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Heimatfront. Zehntausende Syrer leben in den Flüchtlingslagern von Arsal, immerhin: Sie dürfen auch abends ihre Zelte verlassen. In anderen Städten wurde eine Ausgangssperre verhängt.
© Jacob Russell

Bürgerkrieg in Syrien: Libanon platzt aus allen Nähten

„Dreckiger Syrer, du Terrorist!“, riefen die Männer, als sie auf ihn eintraten. Eine Million Flüchtlinge hat der Libanon aus dem Nachbarland aufgenommen. Gegen sie richtet sich die Angst und Wut der Bevölkerung. Die Regierung ist überfordert, jetzt nehmen Bürger das Recht in die Hand.

Der Angriff kam unerwartet. Wie jeden Abend saß Mohamad am 22. September nach der Arbeit noch eine Weile vor dem Supermarkt in seiner Nachbarschaft, dem christlichen Viertel Dekouane im Osten Beiruts. Plötzlich tauchen zwei junge Männer vor ihm auf. „Wir wollen hier keine Syrer“, sagte der eine. Noch bevor Mohamad antworten konnte, zog der andere Mann seine Hand aus der Tasche, um die Finger einen Schlagring, und schlug Mohamad mit voller Wucht ins Gesicht. Mohamad versuchte zu fliehen, doch der erste Mann packte ihn am T-Shirt und stach mit einem Messer viermal auf ihn ein. Mohamad hörte noch die Schreie der Anwohner, bevor er bewusstlos auf dem Asphalt zusammenbrach.

Mohamad Ismael, 21, spricht leise und monoton von den Ereignissen an jenem Abend. Erst vor fünf Tagen ist er aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die starken Schmerzmittel lähmen seine Zunge. Sein linkes Auge ist von dem Schlag noch immer blutunterlaufen, durch die Schläfe ziehen sich die Fäden einer genähten Stichwunde. Der junge Mann liegt auf einem schmalen Bett in einer kleinen Kellerwohnung in Dekouane. Die Fenster sind schmutzig und vergittert, nackte Neonlampen spenden Licht. Trotz eines Ventilators am Ende des Raums ist es stickig.

Es ist die Wohnung eines syrischen Freundes. In seine Wohngemeinschaft traut sich Mohamad nicht zurück. Freunde seiner Angreifer sind dort aufgetaucht, nachdem die Polizei die Täter geschnappt hatte. Sie haben gedroht, ihn endgültig umzubringen, sollte er seine Aussage nicht zurückziehen. „Ich überlege, es zu tun“, sagt Mohamad mit starrem Blick. „Ich will hier nicht bleiben, aber ich kann auch nirgendwo anders hin.“

Fast 1,2 Millionen Syrer sind in den Libanon geflohen

Fast 1,2 Millionen Syrer sind seit Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs in den Libanon geflohen. Täglich kommen Tausende hinzu. Sie überfordern das Land, das selbst nur vier Millionen Einwohner hat. Viele Menschen machen die Flüchtlinge für fehlende Jobs und Lohndumping verantwortlich, für überfüllte Krankenhäuser und Schulen.

Seit zwei Monaten nun häufen sich Angriffe auf syrische Flüchtlinge. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vom 30. September dokumentiert zahlreiche Vorfälle, in denen libanesische Privatpersonen Syrer verprügelt, mit Messern attackiert oder auf sie geschossen haben. Mindestens 45 Gemeinden im Libanon haben inzwischen widerrechtlich Ausgangssperren für Syrer verhängt. Human Rights Watch beklagt, dass die libanesischen Behörden kaum Maßnahmen ergreifen, um die Angriffe zu verhindern oder strafrechtlich zu verfolgen. Die Attacken geschehen „in einem Klima offizieller Gleichgültigkeit und Diskriminierung“, heißt es in dem Bericht.

