Kurztrip nach Estland : 48 Stunden im wärmenden Tallinn

Wenn’s draußen zu kalt wird, kuscheln sich Touristen bei Bärenschnitzel in flauschige Merinopullis. Wer dann immer noch friert, geht eben tanzen.

Durch das Viru-Tor gelangen Touristen in Tallinns Altstadt.
Durch das Viru-Tor gelangen Touristen in Tallinns Altstadt.Foto: imago

10 Uhr
Was unterscheidet den estnischen Sommer vom Winter? Im Winter gibt es keine Mücken – sagen die Esten. Eine recht nüchterne Sichtweise, dabei hat die Hauptstadt Tallinn in der kalten Jahreszeit einige Orte zu bieten, um Nasenspitze und Herz zu wärmen. Einer von ihnen ist die „Rost Bakery“ (Rotermanni 14) im zentralen Rotermann-Viertel. Hier werden, so heißt es, die besten Zimtschnecken der Stadt gebacken. Die stammen zwar eigentlich aus Schweden, doch die Esten fühlen sich mehrheitlich ohnehin skandinavisch. Geografisch gehört das kleine Land mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern zu Nordeuropa, nur 80 Kilometer Luftlinie von Helsinki entfernt. Historisch gehörte Estland bis 1991 zur Sowjetunion.

In der „Rost Bakery“ schmeckt der Kaffee zwar etwas eigensinnig nach nordischer Röstung, doch kann man sich hier bestens umschauen und der estnischen Sprache lauschen: Die kleinen Holztische neben der offenen Backstube teilt man sich mit Touristen, Erasmus-Studenten und Freiberuflern, die irgendwas mit IT machen. Wer mag, blättert in einer der herumliegenden Ausgaben des „New Yorker“ und fühlt sich wie im Zentrum der Welt.

12 Uhr
Anschließend ein Spaziergang durchs Rotermann-Viertel. Das frühere Industriequartier ist heute ein Designareal. Wo früher Stärke, Tische, Makkaroni und Mehl in Backstein-Fabrikgebäuden hergestellt wurden, bieten Händler und Gastronomen heute schicke Klamotten, regionales Bio-Fleisch und mexikanisches Essen an. Daneben, dazwischen und darüber stehen neue Häuser, gewagte Konstruktionen aus Stahl und Glas. Etwa der umgebaute alte Mehlspeicher mit großzügigen Erkern und Panorama-Fenstern, dessen rostige Stahl-Fassade an die industrielle Vergangenheit des Ortes erinnert.

Zu Füßen dieses Projekts des estnisch-japanischen Architekten-Duos Hayashi und Grossschmidt liegt der Rotermann-Platz, auf dem sich am Wochenende die Einheimischen treffen und traditionelle Tänze aufführen. Tanzen gehört wie Singen zur Allgemeinbildung im Land. Nach der Schule muss jeder Este mindestens drei klassische Tänze beherrschen. Besonders beliebt: englischer Walzer und finnischer Tango.

Das Rotermann-Viertel ist heute beliebt bei Designern.
Das Rotermann-Viertel ist heute beliebt bei Designern.Foto: Mauritius

13 Uhr
Im „Tallinn Design House“ (Rotermanni 14) gleich um die Ecke kann man nicht nur gucken, sondern auch fühlen (kuschelige Merinowolle!) und kaufen. Alles von estnischen Designern, meist Made in Europe. Neben den Strickpullovern in gedeckten Farben eignet sich auch die Keramik in Pastelltönen gut als Mitbringsel. Die Esten haben einen Sinn für Ästhetik: Auf 800 Einwohner kommt ein Designer. Und die arbeiten besonders gerne mit Holz – für Brillengestelle oder ganze Häuser.

14 Uhr
Durch eines der drei noch erhaltenen Stadttore, das Viru-Tor mit seinen zwei Türmen, betritt man die Altstadt. Schimmernde Zuckerbäckerfassaden, rote Ziegeldächer, spitze Kirchtürme, der blitzblanke Rathausplatz, über den am Sonntag halb Tallinn flaniert. Die Stadt gehört zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Städten Europas. Im Winter sind weniger Touristen in den Kopfsteinpflaster-Gassen unterwegs, dann kann man sich ganz ungestört vor dem Aufstieg auf den Domberg mit einem Gewürz-Glühwein stärken und von innen aufwärmen. Der sogenannte Glögg wird an Straßenständen an fast jeder Ecke verkauft.

