Glenn Gould war wohl der berühmteste Patient mit fokaler Dystonie. Und Keith Emerson, der Keyboarder der Rockband Emerson, Lake & Palmer schilderte das Leiden in seiner Autobiografie. Das Problem entsteht, wenn komplexe Notenfolgen wieder und wieder geübt werden. Bemerkbar macht es sich in verschiedenen Teilen des Körpers, meist eben in den Händen. Wenn eigentlich nur der Mittelfinger bewegt werden soll, zuckt der Ringfinger unweigerlich mit.

Etwa ein bis zwei Prozent der Profimusiker leiden darunter, 95 Prozent der Patienten kommen aus der klassischen Musik. Am häufigsten trifft es Pianisten. „Bei der fokalen Dystonie geraten die Schaltkreise im Gehirn durcheinander, dann werden Muskeln überaktiviert“, erklärt Alexander Schmidt. Er ist Neurologe und leitet die Musikerambulanz an der Berliner Charité. Kann bei Profis zur Berufsunfähigkeit führen. Lässt sich mit Botox behandeln, indem die hyperaktiven Nerven zeitweilig gelähmt werden, in der Regel für etwa drei Monate. Komplett heilbar ist es nicht. Trifft indirekt verstärkt Musiker, die zu Auftrittsangst neigen – wie Glenn Gould – und in der Folge üben wie besessen.

PSYCHE

Lampenfieber gehört für Musiker dazu. Wenn es jedoch zu stark wird, spricht man von Auftrittsangst. Das trifft etwa jeden vierten Musiker, die Dunkelziffer ist wohl deutlich höher, da das Problem in der Branche belächelt wird. Manche Patienten sind von Natur aus ängstliche Persönlichkeiten, andere leiden lediglich vor besonderen Konzerten oder Prüfungen. „Es gibt Musiker, die befällt die Angst nur bei der Arbeit mit bestimmten Dirigenten“, sagt Mediziner Schmidt.

Wie harsch der Ton im Profibereich mitunter sein kann, zeigte sich jüngst an der Debatte um Daniel Barenboim und seinen Umgang mit dem Orchester. Ihm wurde vorgeworfen, unbeherrscht und angsteinflößend mit seinem Ensemble umzugehen. Gegen den Druck helfen Entspannungstechniken wie autogenes Training oder Yoga, viele Patienten nehmen Betablocker, um die Symptome zu unterdrücken – zittrige Hände, Herzrasen, Schwitzen.

In schwereren Fällen wird verhaltens- und auch tiefenpsychologisch therapiert. Stargeiger Nigel Kennedy verriet einst dem „Daily Telegraph“: „I need pot to do my job.“ Kiffen zählt allerdings nicht offiziell zu den empfohlenen Mitteln gegen Auftrittsangst. 

AUGEN

Grüner Star wird verursacht durch erhöhten Augeninnendruck. Und der entsteht etwa beim Spiel von Trompete, Posaune und Horn. Die werden in der Musikermedizin sogar explizit als „Hochdruckinstrumente“ klassifiziert. Tritt nicht besonders häufig auf, sagt Alexander Schmidt. Genaue Fallzahlen kennt er nicht, weil mutmaßlich viele Bläser mit Verdacht auf Grünen Star direkt zum Augenarzt gehen, ohne vorher in einer Musikerambulanz aufzutauchen. Eine oft empfohlene Behandlungsergänzung bei Grünem Star ist übrigens die Musiktherapie.

GEHÖR

Kontrabassisten sind besonders anfällig für ein akutes Lärmtrauma. Die sitzen in der Regel hinter den Hörnern, müssen sich über ihr Instrument beugen, genau auf die tiefen Frequenzen achten. Und wenn dann ein Horn fortissimo bläst, geht das aufs Trommelfell. Bei einer spätromantischen Sinfonie etwa, zur lautesten Stelle im vierten Satz, kann das im Orchestergraben bis jenseits der Schmerzgrenze von 120 Dezibel gehen. 85 Dezibel ist die EU-Lärmschutzverordnung für Orchestergräben. Die Konzerthäuser tun schon viel, etwa durch bauliche Maßnahmen oder durch angepasste Dienstpläne, um anhaltende Belastung zu vermeiden.

Rockmusiker würden darüber wahrscheinlich lachen, deren Lautstärke liegt oft weit über diesen Grenzwerten. Neil Young leidet seit Jahrzehnten an Tinnitus, „Harvest Moon“ schrieb er nach eigener Aussage nur, weil er keine lauten Klänge mehr ertragen konnte. AC/DC-Sänger Brian Johnson musste die Band 2016 nach einem Hörsturz komplett verlassen. Ohrstöpsel sind in der Rockmusik schlicht unausweichlich. Denn gegen Schäden hilft eigentlich nur eins: Vorbeugen. Sonst sitzt man irgendwann beim Akustiker für ein Hörgerät.