Mohamad lebt seit vier Jahren im Libanon. Damals ist er nach Beirut gezogen, um seine Familie in Aleppo zu unterstützen. Er fand Arbeit in einer kleinen Nähfabrik und schickte jeden Monat 400 US-Dollar zu seinen Eltern und sechs Geschwistern. Als der Bürgerkrieg ausbrach, floh seine Familie in die Türkei. Mohamad kann nicht zu ihnen, weil er in Syrien keinen Militärdienst geleistet hat und daher keinen Pass besitzt. Außerdem sei seine Familie von ihm abhängig. „Ich habe ihnen noch nichts von dem Angriff erzählt“, sagt er, „es wäre zu schlimm für sie.“

Wie die Situation in den Grenzstädten aussieht

Heimatfront. Zehntausende Syrer leben in den Flüchtlingslagern von Arsal, immerhin: Sie dürfen auch abends ihre Zelte verlassen. In anderen Städten wurde eine Ausgangssperre verhängt.
Heimatfront. Zehntausende Syrer leben in den Flüchtlingslagern von Arsal, immerhin: Sie dürfen auch abends ihre Zelte verlassen. In anderen Städten wurde eine Ausgangssperre verhängt.
© Jacob Russell

Wer verstehen will, warum sich die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen so massiv verschlechtert hat, muss nach Arsal ins Bekaa-Tal fahren, in den Nordosten des Landes, an die Grenze zu Syrien. Weil die Stadt so nah am Nachbarland liegt, haben viele syrische Kämpfer ihre Familien hier untergebracht. Sie nutzen Arsal als Rückzugsort.

Am 2. August hat das libanesische Militär hier Imad Ahmad Jomaa, den Anführer der Fajr al-Islam Brigaden, aufgegriffen. Die Rebellengruppe hat diesen Sommer ihre Loyalität zur Terrormiliz Islamischen Staat (IS) bekundet. Binnen weniger Stunden nach seiner Festnahme drangen syrische IS-Kämpfer und Mitglieder der Al-Nusra-Front in Arsal ein und umzingelten ein Polizeigebäude.

Nachdem sie erfolglos die Freilassung ihres Anführers gefordert hatten, lieferten sich die Islamisten fünf Tage lang heftige Feuergefechte mit dem libanesischen Militär, nahmen über zwei Dutzend Sicherheitskräfte als Geisel und verschleppten sie nach Syrien.

Die Straße nach Arsal führt an zahlreichen Checkpoints vorbei. Immer wieder staut sich der Verkehr, weil Familienangehörige der entführten Soldaten Straßensperren mit brennenden Reifen errichtet haben. Sie wollen der Regierung Druck machen, die Geiseln zu befreien. Durch hügelige Landschaften geht es an Steinbrüchen entlang in die Stadt. Dort ist kein Militär mehr zu sehen. Am östlichen Stadtrand beginnt das Niemandsland. Derzeit ist das Gebiet in der Hand von IS und al-Nusra.

In der Stadt gibt es mehr Flüchtlinge als Einwohner

Dunkle Wolken ziehen an diesem Samstag über der Stadt auf. Nur wenige Menschen sind in Arsal auf der Straße, ihre Blicke sind düster und misstrauisch. Karge Häuser aus Betonziegeln stehen scheinbar willkürlich in der Landschaft, dazwischen haben sich einzelne Flüchtlingslager gebildet. Zehntausende Syrer sind seit Ausbruch des Bürgerkriegs hierhergekommen. Schätzungen zufolge übersteigt ihre Zahl inzwischen die 45 000 größtenteils sunnitischen Einwohner.

In den Camps spielen Kinder in Pfützen, Männer rauchen Wasserpfeife, Frauen versuchen, Ordnung in den Zelten zu schaffen. Die Menschen wirken still und eingeschüchtert. Seit den Kämpfen im August hat das libanesische Militär zahlreiche Razzien in den Lagern durchgeführt und hunderte Männer festgenommen. Das Militär sagt, dass sie auf der Suche nach Islamisten waren. Die Flüchtlinge sagen, dass die Armee sich an den Flüchtlingen rächen wollte. Einige Männer zeigen ihre von den Fesseln aufgescheuerten Handgelenke, erzählen, wie Soldaten auf sie eingeprügelt haben.

