112 Jahre Cinema Austria : Versuchsstation des Weltuntergangs

Von Michael Kertész bis Christoph Waltz: Die Dokumentation „Cinema Austria“ beleuchtet das breite Spektrum des österreichischen Films.

Manfred Riepe
Für die Darstellung des zynischen SS-Offiziers Hans Landa bekam Christoph Waltz 2010 den ersten seiner inzwischen zwei Oscars.
Für die Darstellung des zynischen SS-Offiziers Hans Landa bekam Christoph Waltz 2010 den ersten seiner inzwischen zwei Oscars.Foto: Paul Buck/dpa

Nach den Oscars für Christoph Waltz, Michael Haneke und Stefan Ruzowitzky wird Österreich erneut als innovatives Filmland wahrgenommen. Der Begriff „Feel-bad-Movies“ wurde zum Markenzeichen für das unbequeme, aber erfolgreiche Kino der Alpenrepublik. Eine Arte-Dokumentation rekapituliert die ersten 112 Jahre Cinema Austria.

Todessehnsüchtige Visionen gehören zum kulturellen Gen der Österreicher. Man versteht sich, so Karl Kraus, als „Versuchsstation des Weltuntergangs“. Im Kino war das nicht immer so. Der austro-britische Regisseur Frederick Baker erinnert an die Frühphase, die keineswegs düster und morbide daherkam. Österreich war ein Schmelztiegel, in dem verschiedene Kulturen zusammenlebten. Stummfilme aus dieser Zeit waren zugängliche Publikumsproduktionen für Jedermann. Mit „Sodom und Gomorrha“ entstand 1922 in Wien sogar einer der ersten Blockbuster überhaupt. Regie führte ein Ungar namens Michael Kertész, heute besser bekannt als der „Casablanca“-Regisseur Michael Curtiz.

[„Cinema Austria – Die ersten 112 Jahre“, Arte, Mittwoch, 22 Uhr]

Die Dokumentation rekapituliert auch die goldene Zeit der Wiener Rosenhügel-Filmstudios. Während der 20er Jahre zählten sie zu den innovativsten Produktionsstätten weltweit. Im hier entstandenen Stummfilmdrama „Café Electric“ von 1927 machte Marlene Dietrich mit ihrer ersten Hauptrolle auf sich aufmerksam. Eine geplante Zusammenarbeit mit Hollywood wurde schließlich verhindert. Begründung: Der Regisseur des projektierten Films, Billy Wilder, sei Jude.

Propaganda nach dem Anschluss

Auf Veranlassung von Joseph Goebbels produzieren die Rosenhügel-Ateliers nach dem Anschluss Österreichs einen der perfidesten Propagandafilme: „Heimkehr“ von 1941 mit der Burgtheater-Ikone Paula Wessely sollte den NS-Überfall auf Polen rechtfertigen. Der Gegensatz zu „Stadt ohne Juden“ könnte nicht größer sein. Der einzigartige österreichische Stummfilm aus dem Jahr 1924 nahm die spätere Pogromstimmung mit gespenstischer Prophetie vorweg.

Diese düstere Epoche wurde in der Nachkriegsära mit belanglosen Lustspielen zugedeckt. Talente wie Romy Schneider suchten die künstlerische Herausforderung im Ausland. Erst im Zuge der Wiedergeburt des österreichischen Films forcierten Filmschaffende wie Axel Corti und später Ruth Beckermann die Aufarbeitung der braunen Vergangenheit. Ist es Zufall, dass der österreichische Darsteller Christoph Waltz weltweit bekannt wurde in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, wo er als sadistischer „Judenjäger“ einen der fiesesten Nazis aller Zeiten verkörperte?

Baker schlägt einen weiten Bogen von den Anfängen bis zum Gegenwartskino. Interviews mit Michael Haneke, Klaus Maria Brandauer und Jessica Hausner führen die Facetten des österreichischen Films vor Augen. Eine Schlüsselrolle spielt der früh verstorbene Michael Glawogger, der mit bildgewaltigen Dokumentationen die Schattenseiten der Globalisierung in den Fokus rückte. Dessen Credo – „Ein Ort, an dem es stinkt, an dem kann man gute Filme drehen“ – könnte man als Leitspruch über das Cinema Austria setzen. Filme von Ulrich Seidel, Protokolle seelischer Verwahrlosung, loten die Schmerzgrenze des Kinos aus. Selten wurde die Essenz österreichischen Filmschaffens so prägnant zusammengefasst wie in dieser Dokumentation, die durch den Einsatz einer aufwendigen 3D-Scanning-Methode auch visuelle Akzente setzt. Manfred Riepe

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