MUNDPARTIE

Für Bläser kann schon ein einfacher Zahnarztbesuch zum Berufsrisiko werden. Wenn etwa ein Trompeter die Weisheitszähne gezogen bekommt, kann es das Spiel beeinträchtigen. Das Instrument, das der Musiker jahrelang immer gleich und intuitiv angesetzt hat, reagiert nun womöglich völlig anders.

Das gilt auch umgekehrt, denn viele Instrumente haben starken Einfluss auf die Zahnstellung. Blechblasinstrumente werden mit erheblichem Druck gegen die Schneidezähne gepresst, Klarinettisten beißen von oben aufs Mundstück, durch die Hebelwirkung können Hasenzähne entstehen.

„Zähne sind kein statisches Gebilde, sondern liegen wie schwere Schiffe in einem Hafen. Mit starkem, stetem Druck bewegen sie sich“, sagt Dr. Alexander Schmidt. Gefährdet sind nicht nur die Zähne: Um den Mund verläuft ein Ringmuskel. Wird der zu stark belastet, etwa durch exzessives Trompetenspiel, kann das bis zu einem Muskelfaserriss führen.

DAUMEN

Weniger bekannt als der Tennisarm: der Klarinettendaumen. Bei vielen Holzblasinstrumenten wird der Daumen stark bewegt, bei Instrumenten wie der Klarinette liegt außerdem das ganze Gewicht des Instruments permanent nur auf dem Daumen. Das kann zu vorzeitigem Verschleiß führen. Bei Holzbläsern kann sich zudem das Daumensattelgelenk, das Mittelhandknochen und Handgelenk verbindet, entzünden. Nennt sich Rhizarthrose. Dann muss das Gelenk geschient werden, hilft das nicht, wird operiert.

ELLBOGEN

Sportler kennen den Tennis- oder Golferarm. Musiker auch. Mediziner nennen das Epicondylitis. Davon betroffen sein können etwa Streicher (sowohl an der Griff-, als auch an der Bogenhand), Pianisten, Gitarristen und überhaupt alle, die viel mit den Fingern arbeiten müssen. Bei der Epicondylitis entzünden sich die Nervenenden der Muskeln. Die Streckmuskulatur der Finger zieht sich über den gesamten Unterarm bis zum Ellbogen. Wenn der Muskel über mehrere Stunden des Übens ohne Pause angestrengt wird, kann es schmerzhaft werden. Lässt sich gut behandeln mit Wärme- und Kältetherapie oder Physio. Bedeutet aber in jedem Fall: Spielpause, sonst droht es chronisch zu werden.

Schmerzhafte Angelegenheit. Ein Tennisarm quält nicht nur Sportler, auch Streicher können davon betroffen sein.
Schmerzhafte Angelegenheit. Ein Tennisarm quält nicht nur Sportler, auch Streicher können davon betroffen sein.Foto: imago/Panthermedia

HALS

Erst einmal ein Ausweis fleißigen Übens: Das Geigerekzem ist ein roter Fleck seitlich am Hals, der dort entsteht, wo der Musiker das Instrument einklemmt. Gefährdet sind nicht nur Violinisten, sondern auch Bratscher. Hobbymusiker sind davon eher nicht bedroht, dafür muss man schon eine ganze Weile spielen und intensiv üben. Behandelt wird es in der Regel nicht. Selten entzündet es sich oder juckt, dann wird mit Kortison behandelt oder im Extremfall operiert.

SCHULTER

Im Schultergelenk ist es ziemlich eng, und durch die Knochen ziehen sich eine Menge Sehnen. In zunehmendem Alter oder durch Belastung können sich knöcherne Anbauten bilden, dann wird’s noch enger. Man spricht vom Impingement-Syndrom. Belastet wird das Gelenk etwa durch die ständige Auf- und Ab-Bewegung bei Streichern.

Die Schleimbeutel oder die Sehnen entzünden sich, im schlimmsten Fall können sie reißen. Und das tut richtig weg. Schmerzmittel, Physiotherapie und vorübergehendes Spielverbot sind die Folge, wenn gar nichts hilft, wird es ein Fall für den Chirurgen. In der Regel ein Risiko, dem vor allem Profis ausgesetzt sind. „Manchmal kommen auch begeisterte Amateure in meine Praxis, die sich verbessern wollen und nach vorbeugenden Maßnahmen fragen“, sagt Dr. Alexander Schmidt.

FINGER I

Eher ein Wehwehchen als eine gefährliche Krankheit, aber dafür weit verbreitet, ist das Phänomen der sogenannten durchgespielten Finger. Vor allem Streicher und Gitarristen kennen das. Sie spielen auf Stahlsaiten, weswegen sich auf den Fingerkuppen mit der Zeit Hornhaut bildet. Nach zwei Wochen Strandurlaub ohne Klampfe und Übung entwickelt sich die schützende Schicht zurück, wer jetzt zu energisch wieder loslegt, riskiert einen fiesen, schneidenden Schmerz im Finger, der ein Weiterspielen praktisch unmöglich macht. Vermutlich entsteht er dadurch, dass feine Nervenenden in den Fingerspitzen zu arg komprimiert werden, ein sogenanntes neuropathisches Schmerzsyndrom. Dann braucht es vor allem Schonung. Schmerzsalben können das Problem lindern, unter Umständen helfen kleine Modifikationen am Instrument – eine niedrige Saitenlage zum Beispiel, um weniger Druck zu benötigen.