Ein verstörter Mann irrt auf der Straße umher. Seinen Namen will er nicht sagen, die Augen hat er vor Angst weit aufgerissen. Er erzählt, wie das Militär ihn hier am 19. September aufgegriffen hat, ihm die Augen verband und an einen unbekannten Ort verschleppte. „Gib zu, dass du zu IS gehörst“, sollen sie zu ihm gesagt haben. „Ich schwöre, ich bin nur ein einfacher Bauer aus Homs“, habe er geantwortet. Immer wieder hätten sie ihn geschlagen. Tagelang. Mit seiner Frau durfte er in der Zeit nicht sprechen.

"Die Libanesen hassen uns", sagt er

Vor fünf Tagen haben sie ihn ohne weitere Begründung in Zahle ausgesetzt, 70 Kilometer von Arsal entfernt. Als er nach einem Sammeltaxi suchte, attackierte ihn eine Gruppe von Männern. „Dreckiger Syrer“ und „Terrorist“ riefen sie, während sie auf ihn einprügelten. Unter seinem rechten Auge ist noch immer ein dunkler Bluterguss zu sehen, daneben eine Schürfwunde. „Die Libanesen hassen uns“, sagt der Mann. „Sie machen uns für alles Schlechte verantwortlich, was in dem Land passiert.“

Am Ende einer verwinkelten Gasse, im unteren Stockwerk der Abu Taquieh Moschee, haben syrische Regimegegner ein Krankenhaus für die Flüchtlinge aufgebaut, finanziert von privaten Spendern aus Katar, Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Derzeit sind nur wenige Patienten hier, sie warten auf Medikamente gegen Husten und Schnupfen. Die syrischen Ärzte und Krankenschwestern berichten, wie sie in den vergangenen Wochen hunderte Flüchtlinge behandelt haben, die das libanesische Militär zuvor festgenommen hatte. „Viele sind misshandelt worden“, sagt Doktor Kassem al-Zein. „Sie hatten Kopfverletzungen und Wunden im Nacken, die von Schlägen mit Gewehrläufen stammten.“

Wer die Ärzte fragt, ob sie hier auch Kämpfer behandeln, erntet Schweigen. Explizit bestätigen will es niemand. „Sollten Rebellen unter unseren Patienten sein, dann kommen sie nur wegen der Behandlung, nicht, um im Libanon zu kämpfen“, sagt al-Zein vage.

Wie die Bürger das Recht selbst in die Hand nehmen

Heimatfront. Zehntausende Syrer leben in den Flüchtlingslagern von Arsal, immerhin: Sie dürfen auch abends ihre Zelte verlassen. In anderen Städten wurde eine Ausgangssperre verhängt.
Heimatfront. Zehntausende Syrer leben in den Flüchtlingslagern von Arsal, immerhin: Sie dürfen auch abends ihre Zelte verlassen. In anderen Städten wurde eine Ausgangssperre verhängt.
© Jacob Russell

In seiner Wohnung in Beirut sitzt Ahmed Fatfat in einem weißen Polstersessel. Kristallschalen gefüllt mit belgischer Schokolade stehen auf den Couchtischen. Der sunnitische Parlamentarier seufzt. „Unsere Regierung ist so schwach, dass im Libanon jeder Politik machen kann“, sagt er. Fatfat, 61, setzt sich seit Beginn der Flüchtlingsströme für offizielle Flüchtlingslager ein. Im Gegensatz zu Jordanien und der Türkei hat der Libanon bis heute keine gebaut. Die Flüchtlinge leben überall im Land verstreut. Dabei liegen die Vorteile laut Fatfat auf der Hand: „In offiziellen Camps hätten wir Kontrolle über die Administration, Bildung, sanitäre Einrichtungen – und, am wichtigsten, über die Sicherheit.“

Fatfat fürchtet, dass die Angriffe auf Flüchtlinge weiter zunehmen werden. Er spricht von einem Teufelskreis: „Die Menschen wollen die Syrer vertreiben, weil sie Angst vor syrischen Kämpfern haben“, sagt er. „Doch die Gewalt könnte viele Flüchtlinge überhaupt erst zu Kämpfern machen.“