15 Uhr
Bevor die Sonne untergeht, im Dezember bereits um halb vier, noch schnell auf den Domberg klettern. Zwei Wege führen von der Unterstadt, der Altstadt, zur Oberstadt, auch Domberg genannt. Der eine ist länger, der andere kürzer, also nennt man sie „langes“ und „kurzes Bein“. Tallinn müsse dann ja wohl humpeln, stellen die Touristenführer fest. Ganz egal, wie: Von oben bietet sich ein schönes Panorama der Stadt. Bei Sonne leuchten die Dachziegel der Häuser besonders rot, glitzert das Meer besonders blau. Und man sieht fast bis nach Finnland.

18 Uhr
Wieder nach unten, zurück in die Altstadt und raus durchs Viru-Tor. Dann sieht man es schon: das Sokos Hotel Viru (Viru väljak 4), ein eher schmuckloser Klotz mit grauer Fensterfront. Mit 74 Metern Höhe war das Viru der erste und bis 1980 höchste Wolkenkratzer von Tallinn. Zur Sowjetzeit das einzige von Ausländern geführte und eben jenen zugängliche Hotel der Stadt. Und komplett verwanzt. Im obersten Stockwerk befand sich die geheime Überwachungszentrale des KGB.

Eine Anekdote aus dieser Zeit geht so: Als einmal eine finnische Schauspielerin zu Gast im Hotel war, in deren Zimmer das Klopapier fehlte, stellte sie sich in die Mitte des Raumes und sang über ihre Not(durft). Kurze Zeit später klopfte es: Zimmerservice. Heute ist die KGB-Zentrale ein Museum mit wunderbarem Ausblick aus der 23. Etage. Nach dieser Geschichtsstunde erst mal einen Drink in der „Valuutabaar“ („Devisenbar“) im ersten Stock. Oder man kommt später nochmal wieder – donnerstags bis samstags wird Karaoke gesungen.

20 Uhr
Dafür, dass das „Kaks Kokka“ (Mere puiestee 6E) im Rotermann-Viertel zu den besten Restaurants der Stadt gehört, ist es angenehm unprätentiös. Gespeist wird an langen Holztischen, Platz genommen auf weißen Stühlen oder Bänken, den Rücken an Kissen in gedeckten Farben gelehnt. Die Deckenlampen im Industrial-Design verströmen ein heimeliges Licht. Auch die Kellnerinnen sind so freundlich, dass man sich rundum gut aufgehoben fühlt. Die zwei Chefköche Ranno Paukson und Martin Meikas arbeiten mit überwiegend regionalen Produkten: Serviert werden zum Beispiel Elch aus Saaremaa (Estlands größter Insel) mit Forellenrogen, Moos und Meerrettich oder Crème brûlée mit Wacholder und Blaubeeren.

10 Uhr
Katharinental (Kadriorg) im Nordosten gilt als eine der edelsten Wohngegenden Tallinns. Hier stehen zahlreiche aufwendig restaurierte Holzhäuser aus dem 19. und 20. Jahrhundert, meist in Pastellfarben gestrichen, manche sogar richtig bunt. Das „Gourmet-Coffee“ dagegen ist in einem moderneren grauen Townhouse untergebracht. Hier bekommt man den vielleicht besten Espresso der Stadt. In nordischer Wohnzimmeratmosphäre werden außerdem üppig belegte Brote, Selbstgebackenes, Porridge oder „Morning Pasta“ mit Grünkohl und Bacon serviert. „Frühstück“ heißt auf Estnisch übrigens „Hommikusöök“.

12 Uhr
Gut gestärkt geht es weiter Richtung Grün. Der Park von Schloss Katharinental ist am Wochenende ein beliebtes Ziel für Tallinner Familien. Auch im Winter lohnt sich ein Ausflug in den Stadtgarten mit seinem Schwanenteich, dem japanischen Garten und dem pinken Schloss im Barockstil, dem er seinen Namen verdankt. In der weitläufigen Parklandschaft haben sich auch einige Museen angesiedelt. Ein Höhepunkt: das nationale Kunstmuseum „Kumu“ (A. Weizenbergi 34), das sich als Halbkreis mit breiter Fensterfront aus dem Park erhebt.

