zum Hauptinhalt
Verdächtig: Anton Maler (Christopher Schärf, r.) befindet sich im Kiosk des Mordopfers, als die Leiche entdeckt wird. Doch war er deswegen auch der Täter?
© SWR/Benoit Linder

Der „Tatort“ aus Ludwigshafen: Aufdringlicher Engel

Psychogramm eines Narzissten: der Ludwigshafener „Tatort – Der böse König“.

Wer träumt nicht manchmal davon, eine strahlende Held*in zu sein, von allen bewundert und geliebt? Dafür gibt es offenbar das anschauliche Fachwort „Grandiositätsverlangen“, sofern man dem aktuellen Ludwigshafener „Tatort“ glauben darf. Die Realität ist dann leider meist weniger grandios, was die allermeisten Menschen aber einigermaßen verkraften.

Die Titelfigur in „Der böse König“, wie die SWR-Folge mit Ulrike Folkerts und Lisa Bitter heißt, kann das auf zunehmend beängstigende Weise überhaupt nicht. Der vom erfahrenen Drehbuch-Autor und Regisseur Martin Eigler geschriebene und inszenierte Film schmeckt anfangs nach gewöhnlicher Krimi-Kost, entwickelt sich aber nach und nach zu einer enorm spannenden Konfrontation mit einer narzisstisch gestörten Persönlichkeit.

Wer beim „bösen König“ an einen ehemaligen Präsidenten denkt, liegt nicht ganz falsch, aber mit Politik hat der 74. Fall mit Kommissarin Lena Odenthal ganz und gar nichts zu tun.

[„Tatort – Der böse König“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15]

Der Pächter eines Kiosks in der sommerlichen Betonwüste Ludwigshafens wurde mit seinem eigenen Baseballschläger getötet. Außerdem wurden 73 Cent gewaltsam in die Luftröhre des Opfers eingeführt. Als eine Frau die Leiche am späten Abend hinter der Verkaufstheke entdeckt, befinden sich noch zwei weitere Personen im Laden. Peter Neubauer (Bernhard Conrad) durchstöbert in aller Ruhe das Wein-Regal und reagiert auch auf den Aufschrei der Frau mit seltsamer Verzögerung. Anton Maler (Christopher Schärf) dagegen kontrolliert immerhin den Puls beim blutüberströmten Sandro Esposito (Christoph Gaugler).

Esposito hatte den schlecht laufenden Kiosk bei Murat Korkmaz (Özgür Karadeniz) gepachtet und die dürftigen Einnahmen mit dem Verkauf synthetischer Drogen aufgebessert. Außerdem scheint Korkmaz mit dem wunderlichen Kiosk-Kunden Neubauer liiert zu sein.

Die heißeste Spur führt allerdings zu Jannik Berg (Pit Bukowski), der noch am selben Abend mit einem Baseballschläger in seiner Stammkneipe gesehen wird. Als ihn Kommissarin Odenthal und Kollegin Stern ausfindig machen, reagiert er ausgesprochen aggressiv – und löscht ein Foto des getöteten Esposito auf seinem Smartphone. An die Tatnacht könne er sich nicht erinnern, erklärt Berg im Verhör. „Die Drogen machen mir einfach zu sehr zu schaffen“, sagt er grinsend.

Zu Entschuldigung einen Blumenstrauß

Dagegen ist der Zeuge Anton Maler, der sich lieber Antoine nennt, ein Ausbund an Zuvorkommenheit. Als er verspätet zur Befragung auf dem Kommissariat eintrifft, bringt er zur Entschuldigung einen Blumenstrauß mit. Er kümmert sich um seine Freundin, die seit einiger Zeit an Übelkeit und einer noch unentdeckten Krankheit leidet. Tatsächlich bestätigt Caro Meinert (Lana Cooper), ihr Freund verhalte sich „wie ein Engel“.

Allerdings ist Maler, der sich als ehemaliger Rettungssanitäter, Jura- und Psychologiestudent vorstellt und in seiner lieblos eingerichteten Wohnung Websites entwickelt („Steve Jobs hat ja auch in einer Garage begonnen“), ein zunehmend aufdringlicher Engel. Mit Kommissarin Johanna Stern versucht er zu flirten, und spätestens, als er der alleinerziehenden Mutter von zwei Kindern abends auf dem Nachhauseweg heimlich mit dem Auto folgt, wird es grenzwertig. Lisa Bitter steht hier mal etwas stärker im Vordergrund als Ulrike Folkerts. Zur ersten Befragung bittet sie Maler vor eine Videokamera, wegen der „Mikroexpressionen“ in den Gesichtszügen, die angeblich verraten, wenn der Verdächtige lügt. Stern ist wieder die junge Kommissarin, die auf moderne Methoden setzt. Auch ihr privater Hintergrund wird mit mehr Details angereichert – passend zum Fall.

[Die Antworten auf die wichtigsten Frage rund ums Impfen gegen das Coronavirus finden Sie in unserem großen Impf-Spezial]

Die Rolle des Narzissten wurde mit dem Österreicher Christopher Schärf besetzt, einem Typen mit feinen Gesichtszügen, dunklen Augen und einer eigenwilligen Bart-Kombination. Auch in der ZDF-Reihe „Die Toten vom Bodensee“ spielt der 42-Jährige einen schwer durchschaubaren, etwas unheimlichen Charakter: einen Nachbarn, der langsam versucht, das Vertrauen der kontaktscheuen Kommissarin zu gewinnen.

Im SWR-„Tatort“ kann Schärf sein Talent für durchgeknallte Typen so richtig ausspielen. Autor und Regisseur Eigler zieht an den sonnenhellen Tagen und in den düsteren Nächten gekonnt die Schraube immer weiter an. Es mag nicht schwer zu durchschauen sein, worauf die Sache hinausläuft, aber so groß wie in „Der böse König“ ist der Gänsehautfaktor in Ludwigshafen eher selten.

Zur Startseite