Bekenntnis eines Kinofilmers : Volker Schlöndorff schaut keinen "Tatort" zu Ende

Was folgt daraus, wenn Volker Schlöndorff den "Tatort" abbricht und Günther Jauch nur schaut, weil seine Frau Fan ist?

Volker Schlöndorff ist Regisseur, Drehbuchautor und Produzent - aber kein "Tatort"-Fan
Volker Schlöndorff ist Regisseur, Drehbuchautor und Produzent - aber kein "Tatort"-FanFoto: dpa

Volker Schlöndorff hat es getan. Der Doyen des deutschen Kinofilms hat in einem „Stern“-Interview bekannt, er habe noch nie einen „Tatort“ zu Ende gesehen.
Hammer, oder? Seit 1970 sind mehr als tausend Krimis in der ARD-Reihe gelaufen. Der „Tatort“ gilt als Kult. Für Millionen Zuschauer ist Fernsehen ohne „Tatort“ möglich, aber sinnlos. Sonntag im Ersten, 20 Uhr 15, Vorspann mit der Titelmusik von Klaus Doldinger, Anfang des Gottesdienstes, der pünktlich nach 90 Minuten seinen Abspann findet. Eine Liturgie im Format eines Kriminalfilms.
Aber Volker Schlöndorff sagt, er habe noch nie einen „Tatort“ zu Ende gesehen. Der Regisseur hält es offenbar aus, einen Mord miterlebt zu haben und vor der Dingfestmachung des Täters aus- oder umzuschalten. Hält er aus, der mittlerweile 80-Jährige. Souverän das, lässig, selbstbewusst.

Günther Jauch outet sich als "Mitzuschauer"

Drehen wir die Perspektive mal um. Es wird bestimmt nicht wenige Zuschauer geben, die seit dem „Taxi nach Leipzig“ jeden einzelnen „Tatort“ gesehen haben. Auch ein Wahnsinn. Seien wir ehrlich, eigentlich verdient es nur jede dritte Folge, dass bis zum Finale um 21 Uhr 45 durchgehalten wird. Okay, das „Herzkino“ im Zweiten ist selbst im Angesicht der Altherrenriegen in München und Köln, des Spaßgedecks in Münster und von Lena Odenthal keine Alternative. Im „Tatort“ wird schon über manche Fragwürdigkeit und Logiglücke hinweggelogen, aber, hey, was sich da in Cornwall oder auf den Schären zusammenrumpelt, das ist Fake-Fernsehen pur.
Nun ist nicht anzunehmen, dass Volker Schlöndorff mit Rosamunde Pilcher auf Wolke sieben schwebt – er sitzt vor dem „Tatort“ und steigt vor dem Ende aus. Das täte vielleicht auch Günther Jauch ganz gerne. Der hat sich gerade als aktiver „Tatort-Mitzuschauer“ geoutet. Seine Frau sei absoluter Fan, also weicht er nicht von ihrer Seite. Das wird vielen anderen Haushalten nicht anders sein. „Tatort“ heißt auch Treue zum „Tatort“ und Treue zum Partner.
Der Mitgucker Günther Jauch präferiert Dokumentationen, der Halbgucker Volker Schlöndorff sagt, er lese lieber. Der „Tatort“ macht aus seinen Zuschauern bessere Menschen.

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