HANDGELENK

„Da gibt es entsetzlich viele Krankheiten“, sagt Musikermediziner Alexander Schmidt. Die berühmte Sehnenscheidenentzündung kann man schon als Klassiker bezeichnen, dabei entzünden sich die Beuge- und Strecksehnen. Kaum weniger berühmt ist das Karpaltunnelsyndrom, bei dem die Finger eingeengt werden. Besonders unangenehm wird es, wenn der Arzt vom Trauma des Diskus Triangularis spricht. Das entspricht in etwa dem, was im Knie der Meniskusriss wäre. Klarer Fall für den Handchirurgen. Betroffen sind davon oft Schlagzeuger, da sie mit viel Kraft arbeiten. Kommt auch im Hobbybereich überdurchschnittlich häufig vor.

FINGER II

Neben Klarinettendaumen und durchgespielten Fingern existiert noch das Problem des Schnappfingers. Der entsteht durch Überlastung. Das Strecken beziehungsweise Beugen des Fingers gelingt bis zu einem bestimmten Punkt nur unter äußerster Anstrengung, an dieser Stelle springt der Finger dann plötzlich und unkontrolliert über einen Widerstand hinweg. Feinmotorik ist damit unmöglich. Die Ursache liegt in den Ringbändern, die die Finger mit der Handfläche verbinden. Wenn sich diese Bänder verengen, funktionieren die Finger bestenfalls noch wie ein Scharnier. Zunächst sind dann Schmerztabletten und Ruhe die Mittel der Wahl, wenn das nicht hilft, rückt der Handchirurg an und durchtrennt das Ringband. Denn das ist offenbar so sinnvoll wie ein Blinddarm.

HALS

Erst einmal ein Ausweis fleißigen Übens: Das Geigerekzem ist ein roter Fleck seitlich am Hals, der dort entsteht, wo der Musiker das Instrument einklemmt. Gefährdet sind nicht nur Violinisten, sondern auch Bratscher. Hobbymusiker sind davon eher nicht bedroht, dafür muss man schon eine ganze Weile spielen und intensiv üben. Behandelt wird es in der Regel nicht. Selten entzündet es sich oder juckt, dann wird mit Kortison behandelt oder im Extremfall operiert.  

SCHULTER

Im Schultergelenk ist es ziemlich eng, und durch die Knochen ziehen sich eine Menge Sehnen. In zunehmendem Alter oder durch Belastung können sich knöcherne Anbauten bilden, dann wird’s noch enger. Man spricht vom Impingement-Syndrom. Belastet wird das Gelenk etwa durch die ständige Auf- und Ab-Bewegung bei Streichern. Die Schleimbeutel oder die Sehnen entzünden sich, im schlimmsten Fall können sie reißen. Und das tut richtig weg.

Schmerzmittel, Physiotherapie und vorübergehendes Spielverbot sind die Folge, wenn gar nichts hilft, wird es ein Fall für den Chirurgen. In der Regel ein Risiko, dem vor allem Profis ausgesetzt sind. „Manchmal kommen auch begeisterte Amateure in meine Praxis, die sich verbessern wollen und nach vorbeugenden Maßnahmen fragen“, sagt Dr. Alexander Schmidt.

WIRBELSÄULE

Wolfgang „Wölli“ Rohde, der Schlagzeuger der Toten Hosen, musste nach mehreren Bandscheibenvorfällen die Sticks endgültig beiseitelegen. Und auch Orchestermusiker haben das gleiche Problem wie viele Büroangestellte – sie sitzen sehr lange am Stück, und das bereitet Rückenschmerzen. Wenn dann noch die Haltung beim Spielen ungesund ist, wird’s besonders kritisch.

Auch Geiger haben im Nackenbereich oft Probleme, da sie krumm sitzen, den Kopf geknickt halten und einseitig belasten. Dagegen hilft vorbeugend Bewegung, also Sport. Wenn die Probleme zu weit fortschreiten, droht andernfalls das Karriereende.

BEINE

Im klassischen Orchester treten hier seltener Probleme auf, bei Rockdrummern sind Knieprobleme ein Thema. Meniskusschäden sind unter Schlagzeugern ein Risiko, da sie sehr oft und sehr hart das Gelenk belasten, wenn sie mit den Füßen die Bassdrum treten. Experten empfehlen daher, die Anordnung der Trommeln und die Sitzhöhe zu kontrollieren.

Bei besonders anspruchsvollen Schlagzeugstücken besteht die Gefahr einer fokalen Dystonie im Fußbereich (siehe Nervensystem). Eher selten: Foo-Fighters-Sänger Dave Grohl brach sich bei einem Sprung von der Bühne in die Menge das Bein und musste danach mit Gipsbein die Tour beenden. Dagegen hilft: nicht Stagediven.

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