Der Bau offizieller Unterkünfte scheiterte bisher jedoch am Veto der Hisbollah und ihrem christlichen Koalitionspartner. „Sie haben eine dogmatische Position, keine pragmatische“, sagt Fatfat. Zum einen wollen die Christen und Schiiten im Libanon keine Strukturen schaffen, die über einer Million sunnitischen Syrern langfristig ein Zuhause bieten. Zum anderen will die Hisbollah verhindern, dass sich in funktionierenden Camps eine organisierte syrische Opposition bilden kann. „Wir haben eine rote Linie erreicht“, sagt Fatfat, „wenn sich die Regierung nicht bald des Problems annimmt, werden es die Menschen tun.“

Viele Libanesen sind die Untätigkeit ihrer Regierung leid

In vielen Gegenden sind die Libanesen die Untätigkeit der Regierung längst leid. Etwa in Ras Baalbek. Das christliche Dorf liegt nur acht Kilometer nördlich von Arsal, doch die Städte trennen Welten. In Ras Baalbek stehen gepflegte Anwesen aus hellem Stein nebeneinander, die Rasen in den Vorgärten sind gestutzt, Wein wächst auf den Unterständen für die Autos. Die Bürger gehen am Sonntagmorgen in die Kirche. Danach betrinkt sich die Jugend auf dem Marktplatz.

Syrische Flüchtlinge sieht man auf den Straßen nicht, obwohl es einige hundert in Ras Baalbek gibt. An einem Zaun hängt ein Schild: „Ausländische Arbeitskräfte dürfen nach 20.30 Uhr nicht mehr herumlaufen.“ Ausländische Arbeitskräfte – damit sind syrische Flüchtlinge gemeint.

Dass sie die Ausgangssperre einhalten, dafür wollen Männer wie Rifaat Nasrallah sorgen. Vor eineinhalb Jahren hat der 49-jährige Unternehmer mit 20 Mann eine Bürgerwehr gegründet. Zuvor hatten syrische Rebellen seine Fabrik geplündert und ein Dutzend Angestellte entführt. Immer häufiger landeten Raketen syrischer Rebellen auf den Feldern vor Ras Baalbek. „Sie attackierten uns und unser Land“, sagt Nasrallah. „Die Armee beschützt uns nicht ausreichend – wir hatten genug.“

Insgesamt haben sich über 100 Männer Nasrallahs Truppe angeschlossen. In Gruppen von vier bis acht Leuten ziehen sie durch die Straßen und halten Wache an Beobachtungspunkten, die den Blick nach Syrien freigeben. Die meisten von Nasrallahs Männern haben Kampferfahrung. Sie waren in der libanesischen Armee oder haben während des libanesischen Bürgerkriegs in paramilitärischen Gruppen gekämpft. Nasrallah selbst gehört Saraya al-Muqawama an, einer schiitisch-christlichen Gruppe, die vor zehn Jahren von Hisbollah trainiert und bewaffnet wurde.

In die Kirche geht er nicht mehr. Er geht auf Patrouille

Nasrallah ist groß und kräftig, er spricht in knappen Sätzen und lächelt selten. Selbst in seinem Haus trägt er eine Waffe im Hosenbund. In die Kirche geht er sonntags nicht mehr, seit er nachts in Camouflage auf den Straßen von Ras Baalbek patrouilliert. „Ich muss tagsüber schlafen, um nachts wachsam zu sein.“ Wenn er etwas Auffälliges sieht, alarmiert er das Militär. Vor einigen Monaten habe er zwei Autos gestoppt, die mit Sprengstoff gefüllt waren. „Vielleicht sind nicht alle Syrer schlechte Menschen“, sagt Nasrallah, „aber wir können ihnen nicht trauen.“

Am Abend wird er wieder seine Militäruniform anziehen und sich seine Kalaschnikow über die Schulter hängen. An seinem Wachposten außerhalb der Stadt wird er die Kämpfe zwischen dem libanesischen Militär und den Islamisten nahe Arsal hören. Auf der Straße nach Beirut werden Familienangehörige der entführten Soldaten wieder demonstrieren, Barrikaden bauen und Reifen anzünden. Und in seinem kargen Zimmer in Dekouane wird Flüchtling Mohamad wie jede Nacht nicht einschlafen können und sich fragen, wie er in diese ausweglose Situation geraten ist.

Der Text erschien auf der Dritten Seite des gedruckten Tagesspiegels.

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