Der Bau, für den der finnische Architekt Pekka Vapaavuori Kalkstein mit Holz und Kupfer kombiniert hat, beherbergt die größte Kunstsammlung der baltischen Staaten. Unweit davon, ebenfalls im Park, steht auch der estnische Präsidentenpalast. Die aktuelle Präsidentin Kersti Kaljulaid wohnt aber lieber in ihrem privaten Zuhause.

14 Uhr
Auf drei Esten kommt eine Sauna, heißt es. Wie in Finnland gehört Saunieren hier zum Kulturgut. Gut vier Kilometer von Katharinental Richtung Westen, im Bezirk Kalamaja, befindet sich die traditionelle „Kalma Saun“ (Vana-Kalamaja 9a). Brutalistische Betonarchitektur von 1928, gemütlich ist das nicht gerade. Aber eine Reise in die Zeit der sowjetischen Besatzung allemal. Mit Holzheizung und Birkenzweigen. Die Geschlechter werden hier getrennt, wer vorher anruft, kann private Kabinen reservieren. Oder doch gemeinsam mit den Esten der Winter-Depression trotzen, die das Land ab November überkommt?

17 Uhr
Prenzlauer Berg schmeckt nach Himbeere. Zumindest in der „Põhjala Brewery“ (Peetri 5), der bekanntesten Craft-Beer-Brauerei Estlands, die neben dieser speziellen Sorte Berliner Weiße schon einige andere Berliner Ortsteile im Sortiment hatte. Seit 2008 steht das Backsteingebäude mit Restaurant und Bar im neuen Hafenviertel Noblessner, knapp 20 Minuten Fußweg von der Kalma-Sauna entfernt. In der Nachbarschaft, direkt am Wasser, wurden in den vergangenen Jahren die teuersten Eigentumswohnungen der Stadt hochgezogen. Früher war die Küste militärisches Sperrgebiet, heute wird in den Hallen einer ehemaligen U-Boot-Werft um die Ecke (Peetri tänav 12) avantgardistische Kunst ausgestellt.

20 Uhr
Wenn man keine Angst vor Kitsch hat, kann man einen Besuch im Mittelalter-Restaurant „Olde Hansa“ (Vana turg 1) in der Altstadt wagen. Auf der Karte stehen Bärenschnitzel, Wildschweinwurst, Elch, Sauerkraut, Linsen und Rüben nach Rezepten aus dem 15. Jahrhundert. Ausschließlich Kerzenschein erhellt die großen Räume auf drei Etagen. Die Kellner sind verkleidet, einige sprechen sogar mit verstellter Stimme. Und wäre das nicht schon Mittelalter-Feeling genug, geben auch noch Flötenspieler altertümliche Melodien zum Besten. Zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, spätestens nach drei Honigbier schunkelt man aber mit.

Falls Ihnen nach dem vierten oder fünften Bier auf dem Weg ins Hotel ein Monster erscheint: Das kommt, der Legende nach, aus dem See neben dem Flughafen. Und könnte Sie fragen, ob Tallinn schon fertig ist. Sagen Sie auf jeden Fall „Nein“! Sonst, so erzählen sich die Esten, wird es die Stadt, die niemals fertig sein darf, unter einer Flut begraben.

Reisetipps für Tallinn

Hinkommen:

Von Berlin-Tegel fliegt Baltic Air in knapp zwei Stunden direkt, ab 80 Euro hin und zurück.

Unterkommen:

Hotels sind in Tallinn relativ preiswert. Sehr zentral, zwischen Altstadt und Rotermann-Viertel gelegen, steht das Nordic Hotel Forum. Mit reichhaltigem Frühstücksbuffet und Fußbodenheizung im Bad. Ab etwa 90 Euro pro Nacht im Doppelzimmer,

nordichotels.eu.

Rumkommen:

Mit der Tallinn Card für 24, 48 oder 72 Stunden erhält man freien Eintritt in mehr als 40 Museen und anderen Touristen-Attraktionen. Außerdem beinhaltet sie alle Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr. Ab 26 Euro für 24 Stunden, online schon vor der Reise erhältlich unter visittallinn.ee.

Das KGB-Museum und die Aussicht aus der 23. Etage im Hotel Viru sind nur nach vorheriger Anmeldung zu besichtigen, viru.ee.

Die Recherche wurde unterstützt vom Reiseveranstalter FTI. Mehr Infos unter fti.de.